Der LesePeter
des Monats
April 2005

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Maurice Sendak & Tony Kushner

 
      für das Bilderbuch  
      Brundibar  
         
         
         
         
     

Maurice Sendak & Tony Kushner:
Brundibar

Nach der Oper von Jans Krása und Adolf Hoffmeister
Aus dem Englischen von Mirjam Pressler
Hildesheim: Gerstenberg  2005
56 Seiten, geb., 18,00 €
 

 
 

 

Sendak war noch nie leicht für Erwachsene. Man denke nur an die „Wilden Kerle“ – und an den Erfolg des Buches. Hier nun illustriert er den Text einer Oper, die 1942 im KZ Theresienstadt entstand. Kann das gut gehen?

Ein Tyrann geht, ein Tyrann kommt – oder nicht?

Das geht gut. Jedes Alter wird allerdings etwas anderes in diesem Buch sehen, und allein schon die Länge des „Bilderbuchs“ spricht nur für Kinder mit entsprechender Ausdauer.
Während zur Zeit der Entstehung der Oper jeder etwas mit der Figur des Brundibar anfangen konnte, müssen wir uns hier auf die geschichts-bewussten Erwachsenen verlassen. Wenn die mögen, können sie bei dieser Gelegenheit etwas aus der schlimmern Zeit erzählen, vielleicht gibt es auch noch Zeitzeugen in der Familie.

Worum geht es? Mama ist krank, die Kinder werden vom Arzt in die Stadt geschickt, um Milch zu holen. Dort aber erwartet Pepicek und Aninka eine fremde und „kalte“ Welt. Jeder kümmert sich nur um Konsum oder um sich selbst, schart sich um die Mächtigen und Einflussreichen. „Kein Geld – keine Milch“ ist die Devise. Und am größten Platz steht Brundibar, ein Mensch mit Leierkasten, Uniform und einer Aura, der man besser nicht zu Nahe kommt. Dennoch – oder gerade deswegen – bekommt er Applaus von den Erwachsenen. Die Obrigkeit schützt den Brundibar, der in seinen Liedern deutlich sagt, was er von der „Unschuld“, von den Kindern hält: „Ich hasse Kinder, diese Plagen / Wanzen sollten sie zernagen.“ Und: „Hoffentlich ist euch jetzt klar / hier herrsche ich nur, Brundibar“.
Aber die Kinder finden Hilfe, Leidensgenossen, die eben nicht kuschen, sich ducken, die sich in ihren Verstecken zusammenfinden, solidarisieren, Katze, Hund und Vogel und ganz, ganz viele Kinder. Dreihundert sollen es sein. Das beeindruckt auch die Erwachsenen, die eine Gegenkraft spüren. Brundibar wird vertrieben von der Solidargemeinschaft. Sie jubelt. Alles ist nun gut!
Im Anhang aber steht, warum wir dies Buch, diesen Inhalt auch heute nicht vergessen dürfen. Auf einer Eintrittskarte zur Oper-Aufführung 1942 hat Sendak geschrieben: „Nichts klappt so, wie man das will, / Tyrannen halten niemals still. / Einer verschwindet, der nächste erscheint …“

Da sei nicht zuletzt dies Buch vor.

Wie nun zeichnet, malt Sendak? Wir können nur aus der Welt der Erwachsenen schauen und auch nicht die eigene Sozialisation verleugnen. Also fällt auf, dass das Buch sofort beginnt, bevor das ganze Formale abgearbeitet ist. Die beiden Kinder stellen sich vor, eiligen Schritts, über ihnen ein schwarzer Vogel mit gespreiztem Gefieder, dennoch eher (Unglücks-) Rabe als Adler. Erst fünf Seiten und einige Bilder und Texte weiter beginnt das Buch so, wie man es ansonsten gewohnt ist. Dabei hat man schon entdeckt, dass ein Judenstern auf dem Mantel des Arztes genäht ist. Das war Pflicht seit 1941 im damaligen Deutschen Reich.
Die Bilder sind bunt, fast naiv gemalt. Den Figuren haftet immer etwas an, so dass man nach „tieferem Sinn“ sucht. Warum trägt der Junge eine Matrosenmütze? Warum rennen die Kinder und der Arzt fort, bückt sich der letztere auf Kindergröße, duckt sich, als wolle er sich verstecken, flüchten? Was soll die fast geisterhafte Figur neben der Synagoge mit dem Hund? Über viele einzelne Bilder wäre viel zu schreiben, deuten, erkennen, fragen.
Die Stadt kennzeichnet Sendak mit vielen Türmen, Kreuzen, Kuppeln; bürgerliches Volk ist auf den Straßen, viele sind als Juden auszumachen, weil sie orthodox gekleidet sind oder den Stern tragen. Sendak zitiert sich öfter selbst: Der Koch ist aus „In the night kitchen“ entlehnt, eine ähnliche vermenschlichte Katze tritt auch in „Higgelti Piggelti Pop!“ auf, den Raben kennt man aus „Hektor Protektor“ und aus „As I went over the water“, den Zaun von „Outside over there“- sogar mit einem kleinen Jungen am Pfosten (bestimmt ein augenzwinkerndes Zitat).
Die Schrift in ausschließlich Großbuchstaben ist unterschiedlich gedruckt – fett, wenn sie kommentiert, dünn, wenn sie in den Sprechblasen steht. Für drei linke Seiten beansprucht sie den ganzen Platz, ansonsten begleiten sie die Bilder.
Die Menschen sind karikaturhaft überhöht, der Hund der reichen Dame darf ein Halsband aus Geldscheinen tragen, der fliegende Milch-Händler trägt rings um seinen Körper Gestelle mit Milchflaschen und Milcherzeugnissen, während die Kinder im Hintergrund bittend über den Lattenzaun schauen, auf den jemand „
śkola“ geschrieben hat.
Extrem der „Brundibar“, dessen Namensherkunft nicht erklärt wird (das Internet gibt nur Hinweise auf Burundi, der afrikanischen Gegend, in der Tutsi und Hutu sich seit langem üble Völkermord-Aktionen leisten). Diese Figur trägt einen Zweispitz mit Federn und Kokarde, eine braune Fantasie-Jacke mit goldenen Epauletten und diversen Orden, pludrige Hosen und braune Stiefel mit Damen-Absatz. Seine Hände versteckt er in Handschuhen, sein Oberlippenbart spreizt sich, wenn er seinen gehässigen Text auf den Platz singt. Weil er niemandes bedarf, scharen sich die Menschen um ihn. Er ist der geborene (Ver-) Führer, dem in Krisensituationen die Ordnungsmacht beisteht („Bären“ – die Kinder werden zu Bestien – „auf diesem Platz sind verboten! So ist es Gesetz!“)
Brundibar erhält einen Affen, denn ein Tyrann braucht unmittelbare Helfer. Dieser trägt Pickelhaube und rote Uniform, greift stark die Umgebung an, wenn Brundibar stark ist, versteckt sich bei diesem bei Gefahr.

Die Phase der Solidarität kommt unvermittelt und nicht mehr erwartet. Es sind die Ausgestoßenen, die sich finden. Es ist die tiefe Wut und Verzweiflung und ein sanftes Wiegenlied (auf einer Doppelseite als Nur-Text auf fast marmoriertem Hintergrund abgedruckt), dass aus den beiden Kindern gefährliche Bären werden, die letztlich den Brundibar vertreiben.

Ein gutes und versöhnliches Ende, wenn denn doch die Solidarität der Unterdrückten siegt, wenn Sendak / Kushner nicht doch noch die Hintertür öffnen würden, um dem Happy End die Süßlichkeit zu nehmen.

Pass auf! Er kann zurückkommen!
Damals: „Wir rannten weg, was hättest du getan? Wir hatten Angst!“
Heute: Wir passen auf, dass Brundibar nicht mehr den Marktplatz betritt.

 

 Passen wir auf?

  

Ein Buch, das sich in seiner Tragweite sicher mehr Jugendlichen oder Erwachsenen erschließt – hervorragend geeignet im Politik- und / oder Kunst-; vielleicht auch im Musik-Unterricht – die Oper ist auf CD noch in zwei Variationen erhältlich (1993, 1999 erschienen).
Aber auch Kinder im traditionellen Bilderbuchalter verstehen sowohl Geschichte als auch Bilder als Lehrstück von Solidarität. Vielleicht sehen sie auch, dass es fast die selben Menschen sind – vor allem die Ordnungsmacht, die vorher die Kinder vom Platz jagten und nun Brundibar vertreiben. Dann sollte man auch darüber sprechen. Und ob sie selbst auch auf den bunten Vögeln hinaus in die Welt fliegen wollen.

  

Maurice Sendak

ist Jahrgang 1928. Er wuchs als Sohn von jüdischen Einwanderern aus Polen in Brooklyn, New York City, auf. Seine ersten Buch-Illustrationen in Schwarzweiß waren für Ruth Kraus (1951 A hole is to dig), seine ersten farbigen Illustrationen folgten 1955 (Charlotte and the white horse). Mit Kenny’s Window (1956) begann Sendak, in seinen Bildern Furcht und Sehnsucht von Kindern darzustellen, was in seinem Buch Where the wild things are (1964) besonders deutlich wurde.
Er hat für die Bühne gearbeitet und wurde für den Film (Oliver Hardy in Night Kitchen) adaptiert. 18 Bücher sind ausschließlich unter seinem Namen herausgegeben worden, an über 60 weiteren war er – zumeist als Illustrator - beteiligt.
Er sagt von sich und seiner Arbeit: “I have been doodling with ink and watercolor on paper all my life. It’s my way of stirring up my imagination to see what I find hidden in my head. I call the results dream pictures, fantasy sketches, and even brain-sharpening exercises” (zitiert nach Cummins, Julie, Ed., Wings of an Artist, New York: Harry N. Abrams, 1999) und über Bücher und Kinder: „Es sollte mehr ernsthafte Bücher für Kinder geben. Es ist erniedrigend für Kinder, wenn man so schreibt wie für Idioten“ (zit. nach Hektor Protektor, Zürich: Diogenes 1971)

(uhb für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

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      Brundibar-Eine Oper für Kinder [DOPPEL-CD]Brundibar - Eine Oper für Kinder [DOPPEL-CD]
Hans Krasa F./Collegium Juvenum Keck
 

 

 

 

Brundibar-Eine Oper für KinderBrundibar-Eine Oper für Kinder
Frantisec Domazlicky, Hans Krasa Joza Karas Disman Radio Children S Ens.

 

 

 

 

 
     

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