Der LesePeter
des Monats
Juli 2006

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Johann Grolle

 
      für das Sachbuch  
      Evolution - Wege des Lebens  
         
         
         
         
     

Johann Grolle (Hrsg.)
Evolution - Wege des Lebens

München: DVA  2005
224 Seiten, geb., 19,90 €
 

 
 

 

Dass die Evolution phantastische und bewundernswerte Wege ging und geht, das muss jeden Leser - besonders junge Menschen - bei der Lektüre dieses Buches hinreißen. Viele anerkannte Naturwissenschaftler sind mit den unterschiedlichsten Ansätzen (z. B. „Wo fing alles an?“, „Wie lautete das erste Wort?“, „Hatte die Bibel doch Recht?“) in diesem Buch versammelt mit einem jeweils etwa 10-seitigen Aufsatz und vielen hoch interessanten farbigen Abbildungen.

Das Buch wurde aus Anlass der Ausstellung „Evolution - Wege des Lebens”, die vom 24. September 2005 bis 23. Juli 2006 im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden stattfindet, von dem Leiter des Wissenschaftsressorts beim SPIEGEL herausgegeben. Dieses Museum hat sich zur Aufgabe gemacht, mit ungewöhnlichen Ausstellungen zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft verständlich zu vermitteln.
Besonders junge Menschen sollen davon angesprochen werden, aber auch jeder Erwachsene. Das ist mit der Ausstellung und diesem fachkundigen, leicht lesbaren Buch sicherlich gelungen, wobei dieses Buch auch ohne die Ausstellung schon beeindruckend und anregend ist.
Die weit gefächerten Ansatzpunkte um das immer neu bewegende Thema: Woher kommen wir - wohin gehen wir? bieten eine breite Basis, um Gedankengänge anzustoßen, Sichtweisen zu öffnen oder zu verändern und nicht zuletzt: Immer wieder zu staunen über das, was Menschen heutzutage wissen und was immer noch Theorie ist. Diese Trennung wird deutlich, ist sicher sehr wichtig und kann jungen Menschen Ansporn sein, sich mit dem einen oder anderen Weg näher zu beschäftigen. Dazu geben sehr geschickt schon die neugierig machenden und ungewöhnlichen Überschriften Anlass, z. B. „Warum gefällt der Pfauenmann durch bunte Augen und die Menschenfrau durch Schminke?“ oder „Würden wir ein Urmenschen-Kind in den Zoo oder in die Schule schicken?“

Die Evolutionstheorie, die Charles Darwin vor ca. 150 Jahren aufstellte und die von den meisten Wissenschaftlern anerkannt wird, wird heute immer wieder von den Biowissenschaften untermauert. Ihre Erkenntnisse werden hier leicht verständlich vermittelt und das ist insofern speziell für junge Menschen wichtig, als sie für die Zukunft des Lebens bedeutsam sind, besonders in einer Zeit, in der Strömungen aufkommen, die einen gefährlichen, einseitigen Reaktionismus predigen (Kreationisten).

Durch sprachliche Einfachheit der Ausführungen in diesem Buch werden die Grundlagen der Erkenntnisse nicht gemindert, sondern plastisch vor Augen geführt (mit Unterstützung der Abbildungen), so dass jeder Laie angesprochen wird. Fremdwörter sind oft im Text selbst erklärt. Informative Tabellen und faszinierende Fotos sind zwischen die Texte gestreut. Bei den klaren Abbildungen begeistern besonders die mikroskopischen Aufnahmen, die man normalerweise selten zu sehen bekommt, z. B. wie ein Spermium gerade eine Eizelle befruchtet, der stark vergrößerte Kopf einer Fruchtfliege oder der Blick in ein Urbakterium. Andere Aufnahmen zeigen urzeitliche Artefakte, Tiere in bestimmten Verhaltenssituationen oder ein Blick in die Milchstraße, ermöglichen also ungewöhnliche Blicke, die das Interesse erhöhen. Abbildungen grafischer Art unterstützen anschaulich z. B. das Verhältnis von Hirn- und Körpergewicht oder die Chronologie der Hominiden. So werden auch abstrakte Sachverhalte im wahrsten Sinne des Wortes „vor Augen geführt“.

An den Randleisten sind die Abbildungen erklärt oder sind häufig weitere Auskünfte gedruckt zum Autor des Aufsatzes oder zu weiterführender Literatur. Im Anhang findet sich ein Nachwort mit Beschreibung der Dresdener Ausstellung und ein 7-seitiges Glossar mit Fremdwörtererklärungen, die es ermöglichen, schnell noch einmal nachzuschlagen, falls dem Leser ein Wort unbekannt ist.
Das Buch zeichnet sich auch durch hohe und brisante Aktualität aus: „Welche Seuche kommt nach AIDS?“, „Risiko Landwirtschaft“, bei der durch unnatürliche Tierhaltung z. B. neuartige Grippeviren hervorgerufen werden können (Vogelgrippe). Die unbekämpften Erkrankungen wie Malaria und Tuberkulose fordern dazu auf, Gesundheitssysteme zu verbessern.
An vielen Stellen des Buches wird deutlich, wie sehr die neuen Erkenntnisse und Manipulationen des Menschen in die Zukunft weisen, ob erfreulich oder beunruhigend. Dabei ist z. B. anerkennenswert der Aufsatz über die menschlichen Rassen, der zu dem wissenschaftlich untermauerten Schluss führt: „Ein Berliner aus Neukölln könnte durchaus einem Chinesen oder Nigerianer genetisch ähnlicher sein als seinem Skatbruder aus dem Wedding.“ Hier wird klar, dass Erkenntnisse ethische Haltung beeinflussen kann!

Ein Buch, das beweist, wie auch Wissenschaftler ohne komplizierten Fachjargon auf interessante Weise allgemein verständlich begeistern können. Diese Begeisterung oder Anregungen können Jugendliche dazu auffordern, sich tätig an dieser oder jener Stelle weiterführend einzusetzen, Haltungen und Einstellungen zu festigen oder zu ändern, sich beruflich zu orientieren und die Gefahren dabei im Auge zu behalten. 
Lediglich die Trennung von Naturwissenschaften und Religion können wenige Autoren nicht überwinden und verweisen den Glauben an einen Schöpfergott in die Nähe einer überholten Haltung. Da fehlt der Rezensentin der Gedanke, dass auch hinter der Evolution eine - wie auch immer geartete -„göttliche Hand mit im Spiel war“.

Johann Grolle ist Jahrgang 1962. Nach seinem Physik-Studium leitet er zurzeit das Wissenschaftsressort des Spiegels wo er sich u.a. ausgiebig mit der Evolutionstheorie beschäftigt (z. B. "Geballte Intelligenz der Atome - Spiegel 11/2005). Weitere Bücher: Darwins Finken (Berlin, Rowohlt 1999).

(RSchV / gas für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

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(01/05/09)

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