Der LesePeter
des Monats
Januar 2006

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Gunnel Linde

 
      für das Kinderbuch  
      Joppe  
         
         
         
         
     

Gunnel Linde: Joppe
Mit Bildern von Ole Könnecke.
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer.
Hildesheim: Gerstenberg  2005
125 Seiten, geb., 11,90 €
 

 
 

 

Irgendwo auf der Welt gibt es einen Maulwurf, der heißt Joppe. Joppe ist der wichtigste Maulwurf auf der Welt. Er wurde allerdings nie geboren wie alle anderen Maulwürfe, sondern genäht. Aus schwarzem, weichem Samt. An manchen Stellen ist er inzwischen nicht mehr ganz schwarz.
„Rettet Joppe - tot oder lebendig“ – so der Titel des schwedischen Originals, und der ist gleich viel spannender als der deutsche! Für die Fünf- bis Achtjährigen muss die Erzählung von Ole und seinem Maulwurf Joppe der reinste „Thriller“ oder „Schocker“ sein. Die Gefahren, denen sich Joppe ausgesetzt sieht, sind kaum vorstellbar:  Er bleibt im Fahrstuhl stecken und fällt aus dem Zug; er landet aus Versehen auf der Müllkippe und wird unter Tonnen von Müll begraben; er wird vom Briefkasten verschluckt und lebendig unter Sand begraben; er treibt aufs Meer hinaus in einer Schüssel und gerät in die Tasche des falschen Mantels.
Und immer ist da einer, der Joppe rettet: nämlich Olsson, der im gleichen Haus wie Ole (samt Maulwurf Joppe) und seine Mutter lebt. Olsson hat keinen Vornamen, ist einfach nur Olsson, was schon vom Namen her andeutet, wie gut Ole zu ihm passt (denn er wird eines Tages „Ols-son“ sein). Und so wundert sich Olsson denn auch kaum, als er bei seiner ersten Rettungsaktion im Fahrstuhl den Wachdienst ruft und nach der großen Befreiungsaktion am Boden des Lifts nur ein kleiner schwarzer, nicht ganz neuer Maulwurf liegt. Ole hat keinen Sinn für Sentimentalitäten, aber er weiß Olsson und dessen beginnende Zuneigung zu Oles Mutter durchaus zu schätzen, und das teilt er ihr auch dezent mit. „So ein netter Mann!“, sagt Ole.
Und Olsson rettet weiter. Die ganze Nacht hindurch gräbt er den Müllberg um; er besticht den Baggerführer, damit er nicht noch mehr Sand auf Joppe schaufelt; er holt Joppe zurück, als der wie ein Brief verschickt werden soll; er schwimmt hinter der Schüssel her und rettet Joppe vor dem sicheren Tod auf hoher See – und das, während er verzweifelt versucht, Oles Mutter einen einigermaßen verständlichen Heiratsantrag zu machen: „Also, was ich dich fragen wollte: Willst du mich heiraten?“ sagt Olsson. „Jaa“, sagt Ole. Und während Olsson seinen letzten Socken auszieht, damit der so dramatisch gerettete nasse Joppe nicht friert, fasst Ole das unvergessliche Erlebnis zusammen: „Du bist Joppes bester Olsson!“ Und schließlich sind die Mutter und Olsson endlich in der Kirche und die Pfarrerin stellt die übliche Frage: „Willst du, Per Olsson …“. „Ja klar, ich nehme alle miteinander!“ sagt Olsson. „Gut, was?“, flüstert Ole zu Joppe.
Und damit ist das Buch zu Ende.

Gunnel Linde, geboren 1924, war Produzentin beim Kinderradio und -Fernsehen; sie träumte von eigenen Kindern und eigenen Kinderbüchern. Sie bekam 3 Kinder und schrieb an die 40 Bücher, die insgesamt in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden. Von Kindheit an war sie „eine Betrachterin“, stand am Fenster und sah nach draußen, beobachtete die Menschen. Als sie 1971 über ihren Beruf von misshandelten Kindern ohne Kindheit erfuhr, trat sie Föreningen Barnens Rätt i Samhället bei, einem Verein, der sich für die Rechte von Kindern in der Gesellschaft einsetzt: „Da hört man auf, Betrachter zu sein; dann muss man etwas tun.“ Als in Schweden körperliche Strafen verboten wurden, war sie unter denen, die den Entschluss bewirkt hatten.
Vielleicht stammt aus dieser Zeit ihre Kunst, sich mit großem Einfühlungsvermögen in die kindliche Welt hineinzuversetzen und diese aus der einfachen Perspektive eines Kindes zu schildern. Realitätsnahe Alltagssituationen, in denen unauffällig und indirekt gesellschaftlich relevante Probleme unserer Zeit anklingen (allein erziehende Mutter, Wohnsituation, Beruf), weiß sie fantasievoll und spannend zugleich zu schildern. Die Beziehung zwischen Menschen, die einsam geworden waren, durch Scheidung oder Tod oder fremde Herkunft, hat sie immer interessiert. Mit ihren Büchern wollte Gunnel Linde Kindern ein Stück Lebenswirklichkeit weitergeben, ihnen den Rücken stärken, ihnen vermitteln, dass ihre Welt, so wie sie sie leben, richtig und gut ist.

 „Joppe“ wendet sich an Kinder zwischen 5 und 9 Jahren; das Buch eignet sich gut zum Vorlesen, kann aber aufgrund der deutlichen, großen Schrift auch ab dem zweiten Schuljahr selbst gelesen werden.

 

Die Autorin:
Gunnel Linde, *1924. Während ihrer Rundfunk- und Fernsehzeit machte sie 82 Serien für Kinder, darunter 33 Programme, bei denen nicht hörbehinderte Kinder die Taubstummensprache lernen konnten. Auch „Joppe“ lief im schwedischen Kinderfernsehen als Serie, als Buch wurde es ins Dänische, Norwegische und nun ins Deutsche übersetzt. Insgesamt wurden ihre Bücher in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Sie erhielt begehrte Auszeichnungen für ihr Werk, wie die Nils-Holgersson-Plakette, das Astrid-Lindgren-Stipendium, den Natur- und Kulturpreis im Internationalen Jahr des Kindes und mehrere andere.

Der Illustrator (im Selbstporträt):
Ole Könnecke hat den Roman „bildschön“ sparsam – ein Bild pro Geschichte – in Drei-Farben-Bildern illustriert; seine Zeichnungen, ebenfalls aus der Perspektive des Kindes, sind schlicht und nur scheinbar so einfach, wie der Text nur scheinbar einfach ist, lassen dem Be­trachter Raum für eigenes Entfalten. Ole Könnecke ist 1961 in Deutschland geboren, verbrachte seine Kindheit aber in Schweden. Während seines Germanistikstudiums begann er mit dem Zeichnen.

Die Übersetzerin:
Birgitta Kicherer hat den Roman in eine sehr schöne Sprache übertragen, die dem schwedischen Original in nichts nachsteht. Sie wuchs in Schweden und Deutschland auf und arbeitete zunächst als Kinderbuchillustratorin, bevor sie zu einer vielfach ausgezeichneten Übersetzerin schwedischer Literatur wurde.

 © Copyright für das Bild der Autorin und der Übersetzerin beim Verlag; danke für das Selbstporträt, das der Illustrator kostenfrei zur Verfügung stellte.

 

(avn für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

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