Der LesePeter
des Monats
Februar 2004

 
     

geht an Mirjam Pressler

 
      für das Jugendbuch  
      Die Zeit der schlafenden Hunde  
         
         
         
         
     

Mirjam Pressler: Die Zeit der schlafenden Hunde.
Weinheim: Beltz 2004
270 Seiten, geb., 14,90 €
 

 
 

 

Wenn die Fahrt mit der Schulprojektgruppe nach Israel nicht stattgefunden hätte, wie wäre Johannas Leben dann weitergegangen?
Johanna trifft dort Frau Levin, deren Eltern einmal Besitzer des gut gehenden Modehauses waren, das Johannas Vater von seinem Vater übernommen hat. Frau Levin klagt den Großvater als Naziverbrecher an. Ihr Enkel, den Johanna eigentlich sehr anziehend fand, vergewaltigt sie. Johanna wehrt sich nicht, sie nimmt die Tat als Strafe hin – in Stellvertretung für ihren Großvater?
Nach der Israelfahrt möchte Johanna genau wissen, was 1933 vorgefallen ist, sie möchte die Rolle ihres Großvaters erforschen, hat aber Angst vor dem, was sie möglicherweise herausfinden wird. Erst nach dem plötzlichen Tod des Großvaters (er bringt sich um - wie viele Jahre vorher seine Frau) wird Johanna aktiv. Der Umgang ihrer Eltern mit dem Selbstmord des Großvaters macht Johanna wütend. Sie schweigen, vertuschen, bewahren Haltung. Johanna beginnt mit ihrer Suche, befragt Verwandte, zu denen schon lange keine Verbindung mehr besteht, spricht im Vertrauen mit der Lehrerin, die die Israelreise initiiert hatte. Was sie herausfindet, verstört sie. Sie hatte ihren Großvater geliebt, seine Zuneigung hatte ihr gut getan. Es hatte sie traurig gemacht, ihn langsam hinfällig werden zu sehen. Dass zwischen ihren Eltern und dem Großvater keine herzliche Verbindung bestand, hatte sie als Kind nicht erkennen können. Ihr wird erst jetzt deutlich, dass ihr Familienleben vom Geschäft beherrscht wird, dass für Gefühle kein Raum ist. Johanna erkennt, dass der Großvater ein harter Mann war, wie besessen Geld und Macht sichernd. Er hatte es geschafft aus eigener Kraft, wird immer betont. Nur: Die „eigene Kraft“ war in Wirklichkeit die Unterstützung durch das Naziregime. Er war Parteimitglied und konnte deshalb mit einem günstigen Kredit das Modehaus der Familie Levin kaufen, als diese verkaufen musste. Johannas Großvater hatte immer zuerst an seinen Gewinn gedacht, auch später im Umgang mit der Verwandtschaft. Als diese finanzielle Unterstützung gebraucht hätte, blieb der Großvater hart. Auch von der Mutter erfährt Johanna, wie sehr diese unter dem hartherzigen, geizigen Schwiegervater gelitten hat. Mit dem Vater kann Johanna nicht reden, er braust auf, will von nichts hören. Die alten Geschichten sollen endgültig vorbei sein. Es scheint, dass Johannas Familie auseinander bricht.
Johanna ist verzweifelt. Dazu kommt die Erbschaft. Sie und ihr Bruder haben eine große Summe vom Großvater geerbt, über die sie mit dem achtzehnten Lebensjahr frei verfügen können. Johanna ist also unabhängig. Sie brauchte ihren Vater nicht mehr.
Johanna gibt aber nicht auf, sie will das hilflose Schweigen über die Vergangenheit beenden. Sie streitet mit dem Vater, bringt ihn zum Reden. Und sie finden einen Weg: Vater, Bruder und Johanna geben einen Teil ihres Erbes an Frau Levin in Israel. Johanna will nichts wieder gut machen, das ist unmöglich, weiß sie. Sie will der alten Frau nur helfen, ein wenig komfortabler zu leben. Sie will ihr Gewissen befreien von der Last des Unrechts, das sie nicht begangen hat, mit dem sie aber verbunden ist. Und Johanna will, dass man nicht länger schweigt. Die Opfer dürfen nicht vergessen werden, sie müssen im Bewusstsein auch der Täternachkommen bleiben, ist Johannas Einsicht.
Als Johanna ihren Weg gefunden hat, kann sie auch die Beziehung zu ihrem Freund Daniel, den sie nach der Rückkehr aus Israel immer wieder zurückgewiesen hatte, neu ordnen und genießen. Johanna kann nach vorn sehen und wieder leben.

Pressler beginnt Johannas Geschichte mit dem Tod des Großvaters im Spätsommer, Monate nach Johannas Israelreise. Zu Beginn des Winters hat Johanna ihren Standort gefunden. Leser erleben die Suche nach der Wahrheit mit. Eigentlich ist Johanna eine Heldin, mit der man sich gern identifizieren mag – klug, schön, wohlhabendes Elternhaus. Wer sich aber nun auf Johanna einlässt, ist unversehens in einem Konflikt, der weit über den engen privaten Lebenskreis hinausgeht. Wie die Heldin sehen sich Leser in einer historischen Kette, verwickelt in schreckliches Geschehen ohne selbst beteiligt gewesen zu sein. Die aktuelle Diskussion um die Bewältigung von Vergangenheit, um Schuld an Verbrechen, die vor langer Zeit geschehen sind, bekommt einen persönlichen Bezug. Alles ist plötzlich sehr konkret und nah. Überlebende des Holocaust im Gespräch mit den Schülern aus der deutschen Kleinstadt, mit der Enkelin eines Täters. Leser erleben Johannas Suche nach dem wahren Geschehen mit, sie zweifeln mit ihr an dem Sinn dieser Forschungsarbeit und verstehen, dass Johanna manchmal lieber aufgeben möchte, einfach nur weiterleben wie bisher.

Gegenwart, ferne und nahe Vergangenheit sind hier eng miteinander verwoben. Leser werden hineingezogen in das vielschichtige Geschehen und suchen mit Johanna einen Weg. Wie Johanna sich befreit, ist beispielhaft und zeigt, dass es andere Möglichkeiten als Vertuschen, Verschweigen und Verharmlosen gibt. So wird mit der Geschichte eines privaten Schicksals ein Weg gezeigt, der auch für andere beispielhaft sein kann.

Eine spannende und bedrückende, dann aber auch befreiende Geschichte, die nicht nur junge Leser fesselt. Verborgenes kommt ans Licht und zwingt, die Gegenwart neu zu ordnen. Und dabei erzählt Pressler eine Alltagsgeschichte, in der jeder ein Stück seiner eigenen Gegenwart erkennen kann.

 

Mirjam Pressler – Jahrgang 1940 – Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt, verschiedene Jobs in München, Arbeit in einem Kibbuz in Israel. Seit 1980 hat Pressler Erzählungen für Leseanfänger, Kinder und Jugendliche veröffentlicht und dafür und für ihre Übersetzungen viele bedeutende Preise erhalten. Pressler hat drei Töchter und lebt in München.

Ihre Jugendromane erzählen Geschichten von jungen Menschen in gefährlichen Grenzsituationen. Ihre Heldinnen und Helden sind immer lebensecht und ziehen Leser in ihr Schicksal mit hinein.

(pfn für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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