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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW, c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund

       
Autor:
Dhami, Narinder  
Titel:
Böser Bruder toter Bruder
ISBN:
978-3-473-35332-3  
Übersetzer:
Winter, Kerstin
Originalsprache:
Englisch
Illustrator:
Seitenanzahl:
234
Verlag:
Ravensburger, Ravensburg
Gattung:
Jugendthriller
Reihe:
Jahr:
2011
Preis:
12,95 €   Buch: Taschenbuch
       
Inhalt:
Es hätte ein ganz normaler Schultag werden können, dieser 10. März. Für die 15jährige Mia verändert er aber alles, als ein maskierter Amokläufer in Mias Schule eindringt und eine ganze Klasse als Geiseln nimmt. Während die übrigen Schüler und Lehrer ins Freie fliehen, bleibt Mia zurück. Sie kennt den Amokläufer und sie will ihn unbedingt aufhalten, denn sie ist sich sicher, dass dies der letzte Streich ihres Zwillingsbruders Jamie sein wird. Ein raffiniertes Psychodrama beginnt.
[HSM Sachsen]
       
Lesealter:
14 - 17 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
empfehlenswert
Schlagwörter:
Aggressivität Schülerin/Schüler Amoklauf
       
Beurteilungstext:
Narinder Dhamis “Böser Bruder, toter Bruder” bietet inhaltlich dicht Spannung auf hohem Niveau. Das Sujet des Amoklaufs in der Schule ist seit Harald Tonderns “Mitschuldig?” (2005), Brigitte Blobels “Allessas Schuld” (2006) oder zuletzt Jennifer Browns “Die Hassliste” (2010) dabei in der Jugendliteratur keinesfalls neu - Dhami verpackt es aber originell, was sich jedoch weniger der Figurenzeichnung verdankt.

Ich-Erzählerin und Hauptperson ist die 15jährige Mia Jackson, die mit ihrer manisch-depressiven Mutter Annabell und ihrem Zwillingsbruder Jamie in einem der sozialen Brennpunktviertel Birminghams lebt. Annabells psychisch-emotionale Schwankungen haben über Jahre hinweg dazu beigetragen, dass der Leser Mia zu Beginn der Erzählung als ernsten, zugleich aber sehr unsicheren Charakter kennen lernt. Den einzig festen Bezugspunkt für sie bildet Jamie, der - oft jähzornig und aggressiv - weder Verständnis für die Krankheit der Mutter noch für die introvertierte Haltung seiner Schwester hat. “Du musst lernen, dich zu wehren” (S. 25), so das Credo, das Jamie Mia mit auf den Weg gibt. Wenig später verschwindet er, um alle wachzurütteln. Mit Ausnahme Mias und Jamies bleiben dabei die übrigen Personen des Romans eher stereotyp: Über ihre Krankheit hinaus bleibt die Mutter wenig fassbar. Auch der Großvater - der zwischenzeitlich die Familie bei sich aufnimmt, zu Beginn der Erzählung aber bereits verstorben ist - stellt in den Erinnerungsberichten selten mehr als den "guten Opa" dar. Zusätzlich wird Mia das Leben von der Schulschlägerin Kat Randall und ihrer Bande schwer gemacht. Das Figurenkarussell ist daher bestens geeignet, wohlfeile Erklärungen für den Amoklauf im schwierigen Elternhaus oder den schulischen Konfliktsituationen zu suchen, doch trifft die Klischeebehaftung der Akteure nicht auf die Erzählkonstruktion zu.

Dir Rahmenhandlung von “Böser Bruder, toter Bruder” entsteht durch ein Gespräch Mias mit ihrer Therapeutin. Ihr Bericht, der die Ereignisse des 10. März wiedergibt, bildet danach die primäre Binnenhandlung. Darin beschreibt Mia jenen Vormittag, an dem nach einem Streit mit Jamie ein Amokläufer in die Birminghamer Hollyfield-Schule eindringt, der eine Klasse als Geiseln nimmt. Der Bericht umfasst dabei inhaltlich einen Zeitraum von etwa sechs Stunden und zeigt Mia, die versucht, sich zu jenem Gebäudetrakt Zugang zu verschaffen, wo sie den Geiselnehmer vermutet. Während sie sich ihren Weg durch das von Polizei und Scharfschützen umstellte Schulhaus sucht, reflektiert sie immer wieder Episoden aus ihrem Leben. Diese gedanklichen Einschübe bilden die sekundäre Binnenhandlung, in der man mehr über Mias Kindheit, die stetigen Konfrontationen mit der psychisch kranken Mutter und die Suche nach dem unbekannten Vater erfährt. Herzstück dieses Handlungsstrangs sind jedoch die immer wieder aufgegriffenen Gewaltepisoden Jamies, der sich - einem Beschützer gleich - in Bedrohungssituationen immer wieder in aller Radikalität vor seine Schwester stellt. So bricht er im Kindergarten einem anderen Jungen den Arm oder steckt ein Haus in Brand. Mias Reflexionen erlauben so das vermeintliche Psychogramm Jamies, das dessen Profil als Amokläufer schärft. Umso verblüffender scheint es dann jedoch, als Mia den Geiselnehmer stellen kann, sich aber zeigt, dass dieser nicht Jamie ist. In der Auseinandersetzung mit dem Täter wird Mia verletzt und verliert schließlich das Bewusstsein. Erst Stunden später kommt sie im Krankenhaus wieder zu sich. Auf die Frage hin, wie es Jamie gehe, erhält Mia eine befremdliche Antwort. Ihr Zwillingsbruder Jamie ist bereits bei der Geburt gestorben, Mia hatte ihn nie kennen gelernt. Sie konnten gar nicht miteinander aufwachsen.

Diese Wendung führt den Roman wieder in die Rahmenhandlung zurück, in der nun aufgelöst wird, dass Mia in Jamie eine imaginäre Komplementärfigur hatte, die ihr stets half, die eigene Unsicherheit zu überwinden - letztlich auch mit Aggressionen. Die Auflösung, die Narinder Dhami bietet, wertet die nur scheinbar banale Geschichte eines glücklicherweise fehlgeschlagenen Amoklaufs so zu einem Seelendrama auf, das die Romanheldin und zugleich Erzählerin am Ende in ein völlig anderes Licht rückt. “Böser Bruder, toter Bruder” lädt den Leser damit ein, nochmals sämtliche Ereignisse und Fakten Revue passieren zu lassen sogar neu zu bewerten. Mia bleibt dennoch die souveräne Erzählerin und überlässt das Feld keinem therapeutischen Dossier. So bleibt durch diesen raffinierten Zug zuletzt dann doch offen, ob Jamie nur eine Einbildung Mias war oder zwischen ihm - sozusagen als Geist - und ihr die ganze Zeit über eine übersinnliche Verbindung bestanden hat. Und auch, wer für die Gewalt, die Mia stets schützte, verantwortlich war.

Empfehlung: Narinder Dhamis “Böser Bruder, toter Bruder” ist eine gelungene Mischung aus Jugendbuch und Thriller. Die leicht stereotypen Figuren werden durch die mehrschichtige Handlungsstruktur und die überraschende Schlusswendung wieder eingefangen. Wer aufgrund des Fußball-Sujets von “Kick it like Beckham” (als Tb. ebenfalls Ravensburger, 2010) mit Narinder Dhami bisher nichts anfangen konnte, dem sei - zumindest wenn er anspruchsvolle Spannungsliteratur schätzt - hier ans Herz gelegt, sie mit diesem Titel für sich zu entdecken.
[HSM Sachsen]
  
       

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