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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW, c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

       
Autor:
Breinl, Juliane,   
Titel:
Graue Wolken im Kopf
ISBN:
978-3-401-51198-6  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Bader, Sibylle
Seitenanzahl:
224
Verlag:
Arena, Würzburg
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2020
Preis:
8,00 €   Taschenbuch / Heft / Broschur
       
Inhalt:
Die 16jährige Tiziana ist eine Musterschülerin und Vorzeigetochter. Sie ist sehr strebsam und zielorientiert. Doch dann macht sich eine Leere in ihr breit, die sie lähmt, dass sie auch nicht mehr zur Schule gehen kann. Ihr Leben gerät aus den Fugen. Nur Louis erkennt, dass Tiziana eine Depression hat und damit naht auch Hilfe.
[WS 25 Thüringen]
       
Lesealter:
14 - 17 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Angst / Außenseiter / Freundschaft / Gefühle / Lernen / Spannung / Zukunft
       
Beurteilungstext:
Ich habe das Buch verschlungen und es hat mich sehr berührt, auch wachgerüttelt und erst recht sehr zum Nachdenken angeregt. Absolut empfehlenswert. Ich würde es sogar als Lese -Pflichtlektüre im Unterricht vorschlagen, da es den heutigen Zeitgeist trifft und ernsthaft behandelt werden sollte. Die Autorin hat die Handlung, den Verlauf der schleichenden Krankheit so packend beschrieben, da leidet man als Leser regelrecht mit. Es wird die Ohnmacht und die Hilflosigkeit so realitätsnah geschildert, dass man am liebsten eingreifen würde. Tiziana ist eine Musterschülerin und Vorzeigetochter. Sie ist beliebt bei ihren Klassenkameraden, auch im Volleyballteam, bei den Lehrern und selbst bei den Berbern hinterlässt sie einen bleibenden positiven Eindruck. Mit ihrer besten Freundin Vivian, die sie schon von klein auf kennt, kann sie über alles reden. Sie vertrauen sich gegenseitig ihre Geheimnisse an und können sich aufeinander verlassen. Manchmal neidet Vivian ihrer Freundin insgeheim sogar, dass ihr alles so mühelos zu gelingen scheint und ihr auch häuslicherseits jede Unterstützung zuteilwird. Klar, Tizianas Eltern sind beruflich sehr eingespannt, aber sie bewohnen auch ein schönes großes Haus… Also manchmal würde Vivian gerne mit Tiziana tauschen. Vivian kann ja nicht ahnen, unter welchem Druck Tiziana steht. Einerseits sind es natürlich die eigenen großen Ziele, die sich die Protagonistin selbst gesteckt hat, denn sie möchte Journalistin werden und dazu braucht sie gute Kenntnisse, Noten, Arbeitsnachweise. Aber dann ist da auch ihr Trainer, der Sie zusätzlich noch als Ersatzspielerin für die Frauenmannschaft anwirbt und dem sie einfach nicht absagen kann. Und ganz besonders sind es die hohen Erwartungen ihres Vaters, denen sie hilflos gegenüber ausgeliefert ist. Immer wieder gibt er ihr zu verstehen, dass das alles eine Frage des Zeitmanagements ist. Er hat ja auch alles mit Ehrgeiz und Disziplin geschafft und geht noch Studieren, zusätzlich zum Job. Tiziana steht in seinen Augen da, als würde sie jammern, wüsste ihren Komfort nicht zu schätzen. Und Tiziana fühlt sich mehr und mehr unverstanden. Sie will ja, sie will wirklich, aber da macht sich diese Leere in ihr immer breiter. Was ist das? Sie weiß darauf keine Antwort und sie weiß auch nicht, mit wem sie darüber reden kann? Was ist mit ihr? Und dann tauchen diese unzähligen Fragen auf und sie kann nicht schlafen, kann sich auch auf nichts konzentrieren. Und dabei gibt es doch noch so viel zu tun. Sie fühlt sich gefangen, wie in einem Hamsterrad und sieht keinen Ausweg. Zu all diesem Desaster kommt noch die missglückte Geburtstagsparty, um die sich Vivian in großem Maße gekümmert hatte. Tiziana hätte diesen Rummel nicht gebraucht, aber sie konnte auch in dieser Situation sich nicht klar dagegen aussprechen. Sie hat sich den Wünschen ihrer Organisatorin unterworfen. Was wollte Tiziana und was brauchte ihr Körper/ Geist? Auf jeden Fall ein geringeres Arbeitspensum, mehr Freizeit, weniger Termine, Stress, Druck. Aber wie sollte sie denn alles schaffen können, wenn sie nachlassen würde? Für die Projektarbeit war bisher auch noch zu wenig getan worden. Man kann förmlich spüren, wie Tiziana allmählich überzuschnappen droht, wie ihr sozusagen „das Wasser bis zum Hals steht“ und sie „den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann“ und ihr „die Luft zum Atmen ausgeht“. Die inneren Anzeichen laufen Sturm, aber niemand kann ihr helfen. Als ihr Körper dann aber vollends versagt, sie keinen Appetit mehr hat, keinen Antrieb zur Schule und zum Aufstehen überhaupt findet, sie niemanden sehn will und sich auch schon Selbstmordgedanken einstellen, weil die Leere im Körper überhandnimmt, da sind wir so froh zu lesen, dass Louis und Vivian fest an Tiziana glauben und aktiv werden. Es dauert länger, bis die Eltern die Krankheit ihrer Tochter begreifen und akzeptieren. Man möchte gar nicht darüber nachdenken, was das Fehlverhalten des Vaters noch für folgenschwere Konsequenzen hätte haben können. Aber wenn man sich noch nicht mit der Krankheit: Depression beschäftigt hat und selbst vor Energie und Zielstrebigkeit strotzt, ist es einem wohl wirklich nicht nachvollziehbar, wie heimtückisch diese Krankheit jeden ereilen kann. Und gerade strebsame, arbeitssame, aufopfernde, sich selbst wenig bedachtsame Menschen sind von dieser Krankheit bedroht. Tiziana war von allem zu viel: zu strebsam, zu terminorientiert, zu hilfsbereit, zu zielbewusst, zu genau, zu gehorsam, zu introvertiert. Ich kann Tiziana sehr gut nachempfinden, weil ich selbst ein Burnout erfahren habe, das mich aus meinem gewohnten Lebensalltag hinauskatapultiert hat. Die Anzeichen waren schon länger, mit mehreren Hochs und Tiefs spürbar, aber der innere „Schweinehund“ hat mich immer weiter angetrieben. „Du musst das und das und das noch erledigen… und ohne dich geht’s nicht… und reiß dich zusammen… stell dich nicht so an… wenn du jetzt krank machst, schaffst du die liegengebliebenen Arbeiten gar nicht mehr… usw.“. Dazu die schlaflosen Monate, die Dauerspannung, das Gedankenkarussell und die eigene Unzufriedenheit über all die unerledigten Aufgaben. Das ist auch im Roman so nachvollziehbar beschrieben. Während sich Tiziana aufregt, weil sie Bälle versemmelt hat, redet ihr Vivian zu, sie solle sich doch endlich freuen über den Mannschaftssieg – egal wie viele Patzer sie gehabt hätte. Recht hat sie, aber ich verstehe Tiziana – ihre Leistung war für sie selbst nicht gut genug. Immer wieder kritisch sein mit der eigenen Person, der eigenen „Unfähigkeit/ minderen Leistung“. Die Autorin zeigt uns im Roman immer wieder auf, wie wichtig eine Freundschaft ist und dass diese Freundschaft und auch der Zuspruch von Lois für Tiziana einen unbezahlbaren Wert haben. Es ist außerdem wichtig, sich zu offenbaren und auch auf Gehör/ Verständnis zu stoßen. Sehr gut hat mir in dem Roman auch das Projekt von Vivian und Tizian gefallen. Das ist schon parabelähnlich. Da haben sich die beiden Schülerinnen dazu entschlossen, Wohnsitzlose zu interviewen und wie es dazu gekommen ist, dass sie auf der Straße leben. Tiziana begegnet den gefallenen Menschen mit Achtung und Verständnis, wohingegen Vivians Abneigung deutlich spürbar gegenüber den „Pennern“ ist. Auch Tizianas Vater äußert sich, wie vielleicht viele seiner Zeitgenossen: “Ausgerechnet diese Versager? Was hat einer, der null Leistung für die Gesellschaft bringt, schon groß zu erzählen? Die sind doch aus Überzeugung faul, Nichtsnutze… Ich…!“. Und da haben wir die Verallgemeinerung, alle „über einen Kamm scheren“. Durch die Interviews erhalten die Leser einen kleinen Einblick in manch Lebensgeschichte und vielleicht auch eine Ahnung davon, wie schnell ein Schicksalsschlag einen Menschen aus seiner Bahn werfen kann. Wenn die Katastrophen sich häufen und man keine Freunde/ Helfer hat, dann kann’s ganz schnell bergab gehen. Das muss man sich unbedingt vor Augen halten. Es wird auch deutlich, dass intelligente Menschen genauso wenig davor gefeit sind; ebenso wenig Ältere wie Jüngere, Männer wie Frauen. Wir dürfen auch erfahren, dass manche Menschen sich bewusst gegen Materialismus ausgesprochen haben und dass es auch Menschen gibt, denen Räume/ Termine Angst machen, die sich bewusst für ein solches Berberleben entschieden haben. Zu schnell beurteilen wir Menschen nach ihren Äußerlichkeiten, stecken Randfiguren in eine Schublade… . Tiziana hat sich bei Louis verstanden gefühlt und ihm ihren Zustand anvertraut, doch die angebotene Hilfe hat sie nicht annehmen und seine Diagnose nicht wahrhaben wollen. Vivian hat ihre Skepsis und Voreingenommenheit gegenüber dem Jugendlichen (Loser, Drogendealer, Penner, Schulabbrecher…) völlig neu zu bedenken gelernt, beim näheren Kennenlernen und gemeinsamen Bemühen um die Freundin. Es ist beruhigend zu lesen, dass Tizianas Zustand, durch den selbst gewünschten Aufenthalt, in der Klinik, schon nach einem halben Jahr beträchtliche Fortschritte zeigt. Sehr zuversichtlich auch die Unterstützung durch Freundin Vivian und Freund Louis. Gut, dass die Liebesenttäuschung zwischen Tiziana und Boris mit der wahren Freundschaft zu Louis überwunden ist. Der Roman bekommt von mir volle Punktzahl, weil er so vielschichtig, eindringlich, realitätsnah, zukunftsweisend, appellierend an die Gesellschaft und Fragen aufwerfend an jeden Leser sich wendet. Ganz ganz große Leistung von Frau Juliane Breinl. Sie hat die Krankheit meisterhaft, einfühlsam und gut verständlich beschrieben. Ich finde auch die Covergestaltung sehr ansprechend. Da sehen wir auf der Photographie eine gedankenverlorene Jugendliche die scheinbar ziellos, wie weggetreten, aus dem Fenster schaut. Gegenüber ist ein Teil Plattenbau zu erkennen. Was geht ihr durch den Kopf? Oder hat sie nur völlige Leere im Kopf, Nebel, graue Wolken? Tropfen breiten sich auf der Seite aus. Tropfen sind auch über jedem Kapitel zu sehen und darunter steht ein Auszug / eine Haupt- Aussage aus dem jeweiligen Inhalt. Das hat für mich emotionale Vertiefung. Tropfen für Tropfen, bis „das Fass überläuft“ und man fast ertrinkt. Oder Tropfen für Tropfen, bis die grauen Wolken sich abgeregnet haben und der Himmel mit der Sonne um die Wette strahlen kann. Heilung - Rettung – Besinnung – Achtsamkeit - neue Chancen. Das gibt Zuversicht. Gehen wir sorgsam mit uns und Anderen um. Vielen Dank für dieses Meisterstück!!!!
[WS 25 Thüringen]
  
       

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