Der LesePeter
des Monats
Juni 2004

 
     

geht an Donna Jo Napoli

 
      für das Jugendbuch  
      Donata, Tochter Venedigs  
         
         
         
         
     

Donna Jo Napoli: Donata, Tochter Venedigs
Aus dem Amerikanischen von Anne Braun.
Frankfurt: Fischer Schatzinsel  2004
351 Seiten, geb., 14,90 €
 

 
 

 

 

 

Der historische Roman zeigt Venedig am Ende des 16. Jahrhunderts und lenkt den Blick auf das Leben einer einflussreichen, adeligen Familie. Erzählt wird aus der Sicht Donatas, sie ist die zweite Tochter des Hauses - oder die dritte, sie hat eine Zwillingsschwester. Donata ist vierzehn als sie erkennt, dass ihr Leben festgelegt ist und für sie eigentlich keine eigene Entwicklungsmöglichkeit besteht. Außerdem lebt sie als Fremde in ihrer Stadt, meint sie. Sie weiß nichts, sie lernt nichts aus eigener Erfahrung. Zufällig belauschte Männergespräche sind ihre einzigen Informationsquellen.
Ihre Brüder haben einen Hauslehrer und lernen Lesen, Rechnen und Schreiben. Ihr aber ist das Leben im Kloster bestimmt oder die Rolle als Erzieherin der Kinder ihres ältesten Bruders. Mehr als eine Tochter kann man nicht verheiraten in ihrer Schicht. Und die älteste Schwester ist schon die ideale Braut. Napoli erzählt, wie Donata mit verzweifeltem Mut einen Weg aus dem Dilemma findet. Donata kann und will ihre Bestimmung nicht hinnehmen. Donata hat Glück - ihre Eltern sind liebevoll und verstehen, was sie antreibt. Sie erlauben ihr eine Ausbildung, die sie später zur Beraterin des ältesten Bruders machen soll. Bis es aber soweit ist, durchlebt Donata heimlich einen gefährlichen und spannenden Ausflug in das gewöhnliche Leben der Stadt. Als Junge verkleidet arbeitet sie als Schreiber und erfährt Hilfsbereitschaft und freundliche Fürsorge von einem jungen Juden. Sie muss aber auch mit handfesten Angriffen und Gemeinheiten fertig werden. Das heimliche Leben außerhalb des Palastes wird von Donata unbemerkt von ihrem Onkel geschützt.

Ein spannender Roman, man fühlt sich als Leser hineingezogen in diese fremde, geordnete Welt, in der eine einzelne Person so wenig gilt, besonders wenn sie weiblich ist. In der adeligen Familie hat jeder seine Rolle, alle dienen der Vermehrung und Sicherung der Macht und des Besitzes. Aber wie Donata erkennen auch Leser, dass nichts so starr ist, dass es nicht geändert werden könnte. Selbst Donatas Mutter, die den Adelsstand so korrekt vertritt, zeigt unter der vornehmen Haltung immer wieder das Gesicht der Tochter aus bürgerlichem Haus, die in ihrer Jugend sehr viel mehr Freiheit hatte als sie ihren Töchtern zuzugestehen wagt. Gerade die Mutter ist eine interessante Figur des Romans. Für die Töchter ihrer Familie plant sie mit Energie, Verstand und Fürsorge und zeigt ihnen dabei auch, dass es außer Ehe und Kloster vielleicht andere Möglichkeiten gibt.

Dieser Roman zeigt Leben in der Oberschicht in einer sehr ehrenhaften Familie. Man liebt und achtet sich, und für jeden wird gesorgt. Es geht allen gut und selbst aus dem riskanten Abenteuer geht Donata unbeschädigt hervor. Donata lernt in der kurzen Spanne Zeit von wenigen Monaten, in der wir sie begleiten, nicht nur Lesen und Schreiben, sondern auch Latein. Man könnte sich darüber wundern, aber man nimmt es hin.
Donata ist eine Heldin, sie steht für viele junge Frauen, die den Mut und die Kraft hatten, sich ihren Weg in die Welt zu suchen. Sie rührt den Leser an und zieht ihn in ihren verzweifelten Kampf hinein. Und vielleicht wünscht man Donata insgeheim Liebesglück, etwa mit dem fürsorglichen jungen Juden – aber das wäre einfach nicht möglich, muss man einsehen. So weit dürfen die Regeln nicht übertreten werden. Donatas Sieg ist schon ein Verstoß gegen alle Gesetze, die die Macht und den Reichtum Venedigs sichern.

Napoli, Amerikanerin mit Vorfahren aus Italien, hat für diesen Roman sorgfältig recherchiert. Sie hat ihn allen Frauen gewidmet, die für ihre Bildung und Selbständigkeit kämpfen mussten. Und damit gibt sie gerade Leserinnen ein Thema zum Nachdenken. Heute haben junge Mädchen viele Möglichkeiten.
Nutze ich sie wirklich zielstrebig und planvoll?, wird sich manche fragen.

Für Leserinnen und Leser ab zwölf eine spannende und vielseitig lehrreiche Lektüre.

 

 

Donna Jo Napoli (geboren 1948) ist Professorin für Romanische Sprachen und Linguistik und lebt mit ihrer Familie in Swarthmore, Pennsylvania, USA. Von ihren Kinderbüchern sind im Deutschen erschienen Das Hasenwunder, 1999 bei Beltz & Gelberg Im Zauberkreis und Der Prinz vom Teich gibt es als Taschenbuch bei Sauerländer. In den beiden letzen Geschichten  zeigt Napoli Märchenfiguren - den Froschkönig und die Hexe aus Hänsel und Gretel - auf ganz neue Weise. Sie gibt ihnen ein ergreifendes und anrührendes Schicksal und zeigt, was ,dahinter' steckt und ,davor' geschah.

 

(pfn für die AJuM der GEW)

 

 
         
         
   

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