Der LesePeter
des Monats
April 2004

 
     

geht an
 Philippe Goosens & Thierry Robberecht

 
      für das Bilderbuch  
      Eva im Land der verlorenen Schwestern  
         
         
         
         
     

Philippe Goossens (Bilder) und Thierry Robberecht (Text):
Eva im Land der verlorenen Schwestern

Aus dem Niederländischen von Isabelle Fuchs
Düsseldorf: Sauerländer bei Patmos  2004
32 Seiten, geb., 13,90 €

 

 
 

 

Wo bleibt der Schmerz?

Evas ältere Schwester Lisa ist gestorben. Wie kann ein Leben weitergehen ohne sie? Wo bleibt Eva mit ihrem Schmerz, mit ihrer Einsamkeit?

Ganz zu Beginn, gleich unter dem Schmutztitel, sehen wir einen runden Bildausschnitt: In einem freundlichen Grün eine leere rote Schaukel, die durch eine nicht sichtbare Sonne von leicht links unten Schatten wirft. Die beiden Sitze an den Ketten ruhen still.
Die Form wird fast deckungsgleich auf der nächsten (linken) Seite aufgenommen: Eine beschattete rote Ziegelwand, ein blassroter Ball mit blassblauen Punkten liegt davor auf einem grünen Rasen; ein leichter Schatten durch eine nicht sichtbare Sonne von links. Text: „Lisa ist Evas große Schwester.“
Die beiden sehen wir auf der rechten, der Bilderbuch-Seite. Sie lehnen an wohl eben dieser Mauer, stehen mit ihren stakseligen Beinen auf dem fast sonnenverbrannten Rasen, lassen den Ball wo er ist. Sie werfen keine Schatten, aber aus ihren Köpfen kommen fünf kurze Strahlen, während sie sich freundlich und vertraut anschauen. Beide sehen sich sehr ähnlich mit ihren schwarzen Haaren, ihren Figuren, sind aber doch auch unterschiedlich in ihrem Haarwurf, ihrer Größe, ihrer Kleidung. Beide sind sich innig verbunden, während sie auf der Schaukel auf der Doppelseite ausgelassen sehr hoch schaukeln: Eva hinten, ein wenig ängstlich, Lisa vorn hoch voller Übermut.
„Die beiden teilen ihre Geheimnisse, das macht das Leben leichter.“

Der Bruch ist hart. Immer noch ist auch die nächste Seite ein doppelseitiges Bild, die Grundfarbe Grün, die Schaukel im Bild, Eva. Aber welche Stille! Allein steht Eva auf der linken Seite, sind kräftige Griefen eines groben Pinsels im Grün, wirft eine blasse Sonne senkrechte Schatten, hängen die beiden Schaukelsitze still unter dem roten Gestell, wehen acht blass-braune Buchenblätter quer durch das Bild. Und Eva ist ein einziges Elend. Immer noch trägt sie das rote Kleid der ersten Bilder, aber wie hält sie sich? Die Hände im Schoss beugt sie sich nach vorn, krummer Rücken, ihr Gesicht fast weiß. Klein ist sie. Allein ist sie.
„Die Leute sagen, dass Lisa und Eva unzertrennlich sind, aber die Leute reden ja viel.“

Richtig, wir sind vorgewarnt, aber ein derart schreckliches Bild auf der nächsten Doppelseite konnten wir nicht erwarten. Das doch einigermaßen warme Grün ist einem kalten Schwarzgrün gewichen, Eva in einem engen Bett bis zum Kopf zugedeckt auf der linken Seite und sonst nur Farbe und Text: „Denn Lisa ist gestorben...“

Erwachsene neigen dazu, sich ihren Schmerz zuzudecken, indem sie aktiv werden, verreisen, verrückte Dinge machen. Eva nicht. Sie lebt ihren Schmerz. Sie begibt sich in ein Land, in dem man traurig sein darf. Alles dort ist zu groß und zu dunkel. Fast schmerzhaft nehmen wir die runde Bildform auf der linken Seite wahr: Dort war einmal ein Ball, eine Schaukel, Lisa. Jetzt ist dort ein Haus vor sternenklarem Himmel. Aber auch: Aus dem Schornstein kommt ein Rauch. Wer seinen Bert Brecht kennt, der weiß: Fehlte der Rauch, wäre alles trist und leer.
Ein erster kleiner Hinweis auf eine baldige Besserung also.
So bleiben wir noch eine Weile bei Eva und ihrem Schmerz über Weihnachten, mit ihr bei einem vermeintlichen Erkennen des Gesichts von Lisa in der Wolke dort oben hinter der hohen Mauer, beim Stöbern in den Bildern und Fotos, beim Schmerz außerhalb der anderen Kinder, mit denen sie zusammen sein muss, die ihr helfen wollen in ihrem Schmerz, es aber selbstverständlich nicht können.

Denn: Das geht nicht, man muss ihn selbst durchleben, den Schmerz, allein. Das Messer drehen, das in einem steckt.
Dann nimmt irgendwann die Dunkelheit ab, „und man ist nicht (mehr) so traurig.“

Traurig schon. Nur eben nicht mehr so.

Die letzte Doppelseite nimmt das Bild der ersten Doppelseite auf: Links der Kreis, rechts das ganze Bild. Anstatt Ball verdeckt flatternd aber nun ein Schmetterling, ein Todesbote also, Eva  lehnt rechts vor eben dieser Ziegelwand. Immer noch gibt es diese Streifen, aber die zweite Person fehlt.
Lisa.

Das wird sich nicht ändern.

Diese Wahrheit ist bitter und weder tröstend noch pädagogisch hilfreich. Durch Schmerz musst du hindurch. Was unseren Kindern oder Schülern ein wenig helfen kann, ist dies Buch, denn es zeigt, dass man nicht allein ist mit seinem Schmerz. Auch andere haben ihn, durchleben ihn, bis sie wieder ein Licht sehen. Es wird wieder ein Licht geben und auch der Schmerz wird eine Heimat gefunden haben. Das weiß Eva jetzt – und sie guckt auf dem letzten Bild auch nicht auf die leere Stelle, an der Lisa stand. Sie schaut aus dem Bild heraus. Auf dich.

Dabei ist das Buch nicht etwa nur für Kinder oder Erwachsene in entsprechenden eigenen Situationen geeignet. Das Hineindenken in entsprechende Situationen gelingt auch Kleinen schon sehr gut. Und zu merken, dass man eben nicht den Verlust der Schwester zu beklagen hat, hilft vielleicht auch über diesen und jenen kleinen Streit hinweg. Eine tolle Situation für ein Gespräch, bei dem sich beide betroffen fühlen, Kind und Mutter, Vater.

Für Kinder und Erwachsene jeden Alters
geeignet. Eins der seltenen Bücher, das den Tod von jungen Menschen behandelt.

 

Philippe Goossens wurde 1963 in Brüssel geboren. Er studierte an der Universität Sint-Luc und arbeitete zunächst in der Werbung. Mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er auch heute noch in Brüssel.

 

 

 

Thierry Robberecht ist Jahrgang 1960 ebenfalls in Brüssel geboren. Neben Kinderbüchern schreibt er Liedtexte und Szenarios für Comics.
Dies ist das dritte Bilderbuch, das er zusammen mit Philippe Goossens schrieb (Lach doch mal, Altberliner 2001 / Als Papa König war, Altberliner 2002 - beide auch in englisch und auf französisch erschienen).

 

(uhb für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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