Der LesePeter
des Monats
Oktober 2006

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Jean-Paul Nozière

 
      für das Jugendbuch  
      total verrückt  
         
         
         
         
     

Jean-Paul-Nozière: total verrückt
Aus dem Französischen von Maren Partzsch
München: Altberliner  2006
128 Seiten, geb., 11,90 €
 

 
 

 

 

Frankreich, Herbst 2001 bis Frühjahr 2002. Familie Djemaï wohnt in der Schule einer Kleinstadt in der Nähe Dijons, Mutter Zohra ist Hausmeisterin. Aïcha bald vierzehn, besucht den Unterricht nur stundenweise. Vater Kemal ist so gut wie unsichtbar, er arbeitet in einer chemischen Fabrik, seit bald zwanzig Jahren in Nachtschicht.
Sohn Mouloud, ein stämmiger Siebzehnjähriger ist total verrückt, nicht schulfähig. Sein Leben dreht sich um Fußball, er kommandiert mit seiner Schiedsrichterpfeife unsichtbare Spieler und spreizt sich als Oliver Kahn, Gilberto Silva, Pape Bouba Diop vor Bewunderern, die nur er wahrnimmt. Er lebt nach Regeln, die niemand versteht, scheint dabei aber glücklich zu sein. Er ist geborgen in seiner Familie, die alles tut, ihn zu beschützen.
Seine Schwester ist oft zornig auf ihn und genervt von seinen idiotischen Einfällen, aber sie liebt ihn. Er kann lesen, hat ein blendendes Gedächtnis, nur gerät ihm einfach alles durcheinander.
Mutter Zohra kennt alle Schüler, plaudert gern mit den Lehrern und begegnet jedem so, wie er es von ihr erwartet. Zum Ärger ihrer Tochter stellt sie sich oft dumm. Sie spricht besser Französisch als manche Schülereltern und macht ihnen gegenüber mit Absicht Sprachfehler. Aïcha weiß, Zohra hat in Algerien Abitur gemacht, wollte studieren. Sie ärgert sich über Zohras unterwürfige Anpassung. Aïcha ist wegen epileptischer Anfälle vom Unterricht befreit und nimmt am Fernunterricht teil. Nur ihre Eltern und der Französischlehrer wissen, dass sie sich auf das Abitur vorbereitet - mit vierzehn! Aïcha beobachtet mit Raffinesse und Energie die Menschen um sich herum. Sie öffnet heimlich Post, hört Telefongespräche ab und erfährt, dass manch freundliches Verhalten ihrer Familie gegenüber falsch ist. Es verbirgt Argwohn, Vorurteile, Ablehnung. Aïcha dagegen verheimlicht allen, dass sie längst ihre Medikamente nicht mehr nimmt und eigentlich geheilt ist.

Die araberfeindliche Stimmung wird durch Le Pen und seine Anhänger beeinflusst. Familie Djemaï kann das nicht mehr übersehen und so entschließt sich Zohra endlich, Aïcha ihre Geschichte zu erzählen, auf Tonband. Sie erzählt von dem klugen Mädchen in Algerien, das mit Hilfe des Geldes der ausgewanderten Geschwister die Schule besuchen kann. Sie erzählt vom traurigen Ende aller Pläne. Bärtige Männer - krank im Glauben - übernehmen die Macht im idyllischen Dorf und verbreiten Angst und Schrecken. Zohra darf Nichts mehr, wird verheiratet, bekommt zwei Kinder, deren Vater in Frankreich arbeitet und der sie nicht zu sich holen kann. Als Moulouds Schule durch eine Bombe zerstört wird, macht sich Zohra auf eine lange Flucht. Über Tunesien und Italien kommt sie schließlich nach Frankreich. Mouloud hat die Explosion körperlich unversehrt überstanden, aber er ist verrückt - und Aïcha leidet an Anfällen. 

Ein bedrückendes Schicksal wird Lesern hier nahe gebracht. Dabei ist dieser kurze Roman komisch, skurril und lebendig. Der Blick auf das Geschehen ist wach, kritisch und voll Aufmerksamkeit.
Vom Leben in der Hausmeisterwohnung und in der Schule wird chronologisch erzählt in Kapiteln, die mit Oktober, November usw. überschrieben sind. Der Leser amüsiert sich über die Sportlehrerin, die auf ihrem breiten Hintern sitzend die Schüler über den Platz jagt, und verfolgt Moulouds tollkühne Aktionen, die irritieren und zum Lachen reizen.

Zwischen diese Kapitel sind Zohras Erzählungen gesetzt. Hier spricht deutlich eine kluge Frau, die ihre Erinnerungen weggesperrt hatte um zu überleben. Man spürt Schmerz, Trauer, Verzweiflung und den Willen, den Kindern ein anderes Leben zu bieten. Sie wollte ihre Tochter nie belasten. Sie sollte unbeschwert im wunderbaren Frankreich aufwachsen.
Aber nun überwindet Zohra sich, weil sie erkennt, dass auch in Frankreich Gefahr droht. Aïcha soll wissen, woher sie kommt. Sie soll wachsam sein und aufmerksam.
Aïcha liebt ihre Mutter und kann doch kaum verstehen, was sie ihr erzählt - so unvorstellbar ist deren Leben. Einen Mann heiraten, den man nicht kennt! Eingesperrt sein als wehrlose Unperson! Von Eltern zu Schwiegereltern gegeben werden, verdammt zur Abhängigkeit! Nur die Geburt des Sohnes schenkt einen kleinen Freiraum zurück. Nein, sie liebt ihren Mann nicht so, wie man es aus Filmen kennt, sagt Zohra, aber ohne ihn würde sie sterben. Aïcha versteht das alles nicht.

Eine wunderbare Geschichte, kurzweilig, amüsant, anrührend und brandaktuell. Sie spielt in Frankreich, man kann sie sich aber mühelos in jedes europäische Land denken. Solchen wie Zohra und ihrer Familie begegnet man überall, wenn man genau hinschaut.

  

 

Jean –Paul Nozière, geb. 1943, unterrichtete zehn Jahre lang Geschichte und Geografie, zwei Jahre auch in Algerien. In Frankreich sind mehr als 30 Romane von ihm erschienen. Er gilt dort als Meister des politischen Romans für Jugendliche. Für Maboul à zéro (total verrückt) erhielt er 2005 den prix dès lycéens allemands. Ziel des Preises ist, deutschen Gymnasiasten zeitgenössische, französische Literatur nahe zu bringen. Das Preisgeld kann der Autor für die Übersetzung verwenden. Er hat es getan. Nicht nur Gymnasiasten werden sich für total verrückt interessieren.
Bei Klett gibt es für deutsche Schüler auch die Originalausgabe. Von Jean-Paul Nozière gibt es deutsch noch: Ein algerischer Sommer, Hammer Verlag, die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem algerischen und französischen Jungen, die 1958 an der politischen Entwicklung in Algerien zerbricht. Ich und die Mörderin, Aare Verlag, ist ein Kriminalroman für Leser ab 12.
(c) für das Foto beim Autor / Verlag

 (pfg für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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