Der LesePeter
des Monats
Juni 2007

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Marie-Aude Murail

 
      für das Jugendbuch  
      Simpel  
         
         
         
         
     

Marie-Aude Murail: Simpel
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Frankfurt: Fischer Schatzinsel  2007
300 Seiten, geb., 13,90 €
 

 
 

 

 Das Beste wäre, wir würden eine Wohnung finden, die wir mieten könnten. Dann wären wir unabhängig….“, sagt der siebzehnjährige Colbert seinem Vater am Telefon. Ein Satz, den Eltern von ihren heranwachsenden Kindern hören. Aber hier ist alles ganz anders. Colbert will nicht etwa mit seiner Freundin zusammenziehen sondern mit seinem zweiundzwanzigjährigen Bruder Simpel. Der ist zurückgeblieben, etwa auf dem Entwicklungsstand eines freundlichen Dreijährigen. Der Vater hat, vier Jahre nach dem Tod der Mutter der Jungen, wieder geheiratet und will ein neues Leben beginnen. Deshalb war Simpel kurze Zeit in einem Heim, Colbert hat ihn aus Malicroix geholt. Er hat sich geschworen, Simpel solle nie wieder so einer Aufbewahrungsanstalt ausgeliefert werden. Und nun versucht Colbert im fremden Paris sein Leben zu organisieren.
Er wird sich dort auf einem Elitegymnasium auf das Abitur vorbereiten. Eine Studenten-WG nimmt die Brüder als Mieter. Die vier - drei Jungen, ein Mädchen – sind so mit sich beschäftigt, dass ihnen gar nicht klar ist, wen sie da aufnehmen. Und als sie es bemerken, hat Simpel schon die Herzen von Enzo und der schönen Aria gewonnen. Simpel lebt in einer Spielwelt mit seinen Playmobilfiguren, sein Stoffhase gibt ihm Sicherheit und ist kritischer Gesprächspartner. Mit ihm bespricht er seine Vorhaben, der macht ihm Mut. Simpel hat feine Antennen für die Stimmung in der WG. Er mag den unsicheren Enzo, der Aria liebt und immer mit anhören muss, wie diese von Emmanuel geliebt wird. Enzo kann die absurden Gespräche mit dem erwachsen Kind unbefangen genießen. Er erkennt, wie „klug“ Simpel ist. Simpel hat seine eigene Logik und bemüht sich darum zu verstehen, was er sieht. Er bezeichnet sich als Idiot, wenn jemand versucht, sein Anderssein zu erklären und weist jeden zurecht, der „böse“ Wörter benutzt.
Für Colbert wird mit Schulbeginn das Leben anstrengend. Die Schule erwartet viel, die hübschen Mädchen locken und Simpel ist den ganzen Tag sich selbst überlassen. Colbert ist fast am Rand des Zusammenbruchs. Er kämpft gegen Müdigkeit, Sorge und Angst. Was er sich vorgenommen hat, ist von einem Schüler einfach allein nicht zu schaffen –aber Colbert ist entschlossen und irgendwie schafft er es und gewinnt Helfer für die Aufgabe, die zunehmend komplizierter wird und an der alle Mitglieder der WG teilnehmen müssen.

Eine wunderbare Geschichte, zu Herzen gehend und spannend. Dabei frisch und originell erzählt. Der Leser darf immer aus einem Abstand das Ganze sehen und erkennt eher als die handelnden Personen, wie absurd eigentlich alles ist. Wenn Simpel von seinem Messer berichtet, das er zur Not einsetzen könnte oder Aria bemitleidet, die keinen Schwanz hat, weiß der Leser schon den Zusammenhang und kann sich am Unverständnis der anderen amüsieren. Als die Vertreterin des Jugendamtes mit Simpel verhandelt, den sie für einen „normalen“ Mitbewohner hält, darf der Leser wissend teilnehmen und hat Spaß an dem Chaos, das darauf folgt. Er erkennt die Not der Handelnden, sieht aber auch die Komik. Simpel ist liebenswert und handelt für sich immer logisch. In Simpels Spielen taucht oft Malicroix auf, dort soll er nie wieder leben, wünscht auch der Leser:
Colbert rührt ganz besonders. Ein kluger, stiller und ganz normaler Junge, der so gern etwas mehr über Mädchen wissen will . Er kann aber seinen Bruder nicht im Stich lassen, zu sehr ist auch er von Malicroix verschreckt. Er nimmt die Last auf sich, er muss und will das schaffen und er hält durch. Seine Haltung verändert auch das Leben der egozentrischen WG-Bewohner. Sie organisieren sich neu –es gibt mehrere beglückende Happy Ends.
Die freche, komische Geschichte erzählt von ganz gewöhnlichen Jugendlichen und ihrem Leben, und zeigt dabei wie ein sehr ernstes Problem erlebt und irgendwie auch gelöst wird. Und es sind hier die jungen Menschen, die sich der Aufgabe stellen, für den Behinderten zu sorgen. Sie sind stärker und mitfühlender – vielleicht nur, weil sie jung und unerfahren sind, mag man denken.

Die Geschichte wird mit Abstand erzählt, mit feinem Humor wird vom Handeln und Planen der Helden berichtet. Viele Dialoge lassen den Leser unmittelbar teilnehmen. Szenen folgen schnell aufeinander, Schauplätze wechseln abrupt. Es geht schnell voran und der Leser muss aufmerksam und wach sein um alles zu verstehen –da geht es ihm wie Colbert. Marie-Aude Murail erschafft ein komisch absurdes Abbild wirklichen Lebens, Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf einen gern verschwiegenen und ängstlich verborgenen Aspekt: Es gibt Menschen, die sich außerhalb der Norm entwickeln. Sie zeigt in ihrer Geschichte, wie ein zarter Junge entschlossen stark handelt, wie fröhliche Egozentriker Mitgefühl und Aufmerksamkeit für andere lernen. Sie macht die Jugendlichen zu Helden im alltäglichen Chaos.

 

 

Marie-Aude Murail (geboren 1954) studierte Philosophie. Seit mehr als zwanzig Jahren sind ihre Kinder- und Jugendbücher in Frankreich bekannt und beliebt. Über 80 Titel sind dort auf dem Markt. Es gibt Fantastisches, Krimis, Liebes- und Abenteuerromane. Deutsche Französisch-Schüler haben an Simpel den prix des lyceens allemands 2006 vergeben. Sie haben den Titel aus einer Reihe von neuen französischen Jugendbüchern ausgewählt. Der Verlag Fischer Schatzinsel bietet deutschen Lesern außer Simpel noch Halb und halb für drei, Von wegen, Elfen gibt es nicht.

Die Titel Babysitter-Blues und Der Geheimnisjäger, zwei Tote zu viel gibt es im Arena –Verlag.

(c) Fischer-Schatzinsel

(pfg für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (avn)
Jugendbuch     (02/06/10)   (pfg)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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