Der LesePeter
des Monats
Mai 2006

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Dagmar H. Mueller

 
      für das Kinderbuch  
      Die Hälfte des Himmels gehört Bo  
         
         
         
         
     

Dagmar H. Mueller: Die Hälfte des Himmels gehört Bo
Illustrationen von Michael Bayer
Stuttgart: Thienemann  2006
220 Seiten, geb., 12,90 €
ab 10 Jahre
 

 
 

 

Was für ein ergreifendes Buch, das in seiner Schlichtheit und Schönheit so bewegend ist, dass man beim Lesen heulen möchte. Eine Geschichte wie ein heißer Augusttag: Heiter und sonnig beginnt es, es schmeckt sozusagen nach Ferien und Entspannung, doch ein ganz leises Grollen, ein paar allzu wilde Wolkengebirge lassen frühzeitig ahnen, dass ein Unwetter droht. Und obwohl die angenehme Wärme den Leser einlullt, bleibt eine unerklärliche Grundanspannung, stellen sich wider Erwarten die Nackenhaare auf. Und dann kommt es ja auch tatsächlich, ein Blitz der übelsten Sorte, ein Donnerschlag, der bis ins Mark erschüttert: Bo wird sterben. Kann das sein? Darf das sein? Die Frage bleibt unbeantwortet, es ist einfach so. Und er ist ja – leider – kein Einzelfall.

Der Tod – das ist ein heute jedem vertrautes Thema. Der Freitagabendkrimi, der Bericht im Fernsehen über die letzte Katastrophe, die Bilder in der Zeitung vom Kriegsschauplatz, das Computerspiel mit unzähligen “Opfern”  – Leichen reihen sich an Leichen und man bleibt merkwürdig unberührt, sagt vielleicht “wie schlimm” und vergisst die Bilder im nächsten Augenblick. Und dann ein Buch, in dem es um den Tod eines einzigen Kindes geht, und tagelang spuken einem die durch Worte heraufbeschworenen Bilder im Kopf herum.

In der Kinderliteratur ist der Tod längst kein Tabuthema mehr (siehe allein das Thema unter den mit dem LesePeter ausgezeichneten Büchern); oft ist es ein Elternteil, das verstirbt und das Kind einsam  und versteinert zurücklässt. Hier ist es ein Kind, das stirbt, und jeder Tod eines Kindes macht betroffen und hilflos, lässt einen unweigerlich die Frage nach dem Warum stellen.

Noch nicht einmal 6 Jahre alt ist Bo, als er erkrankt. Dabei ist er ein Junge, der das Leben genießt und aus dem Vollen schöpft, immer zuversichtlich, immer voller Fantasie und eigenwilliger Ideen, der seine beide großen Schwestern zur Verzweiflung und in das Lachen treibt. “Obwohl mir mein kleiner Bruder eigentlich die meiste Zeit des Tages schrecklich auf die Nerven ging, konnte ich es doch überhaupt nicht aushalten, wenn er traurig war. Wenn Bo weinte, hätte ich immer gleich mitheulen können.” Schnell entsteht der Verdacht, dass der Blickwinkel nicht aus der Gegenwart, sondern aus der Zukunft der Entwicklung herrührt, dass bereits der Filter des Wissens um Künftiges die Einschätzung verändert, aber das wirkt nirgends aufgesetzt, nirgends geschichtsklitternd oder beschönigend. Jeder der vielen frohen und glücklichen Momente zu Lebzeiten Bos trägt nur unsichtbar, aber fühlbar eine leise Traurigkeit in sich, ein Wissen um die menschliche Vergänglichkeit, das eigentlich jeder huet, sich aber nicht bewusst macht.

Dagmar Mueller erzählt eine ungeheuer positive Familiengeschichte. Selten hat wohl eine Familie so stark das „Carpe diem“ beherzigt, so intensiv die gemeinsame Zeit genutzt, die im Rückblick umso kostbarer erscheint. Diese Familie, einzeln wie gemeinsam betrachtet, ist sicher auch keine Durchschnittsfamilie, sie ist zwar nicht ohne Macken und Fehler, aber die Grundlinie stimmt, manche Verhaltensweisen erscheinen sogar fast übermenschlich in ihrer Du-Bezogenheit. Das unterscheidet dieses Buch bei aller Tragik der Handlung von manchen gängigen Stoffsammlungen alles menschenmöglich Kaputten. Doch es ergreift nur positiv, dringt intensiv in die eigene Seele und scheint den Leser – zumindest für kurze Zeit – zu einem besseren Mitmenschen zu machen.

Zunächst wissen es nur die Eltern, ahnt es auch der Leser an den mitleidigen, betont freundlichen Reaktionen anderer Erwachsener. Die großen Schwestern ärgern sich; alles was Bo sagt und will, wird toleriert, gefördert. “Alles sprudelte plötzlich aus mir heraus. All die Ungerechtigkeiten mit den Tees und Sofakuscheleien und den Bilderbüchern, die Bo bekam. Und all der Mist, den er verzapfte. fiel mir ein, bei dem er nie Ärger kriegte, während wir Mädchen ständig angeraunzt wurden. Und je länger ich redete, desto klarer wurde mir, wie gemein das alles war.”

Und dann kommt der Tag, an dem der Hauch einer Ahnung Gewissheit wird.
“Ja, ich erinnerte mich wirklich noch ganz genau daran, wie Mama an diesem Tag in meinem Zimmer gesessen und so traurig ausgesehen hatte. Aber ich kann mich merkwürdigerweise nur noch dunkel an das Gespräch mit allen zusammen beim Abendessen erinnern. Es begann überhaupt alles dunkler zu werden nach diesem Tag.”
Bo weiß, dass er sterben wird, aber er hat keine Angst vor dem Tod. merkwürdigerweise ist er der Einzige, der keine Angst hat und nicht traurig ist. Für ihn ist der Tod noch Teil vom Leben, und er ist es, der seine Schwestern tröstet. “‘Musst nicht traurig sein, Billilein’, flüsterte er. ‘Ich bin ja noch da! Wir können noch ganz viel zusammen spielen!’”
Die Aussicht zu sterben schockiert ihn nicht. Und er empfindet Freude bei dem Gedanken, von den Schwestern vermisst zu werden. “Es ist nämlich bestimmt scheußlich zu sterben, wenn das überhaupt keiner schrecklich findet.”

Für Martha beginnt eine schlimme Zeit, und es dauert lange, bis sie das Schicksal akzeptieren kann. In dieser Zeit richten sich all ihre Gedanken auf Leben und Tod. Die Frage nach dem Warum macht sie hilflos und fast krank, blind vor verzweifelter Wut. Wie gelähmt, vermag sie kaum weiterzugehen, möchte selber sterben, bis sie eines Tages erkennt, wie sinnlos die Frage nach dem Warum ist, “denn meistens können wir sie ja doch nicht beantworten. Wichtig zu wissen ist in den meisten Fällen doch nur, dass es irgendwo eine Antwort gibt. auch wenn wir sie nicht kennen.” Und zum ersten Mal erkennt Martha die Hilflosigkeit der Erwachsenen. Auch sie wissen keine Antwort, “keine Lehrer oder Universitätsprofessoren und auch nicht die Kirchenleute.”

Es ist kein religiöses Kinderbuch, aber dennoch ungeheuer trostreich. An Bos Grab lässt jeder der Familie einen Luftballon steigen, mit einem kleinen Kärtchen, auf das sie etwas geschrieben haben. “Es war schwer, den Ballon loszulassen. Es war, als würde ich Bo loslassen. Und das wollte ich nicht.” Auf ihrem Luftballonzettel stand: “Am 16. Dezember starb mein kleiner Bruder. Er war erst sechs Jahre alt. Aber er war der beste Bruder, den man nur haben kann. Ich wünschte, ihr hättet ihn gekannt.”

Das Buch vermittelt keine Hoffnung auf Auferstehung, bleibt – für Kinder so wichtig – ganz im Diesseits befangen und versucht hier einen gangbaren Weg der Trauerbewältigung anzubieten: über Trauer und Ängste ins Gespräch kommen, seine Gefühle wie Verzweiflung, aber auch Wut ausleben dürfen. Und auch die Erwachsenen lernen daraus: den Fragen nicht ausweichen, Gefühle erlauben, mit den anderen weinen. Der Trost liegt in den Erinnerungen.

Einen besonderen Eindruck hinterlässt die Leichtigkeit, mit der sich die Geschichte entwickelt. Alles wirkt wie der Text zum Titelbild mit dem „schwebenden“ Bo und der tänzelnden Martha. Es bleibt natürlich nicht beim Schweben oder Tänzeln, Bo wird Kummer und Leid erleben durch seine – ungenannt bleibende – Krankheit, Martha und die übrige Familie müssen mit dem Verlust des Sohnes/Bruders fertig werden. Das geht nicht schwebend, sondern drückt zu Boden.

Michael Bayer hat das Buch mit Bleistift-Zeichnungen illustriert, die ebenso wie der Text unpathetisch und offen sind, das scheinbar normale, fröhliche Leben einzufangen versuchen und dem ernsten Text etwas von seiner Bedrückung nehmen.

Ein wichtiger, poetischer Beitrag zur Trauer- und Verlustbewältigung, bewegend und dennoch unbeschwert-fröhlich leicht.

 

 

Die Autorin:

Dagmar H. Mueller wurde 1961 im Sauerland geboren. Sie hat in Hamburg Deutsch und Sport studiert und zeitweise als Skilehrerin und Werbetexterin gearbeitet. Mit Ende dreißig beschloss sie, ihren Traum wahr zu machen und Kinderbücher zu schreiben. (Quelle: http://www.thienemann.de/autoren/mueller.htm - hier auch Vorstellung von drei weiteren Büchern)
© mit freundlicher Genehmigung des Verlags

 

 

Der Illustrator:

1971 in Friedrichshafen am Bodensee geboren; ab 1994 Studium der Visuellen Kommunikation  an der  Fachhochschule in Münster. 2000 Abschluss zum Diplom Designer-Junior AD, Werbeagentur Tools in Münster, und seit 2001 freier Illustrator.
Er arbeitet u. a. für die Jugendbuchverlage Arena, Carlsen, Schneider, Loewe, Ravensburger und Thienemann. (Quelle: http://www.bilderbayer.de)
© mit freundlicher Genehmigung des Illustrators

 

 

(avn für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

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