Der LesePeter
des Monats
August 2006

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Heinz Janisch und Helga Bansch

 
      für das Bilderbuch  
      Ein Haus am Meer.  
         
         
         
         
     

Heinz Janisch und Helga Bansch:
Ein Haus am Meer

Wien: Jungbrunnen  2006
28 Seiten, geb., 13,90 €
 

 
 

 

Die Schnecke (weiblich) möchte gern ans Meer. Drei Jahre, schätzt sie, wird sie brauchen von Wien bis an die Adria. Kein Wunder also, dass sie „Ja“ sagt, als der Riese (männlich) fragt, ob er sie mitnehmen soll. Nach 77 Schritten sind sie schon da.

 „1 Riesenschritt = 2 Wochen Schneckentempo“ steht auf dem Wegweiser kurz vor dem Ziel. Da kann unsere Schnecke auf der Schulter des Riesen schon das Meer in der Ferne erkennen. Der Weg begann irgendwo in der Nähe von Wien (das wissen wir, weil Helga Bansch zum Teil Landkarten als Maluntergrund benutzt, alte Autographen von Kartenvorbesitzern, 7. Ulanenregiment / 3. Eskorte kann man erkennen) und führte schon nach kurzer Zeit zum Treffen mit einem Riesen. Dieser war bis jetzt ziellos hierhin gegangen und dorthin, verursachte dabei solch einen Lärm, dass er sich erst einmal ein paar Socken als Lärmschutz stricken muss. So lange muss die kleine Schnecke mit den orange-farbenen Punkten und dem niedlichen Häuschen mit den schiefen Fensterläden warten.

Heinz Janisch steht für die Entdeckung eines ruhigen Erzählflusses, einen beruhigten Lebensrhythmus, der schon andere Bücher von ihm wie die „Fliegenden Inseln” oder die Kindergedichte „Heute will ich langsam sein” oder den „Katzensprung“ auszeichnete. Da passt eine Schnecke wunderbar ins Bild, die geduldig bereit ist, auch eine lange Reise bis zu ihrem Ziel zu ertragen. Dass der Riese hier die Zeitspanne so verkürzt, widerspricht dem nicht, denn die Schnecke muss sich keinen Deut schneller bewegen, sie bleibt sich treu. Und auch der Riese nimmt sich die Zeit, erst seine schalldämmenden Socken fertig zu stricken, bevor er aufbricht. Und die erste Handlung am Meer ist stumme, achtungsvolle Betrachtung, dann später gemütliches Sonnenbad - für Hektik und aufgeregten Aktivismus ist da kein Platz.
Anders als die anderen Personen, Statisten allesamt und damit betraut, eine Situation zu verdeutlichen, wird der Riese nicht farbig gemalt, sondern als Zeichnung gestaltet. Gar nicht erklärt wird dabei seine Haarpracht am Kopf, die besteht nämlich aus dreizehn (ebenfalls mit Bleistift gezeichneten) Fischen.

Da die Situation eh merkwürdig ist, dürfen auch Haare aus Fischen bestehen, darf Rapunzel im Hintergrund einmal mitspielen und auch Frau Holle, dürfen sich fünf Nonnen fürchten vor der unheiligen Verbindung von Riese und Schnecke, während fünf Kommunionskinder nur Blicke haben für sich (und den Unfug, den eine macht). Immer laden die Bilder nach einem scheinbar klaren Ersteindruck zum vertieften Suchen ein, es finden sich Gags wie Schnecken-BH, Autounfälle und sich übergebende Riesenradfahrer. Das macht einfach Spaß, hält die Aufmerksamkeit und belohnt den aufmerksamen Sucher wie die „easter-eggs” moderner Medien. Überraschende Perspektiven prägen die Bilder, den gewaltigen Proportionen eines Riesen angemessen, im Blick von oder nach oben wechselnd, von der Totalen zum Detail. Sie amüsieren, weil eine der beiden „Personen” stets benachteiligt wird durch den Blickpunkt.

Helga Bansch überspachtelt, bemalt, zeichnet und bezeichnet, farbstark und in raffinierter Verteilung von flächiger Farbwirkung und detaillierter Verspieltheit in einem ganz persönlichen Stil, der auch ihre „freien“ Bilder bestimmt (siehe auch: http://www.helga-bansch.com/gallery/galerie1.htm).

Das Motiv der gemächlichen Ruhe in Verbindung mit der erstaunlichen Freundschaft zweier so unterschiedlicher Wesen – das erstaunt zunächst, wird aber rasch als das Wunschmotto unserer Zeit erkennbar: Weg von der getakteten Welt und hin zu einer Welt friedlicher Koexistenz. Ach, wenn es doch so einfach wäre!

Eine schöne kleine Geschichte wurde mit witzigen Assoziationen in Szene gesetzt. Und eine schöne Motivation für den Riesen gefunden hat Heinz Janisch auch noch, denn ein Leben ohne Ziel ist ganz furchtbar langweilig. Gut, dass die unternehmenslustige Schnecke vorbei kam. Sehr zufrieden sehen sie aus, Riese, Schnecke und die Haar-Fische, die nun auch das Meer kennen lernen dürfen.

 

 

Heinz Janisch

wurde 1960 in Güssing im Burgenland geboren. Er studierte Germanistik und Publizistik in Wien. Seit 1982 arbeitet er als freier Mitarbeiter beim ORF-Hörfunk (verantwortlicher Redakteur der Sendereihe „Menschenbilder”) und gestaltet und moderiert Hörfunksendungen. Er schreibt sowohl Kinderbücher als auch Bücher für Erwachsene. Heinz Janisch erhielt mehrere Literaturpreise, unter anderem den Österreichischen Förderungspreis für Kinder- und Jugendliteratur 1998.
„Immer, wenn man mich fragt: ‚Warum schreiben Sie Kinderbücher?’, denke ich mir, niemand würde einen John Irving fragen, warum er Erwachsenenbücher schreibt!“

 © Copyright des Fotos bei Heinz Janisch (www.heinz-janisch.com)

  

Helga Bansch

wurde 1957 in Leoben geboren. Sie studierte an der Pädagogischen Akademie in Graz und arbeitete 25 Jahre als Volksschullehrerin. Seit 2003 lebt sie als freischaffende Künstlerin in Wien und in der (Süd-) Steiermark. Im Rahmen einer Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin arbeitete sie mit verhaltensauffälligen Kindern und entdeckte das Malen als Ausdrucksmittel. Sie illustrierte 10 Bilderbücher (zumeist mit Heinz Janisch als Texter und zumeist bei Jungbrunnen erschienen).
Helga Bansch erhielt mehrere Preise, im Jahr 2000 den „Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis“ und den „Illustrationspreis der Stadt Wien“ sowie diverse andere (österreichische) Preise. Es wird Zeit, dass sie einen deutschen erhält, den LesePeter August 2006.

 © Copyright des Fotos bei Helga Bansch (www.helga-bansch.com)

 

(bh und uhb für die AJuM der GEW)

 

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (avn)
Jugendbuch     (02/06/10)   (pfn)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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