Der LesePeter
des Monats
September 2006

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Laura S. Matthews

 
      für das Kinderbuch  
      Fisch - Flucht ins Leben  
         
         
         
         
 

 

 

Laura S. Matthews: Fisch - Flucht ins Leben
Aus dem Englischen von Anne Braun
Würzburg: Arena  2006
208 Seiten, TB, 6,95 €
 

 
 

 

Irgendwo in einem sog. Entwicklungsland – Genaueres erfährt man nicht - lebt ein Junge mit seinen Eltern, beide Entwicklungshelfer, die für schulische und medizinische Versorgung der Bevölkerung arbeiten. Der Junge mag seinen „echten“ Namen nicht und lässt sich von allen nur „Tiger“ nennen, ein Spitzname, der sein Wesen nicht besonders gut zu treffen scheint, denn Tiger ist eher verträumt und ängstlich. Seit Jahren gibt es Bürgerkrieg in diesem Land, zunächst weit weg. Doch Tiger kennt die zerschossenen Krüppel, die Kinder mit amputierten Gliedmaßen als Folge der Kriegseinwirkungen. Solange er nicht selbst betroffen ist, registriert er diese Probleme zwar, doch sie berühren ihn nur wenig. Er berichtet lieber von seinen Spielen, vom Wetter (es hat nach langer Dürre heftig geregnet, doch der Boden kann das Wasser gar nicht aufnehmen und alles wird nur schlammig), kurz von seiner Warte und aus seinem Blickwinkel, mit seinem Horizont und den ihm wichtigen Schwerpunkten. Für Tiger besteht alles nur aus dem Jetzt und Hier und dem eigenen Leben.

Nun erreicht der Krieg das Dorf, in dem er lebt. Die Einheimischen sind schon geflohen, jetzt muss auch Tigers Familie weg. Ein einheimischer Führer will sie mit einem Esel ins sichere Nachbarland bringen. Doch die Grenze ist wegen der vielen Flüchtlinge dicht und nur ein Steig über die Berge könnte sie retten, ein unsicherer und mühsamer Weg.

In den Mühen und Gefahren der Flucht entwickelt Tiger ihm vorher unbekannte Fähigkeiten: Mut, Initiative, Durchhaltevermögen. Und selbst wenn ihm doch noch einmal die Tränen kommen, liegt es nur am Sand, an der Müdigkeit oder „an der Kälte“. Tiger lernt dazu: Er denkt an sich, als er früher noch dumm war und wird wütend auf sich. Er erkennt selbst, dass sein Leben, obwohl unter einfachen Bedingungen in fremdem Land, bis zur Flucht behütet und kindlich war. Das ist jetzt vorbei, auch wenn die Veränderung schmerzt und der nächste Schritt manchmal nur mit Mühe gehen will. Und ihm dämmert schon früh die wichtige Erkenntnis, die ganze Völker bewegt und hoffen lässt: „Wir halten nur durch, weil wir wissen, dass bald alles besser werden wird“ (S. 126).

Tigers eigene Geschichte ist gekoppelt an die Odyssee eines Fisches. Kurz vor der Flucht findet ihn Tiger in einem langsam austrocknenden Schlammloch und will ihn retten. Seine Eltern, wie stets voller Liebe und Verständnis, befestigen als Notunterkunft einen Topf mit Wasser an Tigers Rucksack. Und seine eigene Hoffnung entwickelt sich während der Flucht parallel zur Größe und Prächtigkeit des Fisches. Schien er anfangs bunt schillernd und so groß, dass er kaum in den Topf passte, findet er später mühelos Unterschlupf in einer Flasche und am Schluss für kurze Zeit sogar in Tigers Mund, um nach dem Verlust des letzten Wassers wenigstens feucht zu bleiben. Da erscheint der Fisch aber schon ganz winzig und farblos.

In diesem scheinbar letzten Aufbäumen der Hoffnung, nach wunden Füßen, Verlust fast des ganzen Gepäcks und Verfolgung durch marodierende Rebellen spricht ein Grenzsoldat die beinahe biblischen Worte: „Es gibt Gesetze, die über den Gesetzen meines Landes ... stehen“ und er lässt sie – gegen seinen ausdrücklichen Befehl – über die Grenze, sozusagen ins Paradies. Tiger muss zwar für kurze Zeit ins Krankenhaus, um die Flüssigkeitsverluste auszugleichen, doch nach seinem Erwachen ist der Fisch gleich wieder viel farbiger und größer.

Diese einerseits schlichte und einfache, andererseits aber sehr bedeutungsvolle Geschichte und die eingebettete Fischparabel leben gerade von der Einfachheit und Unangestrengtheit auch ihrer Sprache, die auf Pathos und Ziselierung völlig verzichtet. Oft versuchen erwachsene Autoren eine Geschichte so zu erzählen, als wäre sie wirklich von einem Kind geschrieben und oft gehen solche Versuche schief und wirken eher peinlich. Hier ist das voll und ganz gelungen. Ausdruck, Wortwahl und Satzbau, vor allem aber auch die spezifische Diktion und Schwerpunktsetzung passen wunderbar und sprechen auch für die Güte der Übersetzung.

Und hat man zunächst den Eindruck, die wirklich tragischen Dinge kämen in der Schilderung zu kurz, so spürt man im weiteren Verlauf ihre unablässige Bedrohung im Hintergrund. Krieg, Hunger, Armut, Flüchtlingsschicksale und Migrations-Problematik werden nie vordergründig thematisiert, doch sie stehen immer fühlbar im Hintergrund wie sich auftürmende Wolken und das dumpfe Grollen eines nahenden Gewitters.

Trotz der immanenten Tragik überwiegen die positiven Gefühle. Unzerstörbare Hoffnung auf eine Lösung, die Mitmenschlichkeit in der Beziehung zwischen der Entwicklungshelferfamilie,  dem einheimischen Führer und den Grenzsoldaten und vor allem die fürsorgliche, stets motivierende Liebe innerhalb der kleinen Familie. Wenn die Familie gerettet ist, gehen Bürgerkrieg, Gewalt und Leid der einheimischen Flüchtlinge weiter, hierfür bietet die Geschichte keine Lösung, doch wie der Fisch erholt sich auch die Hoffnung mit jedem überlebten Tag.

Dem vermutlichen Alter Tigers entsprechend wird das Buch ab dem 10. Lebensjahr empfohlen. Besonders lohnend erscheint auch der Unterrichtsgebrauch, der – wegen der sinnvollen Themenkreise – allerdings eher ab Klasse 5 empfehlenswert ist. Dabei können Themen wie Entwicklungshilfe, Bürgerkriege, Migration, Afrika (als vermutlicher Schauplatz) und auch die Wertediskussion in ethischer, politischer und soziologischer Sicht behandelt werden. Der Arena-Verlag bietet zu diesem Buch eine Unterrichtserarbeitung an, detaillierte Informationen sind über die Webseite des Verlages oder über die Webseite der Autorin (hier aber in Englisch) erhältlich.

  

Die Autorin
Abb. mit freundlicher Genehmigung des Arena Verlags

Laura S. Matthews wuchs in der Nähe der walisischen Grenze in Zentralengland auf. Sie studierte Englische Literatur an der Universität von London und schloss mit dem Bachelor of Arts Honours ab. Nach diversen Wohnort- und Beschäftigungswechseln lebt sie nun mit ihrem Mann und zwei Kindern in Dorset und ist eine "full-time writer", veranstaltet aber auch Workshops mit Kindern u.ä.
Neben der Schriftstellerei arbeitet sie auch (unter ihrem Namen L. S. Dron) als Malerin und Bildhauerin.
Im Internet ist sie etwas versteckt zu erreichen unter http://www.lsmatthewsonline.co.uk/ .

 

(bhu mit avn für die AJuM der GEW)

 

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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