Der LesePeter
des Monats
Februar 2007

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Karlijn Stoffels

 
      für das Jugendbuch  
      Marokko am See  
         
         
         
         
     

Karlijn Stoffels: Marokko am See
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Weinheim: Beltz & Gelberg  2006
156 Seiten, broschiert, 6,90 €
 

 
 

 

Issa wohnt im Seeviertel, Witzbolde haben das Schild "Willkommen Seeviertel" zu "Marokko am See" verändert, nicht ohne Grund.
Issa ist gerade dreizehn geworden und muss nun eine neue Schule besuchen. Dort gibt es besondere pädagogische Betreuung und man wird zum Tierpfleger oder zu irgendwas mit Pflanzen ausgebildet. Zum ersten Mal besucht Issa eine Schule, in die auch Holländer gehen. In der Grundschule gab es die multikulturelle Mischung, die auch sein Stadtteil bevölkert. Nur die Klassenlehrerin war eine Holländerin, aber auf sehr naive Weise von allem irgendwie Muslimischen begeistert. Die Schüler hatten Spaß an ihr.
Issa ist ein lieber Junge, gehorsam dem Vater, hilfreich für die Mutter, ein fürsorglicher großer Bruder. Er ist Moslem und bemüht sich, den Regeln des Korans zu folgen, macht sich aber auch Gedanken um die anderen Menschen.
Er ist in allen Schulfächern schwach. Er hat Schwierigkeiten mit Wörtern und kann seine Gedanken einfach nie richtig deutlich machen, in keiner Sprache. Was er wirklich gut kann ist Witze erzählen. Sein Repertoire ist gewaltig.
Sein Vater hat den Weg aus Marokko in die Niederlande auf sich genommen, um seinen Kindern eine bessere Welt zu bieten. Er klammert sich aber an die Gebräuche und die Regeln der alten Heimat. So steht Issa zwischen den Fronten.
Er versucht herauszufinden, ob wirklich nur die Muslime eine Chance auf das Paradies haben. Was ist mit den freundlichen Andersgläubigen, dem netten alten Nachbarn zum Beispiel, oder den wunderbaren neuen Lehrern, die können doch nicht alle in der Hölle… ? Und sein neuer holländischer Freund, was ist mit dem?
Das Paradies macht Issa sowieso etwas unruhig, was soll er da mit den schönen Frauen anfangen? Erleichtert ist er als ihm einfällt, er könne ihnen ja seine Witze erzählen. Sorgen macht Issa aber auch der große Bruder. Er ist nach vielen Streitereien mit dem Vater ausgezogen, hat ein Taxi und lebt mit einer Niederländerin zusammen. Seit dem Auszug wird sein Name nicht mehr erwähnt. Aber Issa besucht Mohammed heimlich und muss erkennen, dass es dem richtig gut geht, er scheint wirklich glücklich zu sein.  Das ist unverständlich für Issa, denn gegen den Vater lehnt man sich nicht auf, was der sagt, ist Gesetz.
 Erlebnisse in der Schule und ein Unfall bringen Issa zu der Erkenntnis, dass Mohammed den rechten Weg eingeschlagen hat. Man muss das Land kennen, in dem man lebt und seine Regeln annehmen. Besonders die Sprache muss man lernen. Und wenn er allein daran schon fast gescheitert ist, will Issa wenigstens für den kleinen Bruder den Weg frei machen. Er verlangt vom Vater Kindergartenbesuch für ihn - und gleichzeitig das Ende von Mohammeds Verbannung. Zu seinem großen Erstaunen gibt der Vater nach, endlich. Vielleicht kommt die ganze Familie bald an in dem Land in dem sie so lange schon lebt.

Eine Geschichte, die Hoffnung weckt, es möge alles vielleicht am Ende doch gut ausgehen. Es könne alles gut ausgehen, wenn man kleine Schritte auf dem Weg dahin unterstützt und überhaupt wahrnimmt. Stoffels zeichnet mit viel Witz und Humor und sehr liebevollem Blick all die Abstrusitäten in Issas Umfeld. Besonders die Schüler des Flora College wachsen einem ans Herz: der hyperaktive Dicky, der träge Jonny, die empfindsame Farah und Kelsey, der bei  einer Schimpf-Therapeutin mühsam lernt, nicht verletzende Flüche zu erfinden. Was aus dem Unterricht berichtet wird, kann als Fallbeispiel in jede Anleitung für Lehrer aufgenommen werden. Stoffels begleitet das Geschehen an der Seite Issas, sie berichtet mit seinem verwunderten Blick aber doch auch mit Abstand. Der Stadtteil, seine Bewohner, Schule und Schüler – alles wird lebendig und der Leser ist mittendrin und wird vielleicht auf ganz neue Denkbahnen gelenkt.

Die Lektüre ist spannend, für Leser mit ähnlichem Migrations-Hintergrund wie Issa  finden Bestätigung ihrer Erfahrungen - und Einheimische erhalten Einblick in andere, sehr fremde Denkweisen.

 Eine wunderbare Klassenlektüre in allen Schulformen. Je nach Erfahrungen der Schüler können unterschiedliche Themen für die weiterführende Arbeit mit dem Text gefunden werden. Issas Geschichte bietet ganz viele Anregungen zum Forschen, Gestalten, Schreiben und Spielen. Solange Lehrer den Ton des Romans aufnehmen und nicht versuchen zu belehren und Regeln abzuleiten, kann die Arbeit mit Marokko am See nur Gewinn bringend sein.

 

 

Karlijn Stoffels, geb. 1947, hat Romanistik und Niederländisch studiert und am Gymnasium Französisch und Niederländisch unterrichtet. Seit zehn Jahren lebt sie vom Schreiben für Jugendliche. Sie wohnt in Amsterdam in einer multikulturellen Umgebung und gibt heute auch Frauen in ihrem Viertel Unterricht in Niederländisch.
Auf Deutsch sind folgende Titel von Stoffels erschienen: Marokko am See, Mojsche und Rejsele, Rattenfänger, Stiefland, Khalid – alle bei Beltz &Gelberg.
Stoffels erzählt vom Leben Jugendlicher, mit Humor, Feinfühligkeit und Witz. Sie beschreibt ihre Helden mit Liebe und Verständnis - ohne sich jemals zu ihnen hinabzuneigen. Ihre Helden leben meist irgendwie dazwischen, sind Einzelgänger, müssen einen Platz für sich finden und geben auf der Suche nicht auf. Sie haben den Mut, an Erfolg zu glauben.

 

(pfg für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (avn)
Jugendbuch     (02/06/10)   (pfg)
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