Der LesePeter
des Monats
April 2006

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an René Mettler

 
      für das Bilderbuch  
      Die Natur ganz nah und weit weg  
         
         
         
         
     

René Mettler: Die Natur ganz nah und weit weg
Aus dem Französischen von Leonie Jakobsen
Hamburg: Carlsen  2006
40 Seiten, geb., 14,00 €
 

 
 

 

Drei dicke rote Kugeln mit hellen Lichtreflexionen nehmen die große Doppelseite ein und lassen in uns zusammen mit dem wenigen grünen Komplementärkontrast eine Ahnung von Größe und Schwere entstehen. Was ist das, was wir hier sehen?

ZOOM

Eine erstaunliche Frage, denn im Schmutztitel wird das Bild Nummer zwei vorweg genommen (es sind Süßkirschen an einem Baum) und danach folgt vor dem eigentlichen Beginn auch noch eine Übersicht über den Aufbau des Buches – beides sehr überflüssig wie auch der begleitende Text. Die Bilder sprechen hier wirklich für sich selbst.
Zunächst zum Aufbau, dann zum Inhalt: Dem ersten Bild, das uns fast den Atem nahm, folgt ein weiteres, in dem aber das vorhergehende eingebettet ist. Damit wir es besser erkennen, ist es mit einem schmalen weißen Rechteckrand gekennzeichnet. Das alte Bild ist nur noch knapp 29 % so groß (also weniger als ein Drittel), das neue auf knapp 350 % gezoomt. Diese Maßstabserweiterung wird im Folgenden für neun Bilder beibehalten, wobei das neunte zwei rechteckige Rahmen aufweist. Links sehen wir ein bekanntes, rechts ein neues.
Wie zuvor heraus gezoomt wurde, so wird nun hinein gezoomt. Wir kommen aus einer gestalteten Landschaft und tauchen nun in eine (fast) unberührte hinein und landen letztlich auf einer Seite, die geprägt ist von einem knalligen Rot mit einigen Lichtreflexionen vor einem blättrigen Komplementär-Grün. Der Ausflug endet, wie er begann, allerdings an anderem Ort und an anderem Obst: von der Kirsche zur Himbeere. Schade, dass nicht exakt das gleiche Bild verwendet wurde, aber Himbeeren sind nun einmal kleiner als Kirschen, und Mogeln mit dem Maßstab ist nicht erlaubt.

Das letzte Bild gibt noch einmal eine Übersicht des Maßstabs: Links die acht Bilder des Heraus-Zoomens, rechts die acht, die wieder hinein gehen in die Einzelheiten. Verbunden sind die 16 Bilder durch das Mittelbild, einer Sicht knapp über der Wolkenschicht auf die beiden Orte der Handlung.

 Handlung? Die gibt es nicht in den Bildern – obwohl doch das eine oder andere Tier mit spielen darf und – das ist besonders gelungen – sich während des Umblätterns fort bewegt hat, also entweder aus dem Bild heraus oder in das neue hinein flog, hüpfte, schlich oder (dank seiner Winzigkeit) einfach verschwand. Besonders wohl fühlen wir uns in der uns bekannten Dimension, die erstaunlicherweise einige Bilder umfasst. Während wir die Einzelheiten der Verwurzelung einer Kirsche wohl eher nicht kannten (merkwürdige Ringe bildet das Wurzelholz), sind uns Stare als schreckliche Kirschendiebe wohl eher bekannt und auch Vögel jagende Katzen. Den kleinen Ort von oben gesehen können wir uns noch vorstellen, dass es sich um ein Runddorf mit ziemlichen flachen Hausdächern und einem echten Dorfkern handelt, könnten wir vielleicht erahnen, wenn wir dort wohnten. Hier beginnt also das Abenteuer „Vogelsicht“, das sich noch zwei Bilder weiter erstreckt.

Erklärtermaßen werden mit diesen Bildern vier Begriffe transportiert: Raum und Maßstab durch Zoomen erfahren – genaues Beobachten fördern durch das Zeichnen kleiner Geschichten – und hierbei auch die Zeit ins Spiel bringen (es gibt keinen Stillstand) – und letztlich den Sprung von einer Kultur- in eine Naturlandschaft nachvollziehen.

Für ca. 3-jährige Kinder ist das Buch ein echtes Abenteuer, denn es verlässt damit seinen kleinen Kreis des Bekannten und muss sich einlassen auf einen Blick darauf, der von ganz nah bis zu ganz fern geht. Das kann schon mal das bisher Erlebte ein wenig erschüttern und zu weiteren Fragen führen: Kann man all das nachvollziehen?
Kann man nicht. Zum Mikroskopieren sind sie noch zu klein, zum (Mit-) Fliegen wahrscheinlich auch. Also bleibt: Gucken und Vertrauen. Nach der altersgemäßen Einführungs-Phase des „so tun als ob“, sich also in andere Personen / Wesen hinein denken und durch spielen, kommt nun die des „so sehen als ob“.

Für ältere Kinder wie für Erwachsene ist das Buch eine reine Freude. Schade, dass der unten abgesetzte Text ein bisschen nervt, aber man muss ihn ja nicht lesen („…in anderen Gärten gibt es nur Blumen und Ziersträucher.“), schauen reicht völlig aus.

Trotz traditionellem, ja, realistischem Malstil ein sehr innovatives Buch, das 50 Jahre nach Kees Boeke's Buch "Cosmic View: The Universe in 40 Jumps"  und Ray & Charles Eames "The power of ten" wieder einmal das Zoomen aufgreift und sehr befriedigend schöne Bilder in Rot-Grün-Tönen auf das Papier bringt.

 

Zum Autor:

René Mettler wurde 1942 in Bern in der Schweiz geboren. Er studierte an der Hochschule für bildende Künste in Bienne / Biel und arbeitete ab 1966 als Art Director für ein großes Magazin in Paris und anschließend in verschiedenen Agenturen.
Seit 1971 ist er als freier Illustrator und Maler tätig und hat vor allem zahlreiche Sachbücher für Kinder illustriert (Gallimard jeunesse).

 

 

(uhb für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

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(01/05/09)

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