Der LesePeter
des Monats
Oktober 2004

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Anne C. Voorhoeve

 
      für das Jugendbuch  
      Lilly unter den Linden  
         
         
         
         
     

Anne C. Voorhoeve: Lilly unter den Linden
Ravensburg: Ravensburger  2004
255 Seiten, geb., 12,95 €
 

 
 

 

Lilly, der Neuzugang aus dem Osten, nimmt am Sommerfest im Historischen Museum nur widerwillig teil. Aber Volontäre haben da auch zu erscheinen. Ein Kollege setzt sich freundlich zu ihr, er erinnert sie an jemanden von früher und sie erzählt von ihrer erstaunlichen Geschichte: der Übersiedlung von West nach Ost, damals als sie dreizehn war. Dieser Prolog und der Epilog, der die gemeinsame Fahrt der beiden nach Jena- in Lillys Ostheimat zeigt, umrahmen Lillys Erzählung.
Lilly erzählt vom fröhlichen Leben in Hamburg mit ihrer schönen Mutter, von dem Vater, der diese aus dem Osten geholt hatte. Lilly hat ihren Vater nie kennen gelernt, er ist schon lange tot. Lilly erzählt vom langsamen, einsamen Sterben der Mutter. Lebensgefährte Pascal hatte sich während der Krankheit in Arbeit gestürzt, die dreizehnjährige Lilly lebte in einem Internat. Und dann ist Lilly ganz allein. Das Jugendamt als Vormund entscheidet über sie. Pascal lehnt die Vormundschaft ab, er fühlt sich nicht in der Lage...Von der Mutter hat Lilly gelernt: „Die Mauer gehört dazu. Das sind deine Wurzeln. Fang niemals an, die Mauer normal zu finden!“ Als zur Beerdigung überraschend Lena kommt, die Schwester der Mutter, liebt Lilly sie auf den ersten Blick. Sie will zu ihr, zur Familie. Bis ihr heimlicher Plan fertig ist, hat sie Gelegenheit in den Unterlagen ihrer Mutter zu lesen. Sie stößt auf rätselhafte Andeutungen in einem Brief von Lena. Sie ist überrascht, dass Lena zwei Kinder hat, nicht nur eins. Lilly gelingt mit Pascals Hilfe die Flucht und sie muss erfahren, dass ihr Auftauchen in Jena Schwierigkeiten macht. Nur mit Hilfe eines Jugendfreundes, der nun für die Stasi arbeitet, wird Schlimmes abgewendet. Lilly erfährt, was Leben in der DDR heißt. Es dauert anderthalb Jahre, bis sie offiziell zu ihrer Familie übersiedeln darf. Dort in der Schule bleibt sie bis zum Schluss der Wessi, aber sie hat ihre Familie und hängt an ihr.

Lillys Geschichte ist für junge Leser heute auch Geschichte. Mit ihrer Erzählung erfahren sie, wie die Mauer das Leben von Menschen zerstörte und einengte. Leben in der DDR wird aus einem naiven, jugendlichen Blickwinkel beschrieben. Die erwachsene Lilly erzählt, was sie damals vor dreizehn Jahren beobachtet und empfunden hat. Diese Lilly beeindruckt mit ihrem verzweifelten Mut, ihrer sturen Unbelehrsamkeit. Sie will nur zu ihrer Familie, alle Einwände schiebt sie beiseite und setzt sich durch. Dabei ist sie so hilflos und traurig. Man leidet und hofft mit ihr und wird dabei aufmerksam für eine Zeit, die ganz nahe ist und auch so fern. Der Blick zurück ist hier weder anklagend noch nostalgisch verklärt, eher erstaunt und erschrocken. Lilly erlebt bei ihrem ersten Besuch in Jena eine freundliche, liebevolle Familie, die humorvoll den beschwerlichen Alltag meistert. Sie erkennt aber auch, dass über ihnen ein Schatten liegt, etwas Furchtbares muss da geschehen sein, das bis in die Gegenwart hineinwirkt. Lilly ist zutiefst erschrocken, als sie erfährt, dass ihre Tante Lena wegen der Republikflucht der Schwester drei Jahre im Gefängnis war, dass man ihr die neugeborene Tochter weggenommen und in ein Heim gesteckt hatte. Drei Jahre dauerte es, bis der Vater sein Kind zu sich holen konnte.

Lilly unter den Linden vermittelt Geschichte am Beispiel eines jungen Mädchens, das durch die Teilung Deutschlands in eine ausweglose Situation geraten ist und mit einer ungewöhnlichen Entscheidung für sich den richtigen Weg findet. Von der absurden Lage in Deutschland wird im Rückblick erzählt. Erstaunen und Schrecken über das Erlebte schwingen mit und rühren den Leser. Auch wer nichts über die furchtbare Zeit weiß, erkennt an Lillys Erfahrung, dass nichts einfach und eindeutig war. Man nimmt Zwischentöne auf und lernt, nichts und niemand war nur gut oder nur schlecht.

Eine spannende und anrührende Geschichte. Wer Lillys Schicksal miterlebt, wird für Vorurteile zum Thema Ossi-Wessi nicht mehr leicht zugänglich sein. Er wird nachfragen und prüfen. Schüler in Ost und West, die „Lilly unter den Linden kennen“, können sich so in die nahe Vergangenheit hineindenken.

Also ein Titel für die Schulbibliothek, für eine Themenkiste zum Thema Mauer. Ein Roman, durch den man in eine andere Welt gleitet und daraus bereichert zurückkehrt.

  

Anne C. Voorhoeve, geboren 1963, studierte Politikwissenschaft, Anglistik und Alte Geschichte. Sie arbeitete bei einem Brecht-Forscher an der University of Maryland als Assistentin, machte ein Volontariat bei einer medizinischen Fachzeitschrift und wagte schließlich 2000 Selbständigkeit als Lektorin. Sie wollte auch selber schreiben, schon als Kind war das ihr heimliches Vergnügen. Lilly unter den Linden ist ihr erstes Buch.

Es entstand zunächst als Drehbuch und wurde vom MDR mit Susanne von Borsody als Lena und Cornelia Groschel als Lilly verfilmt.

(pfn für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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