Der LesePeter
des Monats
September 2004

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Jutta Richter

 
      für das Kinderbuch  
      Hechtsommer  
         
         
         
         
     

Jutta Richter: Hechtsommer.
Mit Illustrationen von Quint Buchholz
München: Hanser  2004
125 Seiten, geb., 12,90 €
ab 11 Jahre

 
 

 

„Der Hecht war schön. Er schimmerte grünsilbrig und er sah wild aus und gefährlich.“ Manchmal konnte man ihn sehen, den Hecht, silbrig glänzend, erhaben unter der Wasseroberfläche des Schlossgrabens, bevor er wieder hinunter glitt in die schwarze undurchdringliche Tiefe.
„Es war ein Sommer, der nicht aufhört.“ Die Kinder im Schloss halten zusammen gegen die aus dem Dorf und von den umliegenden Bauernhöfen. Mit Kescher und Senke fangen die Jungen Rotfedern aus dem Schlossbach, während Anna sich nach einer Freundin sehnt, mit der sie reden kann.

Wir Leser erleben den Sommer (in einer nicht näher bestimmten, aber sicher zurückliegenden Zeit) aus der Retrospektive der damals vielleicht 12- oder 13-jährigen Anna, die mit ihrer allein erziehenden Mutter in einer Wohnung im Schloss lebt, ebenso wie Daniel und Lukas mit den Eltern Peter und Gisela. Die Idylle trügt. Schatten fallen auf die Unbekümmertheit des Sommers: das durch eine Unvorsichtigkeit Annas verkrüppelte Pfauenweibchen; der Ärger mit dem Schlossverwalter; der Streit mit der Mutter; Gerüchte über die Eltern – und am schlimmsten die Krankheit Giselas, die wie ein großes Tabu über allem hängt; hastige Blicke und schnelles Verstummen, munter und falsch klingende Worte, zur Beruhigung gedacht; die Eltern in völliger Unkenntnis gegenüber dem Ausmaß an Empfindungsfähigkeit und Erkenntnis bei ihren Kindern. Diagnose und Prognose der Krankheit werden verheimlicht, ohne dass die Kinder auf diese Weise davon verschont blieben. Die aufgeschnappten Bemerkungen der Dorfkinder, eingesetzt als Waffe gegen die ungeliebten Schlosskinder, sind brutal, schmerzen mehr als die Wahrheit es täte, machen hilflos im Zorn.
Vor diesem Hintergrund läuft die Zeit unerbittlich ab, verrinnt wie eine Sanduhr. „Die Zeit geht einfach weiter und dann kommt der Abend und es wird Morgen und dann kommt ein Gewitter und dann scheint die Sonne. So ist das mit der Zeit. Und dann eines Morgens liegen die Kastanien braun und glänzend unter den Bäumen, und dann wird es Winter, einfach so.“ Immer wieder verspürt Anna den irrealen Wunsch, die Zeit anzuhalten, zerbrechliches Glück zu bannen oder wenigstens frühere Zustände zu erhalten

Während die Erwachsenen sich verzweifelt um Normalität bemühen („Meine Mutter lachte, Peter grinste und Gisela rührte Zucker in den Tee“), spüren die Kinder immer stärker etwas Dunkles, Bedrohliches nahen; Einsamkeit, Hilflosigkeit und Angst schwellen an. Als es Anna zu eng wird, wagt sie in das Schweigen hinein die Frage. „Das jetzt war der Augenblick, in dem ich mir wünschte, ich hätte nie gefragt … Morgens, als wir zur Schule gingen, war noch alles wie immer gewesen und jetzt hatte Gisela Krebs.“

Wo Zuwendung und Trost für die Jungen nötig wären, bleibt zunächst Stummheit und Verzweiflung, Angst und Verlassenheit, Leere und Wut. Auch der Vater der Jungen kann nicht helfen, ebenso wenig wie Annas Vater, der die Familie längst verlassen hat, als Anna noch klein war. „Väter sind fürs Grobe da. Väter tragen die schweren Sachen. Väter können Rasenmäher anwerfen und Regale zusammenbauen. Väter flicken Fahrradschläuche und kennen sich mit Werkzeug aus. Väter können Bäume fällen, aber sie können keine Radieschen säen und keine Fragen stellen und auch nicht trösten.“
Das Leben gerät aus dem Gleichgewicht, bis Annas Mutter sich um die Jungen kümmert, ihnen Orientierung gibt, Stabilität und Kontinuität; sie backt und kocht für sie, schafft Raum für Augenblicke des Lachens und fröhlichen Spiels, tut all das für sie, was sie der eigenen Tochter oft genug verweigert – und alles ungeachtet dessen, wie es in ihrem Inneren aussieht. „An diesem Nachmittag hat meine Mutter die Jalousien heruntergelassen und den Sommer ausgesperrt. Sie hat eine Zigarette nach der anderen geraucht.“ Und Anna spielt mit: „Ich lachte und ich fragte nicht, was ich eigentlich fragen wollte. Es war ja die Frage, über die ich immerzu nachdachte, die Frage, die über diesem Sommer hing wie die schwarzen Gewitterwolken.“

Ergreifend ist das Hin- und Hergerissensein aller Beteiligten zwischen einander widerstrebenden Grundhaltungen: Bei Anna der Wunsch, die Freunde zu trösten, im Widerstreit mit ihrer Eifersucht auf die vermeintlich nur den Jungs zugute kommende Bemutterung durch ihre Mutter. Bei Annas Mutter der Wunsch, der Freundin zu helfen – typischerweise von der Umwelt gleich mit egoistischen Motiven unterlegt – durch Mitgefühl und Sorge für die Kinder versus Verpflichtung gegenüber der eigenen Tochter. Bei Daniel die unter der Last von Trauer und Verantwortungsgefühl fast zusammenbrechende sensible Kinderseele gegenübergestellt den Versuchen, mit Mutproben und ruppigem Auftreten wenigstens die Fassade von Heldentum und „starkem Mann“ aufrechtzuerhalten.

Immer wieder stellt Daniel die Frage nach dem Sinn und der empfundenen Abwesenheit Gottes, ist hin und her gerissen zwischen Schuldzuweisungen an Gott und der Verneinung seiner Existenz. Aber er sucht auch einen Ersatz und findet ihn im Hechtgott, dem ein Opfer gebracht werden muss. Wie ein Besessener klammert sich Daniel an die Hoffnung: Wenn er nur den Hecht im Schlossbach erwischt, dann wird die Mutter gesund; er kann an nichts andres denken. „An irgendwas muss man doch glauben! Sonst hält man das alles ja gar nicht aus!“
Er lauert ihm auf, dem Hecht, so wie der Tod der Mutter auflauert, und sein Ziel hält ihn umso aufrechter, je stärker ihn die Situation überfordert. Daniel fängt den Hecht, und der Tod des Tieres tritt zeitgleich ein mit dem Tod seiner Mutter. Als er den Hecht erschlägt, stirbt Gisela. Welche Enttäuschung, als ausgerechnet im Augenblick der Selbstüberwindung und des vollzogenen Opfers das nicht abzuwendende Ereignis eintritt! Der Schmerz fließt frei, vereint Vater und Kinder in hilfloser Umarmung. Anna steht dabei und schweigt und weiß, dass die Welt nicht mehr ist, wie sie einst war und nie mehr so sein wird.

 

Jutta Richter hat ein eindringliches Buch in einer schlichten schönen Sprache geschrieben, poetisch und bildreich; eine Geschichte über das Sterben und die Trauer, über den Zusammenhalt und die Freundschaft, in der einer für alle, alle für einen einstehen; die Geschichte eines Sommers, der viel zu früh der Abschied von der behüteten Kindheit ist. Und trotz des traurigen Themas, der Auseinandersetzung mit dem Tod – dem Leser so ehrlich und treffend, so einfühlsam kindlich und schlicht nahe gebracht, dass er mit Anna weinen möchte –, ein ausgesprochen positives Buch, in dem alle zusammenstehen gegen das schlimmste Schicksal, das passieren kann.
Somit wendet sich Jutta Richters Buch ganz besonders an betroffene Kinder und Jugendliche, die durch die Erkrankung eines nahe stehenden Menschen ihre Orientierung verloren haben und sich hilflos und wütend fühlen; es zeigt keine Patentlösung, macht aber Mut, indem es die Zukunft verdeutlicht und zeigt, dass das Leben weitergeht, dass alles ertragbar ist, solange man nicht allein ist. Es macht deutlich, dass trotz Trauer und Kummer das Leben Raum hat für Lachen und Augenblicke der Entspannung ohne schlechtes Gewissen.
Das Buch behandelt das Ende der Kindheit, spricht in erster Linie jene an, die gerade noch der Kindheit verhaftet sind, aber auch die, die schon den Schritt in die nachfolgende Zeit getan haben. Seine eigentümliche Zeitlosigkeit löst es aus direktem Bezug zu Gegenwart oder Vergangenheit, macht es gleichsam immer gültig; ebenso trägt die Ansiedlung des Geschehens in einem quasi idyllischen ländlichen Raum zu einer Übertragbarkeit auf sehr unterschiedliche Verhältnisse und Welten bei.

Sechs ganzseitige fotorealistische Illustrationen fangen den letzten Sommer der Kindheit ein. Wie unscharfe Schwarz-Weiß-Fotografien wirken die Bilder von Quint Buch

holz in ihrer detailgenauen Wiedergabe, die dennoch über das bloße Abbild der Wirklichkeit hinausgehen. Bilder ohne Menschen, die den erzählenden Text atmosphärisch begleiten und in ihrer melancholischen Wirkung Raum für eigene Gefühle und Gedanken lassen: Der Sommer, der nur scheinbar verheißungsvoll da liegt, symbolisiert von den scheinbar unbeschwert dahin gleitenden Vögeln; Bäume in der Weite von Himmel und Landschaft; Sterne am Nachthimmel und eine Kirchturmspitze, den nahen Tod andeutend; der Hecht, gefräßig und kalt am Schlossbachgrund; und schließlich das Wasser, in dem Lichter sich spiegeln, unendlich lieblich und so idyllisch, dass es fast wehtut.

„Ich beugte mich über die Brücke und starrte aufs Wasser. Zwei Libellen tanzten vorbei, ein Wasserhuhn gründelte und ein Schwarm kleiner Rotfedern sonnte sich dicht unterm Wasserspiegel. Es war alles wie immer, es war so, als wäre gar nichts geschehen.“

  

Als Hörbuch erhältlich (2 CDs) und vom WDR 5 als Hörspiel aufbereitet.

 

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Jutta Richter: geboren 1955 in Burgsteinfurt/Westfalen, aufgewachsen im Ruhrgebiet und Westfalen. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Detroit/USA veröffentlichte sie noch als Schülerin ihr erstes Buch. Anschließend studierte sie Theologie, Germanistik und Publizistik in Münster. Seit 1978 lebt sie als freiberufliche Autorin auf Schloss Westerwinkel im Münsterland und in Hamburg.
Zahlreiche Auszeichnungen, Preise und Stipendien, darunter 
1975 Auswahlliste zum Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises zum Internationalen Jahr der Frau mit Popcorn und Sternenbanner (Herder)
1993 Auswahlliste Jugendbuch des Deutschen Jugendliteraturpreises mit Himmel, Hölle, Fegefeuer (Beltz&Gelberg)
1999 Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Kinderbuch mit Der Hund mit dem gelben Herzen (Hanser)
2001 Deutscher Jugendliteraturpreis in der Sparte Kinderbuch mit Der Tag, als ich lernte die Spinnen zu zähmen (Hanser)
Weitere wichtige Bücher der letzten Jahre:
Es lebte ein Kind auf den Bäumen (1999); Hinter dem Bahnhof liegt das Meer (2001); Annabella Klimperauge (2002); An einem großen stillen See (2003).

 

Quint Buchholz: geboren 1957 in Stolberg bei Aachen geboren; ab 1976 Studium der Kunstgeschichte in Stuttgart, 1982-1986 Studium der Malerei und Grafik an der Akademie für Bildende Künste in München bei Gerd Winner. Seit 1988 zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen, vor allem Illustrationen von Kinder und Jugendbüchern.
Seit 1985 zahlreiche Auszeichnungen und Preise, darunter vier Bücher auf der Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis: 1994 für Schlaf gut, kleiner Bär (Text und Illustration Quint Buchholz), 1995 für Schere, Stein, Papier von Patricia MacLachlan (Hanser Verlag) und Matti und der Großvater von Roberto Piumini (Hanser Verlag), 1996 für Därwans Reise von Mats Wahl (Hanser Verlag).
Illustrierte u.a. (1993) Sumchi von Amos Oz; Sofies Welt von Jostein Gaarder; (1995) Nero Corleone von Elke Heidenreich; (1996) Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort von Jostein Gaarder; Zickzackkind von David Grossman; (1997) Panther im Keller von Amos Oz; Das Leben ist kurz von Jostein Gaarder; (1998) Am Südpol denkt man, ist es heiß von Elke Heidenreich; Theos Reise von Catherine Clément; Ich möchte einfach alles sein von Uwe-Michael Gutzschhahn (Hrsg.); (1999) Eine Welt für Madurer von Roberto Piumini; (2000) Maya von Jostein Gaarder; (2001) Bibbi Bokkens magische Bibliothek von Jostein Gaarder; (2003) Das Orangenmädchen von Jostein Gaarder.

(avn für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

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Jugendbuch     (02/06/10)   (pfn)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
         
     

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