Der LesePeter
des Monats
September 2005

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Beate Dölling

 
      für das Kinderbuch  
      Kaninchen bringen Glück.  
         
         
         
         
     

Beate Dölling: Kaninchen bringen Glück
Mit Illustrationen von Claudia Weikert
Weinheim: Beltz & Gelberg  2005
192 Seiten, geb., 12,90 €
 

 
 

 

Karla sitzt auf ihrem Bett. Die Zimmertür steht offen, an der Wand lacht ein Delfin. Sie hört die Mutter in der Küche die Geschirrspülmaschine ausräumen. Eigentlich wollte Karla ihr dabei helfen, aber sie ist so schlapp vom vielen Nachdenken. Den ganzen Sonntag hat sie gegrübelt, ist nicht mal mit ihren Freunden ins Schwimmbad gegangen. Bis heute Abend muss sie endlich sagen, bei wem sie die nächsten vier Wochen bleiben will.“
Karlas Mutter ist Sängerin und wird den Sommer über mit ihrer Band auf Tournee sein. Am liebsten wäre Karla bei ihrem Vater, aber der lebt seit einigen Monaten mit einer Frau zusammen, „die keinen Papi als Mann mag“ – sagt Karlas Mutter. Karla vermisst Papa; deshalb hat sie auch den Delfin an die Wand gemalt, einen lachenden Delfin, auch wenn sie vor Sehnsucht nach Papa dabei Schmerzen in der Brust hatte. Nun soll Karla am liebsten zu Mamas Schwester Franziska fahren, aber da ist auch die Oma, die gesagt hat, „Komm ruhig zu mir. Wir beide haben uns doch immer ganz gut vertragen.“ Karla sieht die Oma vor sich, „mit Kittelschürze und weißen Dauerwellenlocken. Ihre krummen Beine ragen unter einem Rock hervor, die Füße stecken in Holzschuhen“, und sie entscheidet sich: Ferien bei der Oma.
Es werden Sommerferien ganz besonderer Art. Dass Oma wunderlich ist, stört Karla nicht. Dass sie oft diesen abwesenden Blick bekommt und ihre Enkelin Karla manchmal mit ihrer Tochter Ines verwechselt; dass sie sich ein rotes Katzenfell auf den Rücken bindet, gegen das Rheuma; dass sie in der Vergangenheit genau so unvermittelt lebt wie in der Gegenwart.

 Zwischen Karla und der Oma entwickelt sich eine innige Beziehung. Karla kann die alte Frau so nehmen, wie sie ist, und sie schenkt ihren Worten Glauben – und das ist gar nicht so einfach. Seit dem Krieg spricht die Oma nämlich von dem Schatz, den sie angeblich im Garten vergraben hat. „Das behauptet jedenfalls Oma. Sie habe ihn selbst vergraben, am Ende des Zweiten Weltkriegs. Viele wertvolle Sachen habe sie da rein getan, zusammen mit dem Karl-Heinz Rübenstrunk. Karl-Heinz Rübenstrunk war Omas Freund, aber der lebt nicht mehr. Und durch einen Schock hat sie vergessen, wo sie den Schatz damals vergraben haben, und buddelt seitdem die ganze Gegend um, worüber sich alle im Dorf lustig machen.“ Und so wundert es den Leser nicht, wenn der Briefträger auf seinem Fahrrad vorbeifährt und lachend ruft, „Na, Hedwig, wieder den Garten umgegraben?“
So bricht das Schatzfieber aus, und in dem Maße, in dem Karlas Spannung steigt, vergräbt sich die Oma immer mehr in die Vergangenheit und zwischen den beiden entwickelt sich eine innige, vertraute Nähe. Karla lernt die Oma ganz anders kennen, entdeckt ein neues, geradezu zärtliches Verständnis für die heute alte Frau, die damals den Verlobten im Krieg verloren hat und ihr Schicksal meistern musste.

 Doch nicht nur die Schatzsuche machen die Ferien für Karla zu etwas Besonderem. Vielleicht sind es die alten Erzählungen der Oma, ihre Erinnerungen an Gefühle und Liebesverlust, die Karla aufmerksamer machen für die Empfindungen anderer. Nie hat sie ihren Vater so vermisst wie in diesem Sommer. Bei der Bewältigung ihrer Gefühle hilft ihr Otto, das Kaninchen, das ihr die Oma schenkte und das nie zu schlachten sie Karla in die Hand versprochen hat. Otto ist es auch, der eines Tages die Annäherung an Marita, Papas neue Freundin, ermöglicht, mit der dieser eines Tages, schrecklich verliebt, auftaucht. Und gegen ihren Willen muss Karla erkennen, dass „Papas Tussi“ gar nicht so übel ist und dass ihr die Mutter wohl einiges an Lügen aufgetischt hat. Am Ende steht ein Happy End, das in dieser Form sicher nicht der Wirklichkeit entsprechen kann: Oma erinnert sich und findet den Schatz, der sich durch alte Landkarten als so wertvoll erweist, dass Reichtum ins Haus steht; Papa hört auf mit Mama zu streiten und Mama freundet sich mit „Papas Neuer“ an, und am Ende lädt die Oma alle zu einer Fernreise ein.

Viel wichtiger aber ist die hinter der Geschichte liegende Botschaft. Feinfühlig und einfühlsam erzählt Beate Dölling von zwei „Frauen“, die eine alt, die andere noch ein Kind; die eine verbraucht, verwirrt und bodenständig, die andere neugierig auf das Leben und voller Träume. Bei aller Unterschiedlichkeit verbinden die beiden tiefe Gefühle, Vertrautheit, aber auch Sehnsucht: Die Sehnsucht der alten Frau nach ihrem toten Liebsten und die Sehnsucht des Kindes nach seinem Vater, die aus jeder Zeile des Buches zu spüren ist. In der subtil erzählten Begegnung von Oma und Enkelin lernen beide ihre verschlossenen Gefühle, auch wenn sie schmerzhaft sind, zuzulassen und zu bewältigen. In dem Kind und der alten Frau, von den anderen noch nicht / nicht mehr ernst genommen, thematisiert Beate Dölling Toleranz, Verständnis und Akzeptanz, ohne die Probleme zu verschweigen. Das betonte Happy End ist ein befriedigendes Gegengewicht zu den Problemen, die Alter und unbeschwerte Kindheit über die Maßen belasten. Und oft genug zwischendrin ist ein Schmunzeln oder Lachen möglich, durch einen wunderbaren Kontrast z.B. von Omas erfrischend respektloser Art gegenüber der Betulichkeit ihrer Tochter Franziska.  

Unbeschwert wie diese Szenen sind die kleinen liebenswerten Zeichnungen vom Kaninchen Otto von Claudia Weikert, jeweils am Anfang der Kapitel mit ihren langen beschreibenden Überschriften. 

Ein atmosphärisch dichtes und subtiles Buch, gespickt mit reizvollem Lokalkolorit der ländlichen Gegend; ein Buch, das Probleme von Kindern ernst nimmt und ihnen einen indirekten Weg weist, das Mut macht sich Problemen zu stellen und den Aufbruch zu wagen, das aufruft zu gegenseitigem Vertrauen – und das alles spannend und unterhaltsam geschrieben.

 

Die Autorin Beate Dölling

geb. 1961 in Osnabrück. Seit 1988 beim RIAS-Berlin, Kinderfunk, bzw. DeutschlandRadio, von 1993 bis 2000 Kolumnistin und freie Mitarbeiterin bei der Kinderzeitschrift SAMsolidam. 1998 Moderatorin der Veranstaltungsreihe „Erzählcafé“ im Kreis-Kulturhaus Seelow. Sie schreibt Artikel und Rezensionen für Tageszeitungen und Zeitschriften und ist Dozentin der VHS Osnabrück sowie Leiterin von Schreibwerkstätten. Zwischen 1994 und 2001 erhielt sie vier Literaturstipendien. Nach mehrjährigen Auslandsaufenthalten in Spanien und den USA lebt Beate Dölling nun mit ihrer Familie in Brandenburg, am Rande der Märkischen Schweiz.
Neben zahlreichen Veröffentlichungen in Anthologien, Kinderzeitschriften, z.B. „Der bunte Hund“, Literaturzeitschriften und im Rundfunk erschien 1998 im Gustav-Lübbe-Verlag ihr Jugendroman Mir kann keiner an den Wimpern klimpern. Zu ihren neueren Kinder- und Jugendromanen gehören:
Mama verliebt, dtv junior (2003), Hör auf zu trommeln, Herz, Beltz & Gelberg (2003), Das Regenspiel (Bilderbuch), Thienemann Verlag (2004), Auch zwei sind eine Bande!, dtv junior (2004), Schutzfaktor 18, bei Beltz & Gelberg  (2004), Prahlgänschen (Bilderbuch), Thienemann Verlag (2005), Jim Knopf, Thienemann Verlag (2005).(Foto (c) S.L.Otto)

Die Illustratorin, Claudia Weikert

 geb. 1969 in Vogelsberg/Hessen, lebt heute in Wiesbaden, wo sie ursprünglich auch Innenarchitektur studierte. Seit 2001 arbeitet sie als freiberufliche Illustratorin in der Ateliergemeinschaft Laborproben in Frankfurt; für Beltz & Gelberg illustrierte sie neben Kaninchen bringen Glück z.B. Esmeralda Froschprinzessin von E. D. Baker und Gedichte für Kinder von Günter Stolzenberger. Ihr erstes eigenes Bilderbuch EiEiEi für Lothar erschien 2004 im Thienemann Verlag.

(avn für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (avn)
Jugendbuch     (02/06/10)   (pfn)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

 
     

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