Der LesePeter
des Monats
Mai 2007

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Brigitte Minne

 
      für das Kinderbuch  
      Eichhörnchenzeit  
         
         
         
         
     

Brigitte Minne
Eichhörnchenzeit

Aus dem Niederländischen von Marja Meijer
Illustriert von Andrea Kluitmann
Hamburg: Carlsen 2007
117 Seiten, TB, 5,95 €

 

 
 

 

„Sie ist ein Eichhörnchen, ein Zirkusaffe, ein Hase, eine Schlange und ein Schmusebär zugleich. An einem Tag zaubert sie ein Märchen für uns. Am anderen Tag braut sie eine Suppe, aus der Wolken aus Elend aufsteigen.“ So erklärt sich Amber das Verhalten der Mutter, die mal apathisch, mal euphorisch, mal gereizt erscheint. Eichhörnchenzeit – das ist der Normalzustand zu Hause für Amber geworden. Die Tage, an denen die Mutter immer nur schlafen und ihre Ruhe haben will, wie ein Eichhörnchen im Winterschlaf.
Amber ist ein starkes Mädchen. Längst hat sie gelernt das zu ertragen, was sie für die Launen der Mutter hält; aber nebenher muss sie immer mehr Verantwortung übernehmen: Verantwortung für die Wohnung und den Haushalt, für das Essen und die Schule, für den kleinen Bruder im Kindergarten. Alles hält sie aus, wenn nur die Mutter nicht immer neue Schuhe kaufen und bitterlich weinen würde, wenn es Streit mit dem Vater gibt; dann ist es, „als würde ihre Traurigkeit durch ein unsichtbares Röhrchen“ in Ambers Körper tropfen. Traurigkeit, Schuldgefühle und Gefühle der Hilf- und Hoffnungslosigkeit wachsen in Amber an.
In der Schule ist Amber müde und erschöpft; ihr fehlen die Freunde, weil sie mit ihnen nirgendwohin und niemanden einladen kann. Aber dann lernt sie Nesten kennen, den Jungen, der so gut Fußball spielt und dessen Bruder Marten in Amerika lebt und mit Brad Pitt und Johnny Depp befreundet ist und seinen Geburtstag mit Julia Roberts feiert. Nichts wünscht Amber sich so sehr, als in der Fußballmannschaft zu spielen, am liebsten als Stürmer. Und endlich, endlich darf sie eines Tages an einem Probespiel teilnehmen, an dem sich entscheiden wird, ob sie aufgenommen wird.
Doch an dem Tag passiert etwas Schreckliches. Als sie sich zum Spiel umkleidet, schlägt ihr Fußballgegner zu und weiß sie mit Worten zu verletzen: „Du bist doch die Tochter von dieser Dorfidiotin? Von der Frau, die diese Woche halbnackt auf die Straße gerannt ist?“ Und seine Worte dröhnen wie ein Hammerschlag in Ambers Kopf. Aber es kommt noch schlimmer. Als sie das Spielfeld betritt, steht da am Rand die Mutter. „Sie hat ein rosafarbenes Kleid an und ihre neuen Schuhe mit den Glitzerpailletten. Ihre Haare sind mit einem Schal mit Goldfäden zu einem gigantischen Knoten zusammengebunden, und ich glaube, dass sie sich mindestens ein Kilo Schminke ins Gesicht geschmiert hat.“
Es gibt kein Entkommen. Amber flieht, denn das starke tapfere Mädchen gibt es nicht mehr. Und als die Mutter, „Miss Piggy“, wie die Kinder höhnen, heimkommt, bricht die Anspannung, die Angst, der Frust, der Zorn aus Amber hervor. Sie schreit und klagt die Mutter an und läuft fort und denkt an den Tod. Es gibt keinen Trost.
Doch, es gibt ihn. Als sie am Teich sitzt, stundenlang, raschelt es im Gebüsch und Nesten setzt sich zu ihr. „Marten sitzt im Knast, sitzt er leise.“ Und er gesteht, was keiner weiß: Kein Amerika, kein Frühstück mit Julia Roberts. Und langsam versteht Amber: Da ist noch jemand, dessen Leben nicht so wunderbar verläuft, wie er es sich nach außen hin für die anderen zurechtgezimmert hat. Auch Nesten lebt in einer Traumwelt, in der er seine erdrückenden Probleme zu verdrängen oder zu bewältigen versucht.
Amber kehrt nach Hause zurück, seltsam getröstet. Zu Hause wartet der Doktor, ein neuer junger Arzt, der sich fortan um die Mutter kümmern wird. Und er versteht Ambers Wut. Trotzdem weiß er ihr Wichtiges zu erklären: „Manche Leute haben es am Magen. Sie kotzen den ganzen Tag. Andere haben was an der Lunge. Sie husten wie der Teufel. Deine Mutter ist krank im Kopf. Die Ärzte nennen das psychisch krank. Dann tut sie Dinge, die sie eigentlich gar nicht tun will ... Niemand hat Schuld daran, dass sie so ist: du nicht, dein Bruder nicht, dein Vater, deine Oma oder dein Opa nicht. Aber: Es ist auch nicht ihre Schuld.“
Und das Leben beginnt sich langsam, ganz langsam zu wandeln. „Es ist, als wären die Tiere in ihrem Kopf ein wenig sanftmütiger geworden. Die Schlange ist nicht mehr so giftig.“

 Ein ungemein eindrucksvolles Buch, ganz aus der Perspektive des Mädchens geschrieben, ein Buch, das man allen Betroffenen in gleicher Situation wünschen möchten, Kindern wie Erwachsenen. Trotz allen Leides, das zu ertragen weit über die Kräfte eines Kindes hinaus geht, schafft Amber es, als sie erkennt, dass sie nicht mehr allein ist und sich vor allem nicht zu schämen braucht. Sie lernt, die rasch wechselnden Stimmungen zu verstehen, fühlt sich nicht länger so hilflos und minderwertig.
„Eine Menge Menschen gehen unter, weil sie nicht mit jemandem wie Mama zusammenleben können. Das ist Glück im Unglück, denke ich dann. Aber wir sind stark. Das ist wahr. Wir schlagen uns da schon durch. Ein Schiff, das wüsten Stürmen trotzt und sich nicht vom ersten besten Piraten kapern lässt.“
Ein Buch, das  Mut macht, nicht einfach duldend auszuhalten, sondern sich den Realitäten zu stellen, Gegebenheiten zu akzeptieren, aber dennoch anzugehen gegen das, was einen nach unten zu ziehen droht.

Für alle betroffenen und nicht betroffenen Leser und Leserinnen ab 10 Jahren, die vor allem in irgendeiner Weise mit „Andersartigen“ zu haben.

 

Brigitte Minne: Niederländische Kinder- und Jugendbuchschriftstellerin, arbeitet auch bei Zeitschriften, Theater und Zeichentrickfilmen mit. Der LesePeter Mai 2007 ist die siebzehnte Auszeichnung, die sie für ihr Werk erhält. Bilder aus ihrem Leben finden sich auf ihrer Homepage unter www.brigitteminne.be/bio.htm und www.brigitteminne.be/fotohoek.htm. Unter „vraagjes“ findet sich dort auch ein ausführliches Interview zu ihrer schriftstellerischen Tätigkeit (auf Niederländisch).

(avn für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (avn)
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Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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