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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW, c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

       
Autor:
Lackfi, Janos; Ijjas, Tamas,   
Titel:
Die kürzesten Geschichten der Welt
ISBN:
978-2-9404-8194-1  
Übersetzer:
Buda, György
Originalsprache:
Ungarisch
Illustrator:
Gianotti, Mattea
Seitenanzahl:
104
Verlag:
Helvetiq, Basel und Lausanne
Gattung:
Sonstige
Reihe:
Jahr:
2020
Preis:
19,50 €   Spiel, Karten
       
Inhalt:
Ein Buch ist eigentlich nicht, sondern ein Schuber mit 52 Karten. Es enthält die versprochenen Geschichten auch noch gar nicht. Sie müssen noch erdacht, erzählt, zusammengefügt, verändert werden. Wenn überhaupt etwas Text zu lesen ist, steht er auf der Rückseite einer jeden Spiel- oder Auswahlkarte nur rudimentär. Es sind Angebote, die die Illustratorin und zwei Autoren machen. Zu benutzen sind die Karten vielfältig. Dazu gibt es ein Begleitheft mit vielen, weiter veränderbaren Angeboten.
[stoni 19 Nordrhein-Westfalen]
       
Lesealter:
6 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
für Arbeitsbücherei
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Bildende Kunst / fantastisch / märchenhaft / Literatur / Spiel
       
Beurteilungstext:
Etwa 14cm x 10,5cm groß sind die ozeanblauen stabilen Spielkarten. Das gesamte Material fasst sich angenehm an. Die eine Seite der 52 Karten hat Mattea Gianotti gestaltet. Sie zeigen auf dem einfarbigen Hintergrund collageartig zusammengefügt größere und kleinere Zeichnungen und Ausschnitte. Alles könnte zu einem Detail einer Geschichte werden. Manchmal taucht aus dem Off ein rotes Band auf, bildet eine Schlinge, sucht eine Verbindung, verschwindet hinter einem Bildausschnitt oder führt irgendwo weiter. Wo, das hat der Mitspieler zu entscheiden. Manchmal sucht man diesen roten Faden. Das Bild hat keinen Anfangspunkt, der zu nutzen wäre. Dennoch gibt es Anknüpfungspunkte genug. Die Bilder sind mal etwas konkreter -z.B. trägt eine Taube mit Schal und Rollschuhen einen Brief im Schnabel - mal etwas abstrakter - ein weißes Gebilde, das eine Eisfläche sein könnte, eine Wolke? Aber ist da nicht ein Kaffeebecher am Rand der weißen Fläche? Was sollen die Strukturen der Schabe-Spuren der Malerin bedeuten? Die Spuren, die blaue Fliege und zwei kleine Kreise zusammen genommen, ergeben ein Gesicht. Welche Geschichte könnte nun erzählt werden?
Vieles mutet märchenhaft an. Es gibt Karten mit Spiegeln, Fischen (was soll der eckige Fisch unter ihnen?), Faltschiffchen, Stricknadeln oder ein Maßband. Zwerge, Mücken und andere Tiere kommen vor. Ist das Frau Holle vielleicht, oder was ist das für ein merkwürdiges Gewächs, das aus einer Sonne im Boden wächst und an den Zweigen Eishörnchen, Lutscher und Bonbons wachsen lässt?
Es gibt auf den Bildkarten viel zu entdecken und viel zu interpretieren. Auch kleinere Kinder (die Herausgeber nehmen ein Alter von 5 Jahren an) können ihre Fantasie einsetzen und Geschichten erfinden. Dazu reicht eine Karte aus. Die Spielregeln lassen aber mehrere Karten und mehrere Erzähler zu. Die Karten können je nach Anordnung auf die Vergangenheit oder in die Zukunft verweisen. Erzählstränge können auch parallel verlaufen. Hierzu gibt es viele Spielvorschläge. Sie könnten auch in ein tatsächliches Spiel münden.
Bei den meisten Erzählvorschlägen der Autoren sollte unbedingt von einer anderen als der angegbenen Altersgruppe ausgegangen werden.
Die Textangebote auf der Rückseite eignen sich nur in Ausnahmen für kleine Kinder. Die Sprache ist zum Teil so komplex gebaut, mit Reihungen, Bandwurmsätzen, Irritationen, skurrilen Ideen, erklärungsbedürftigen Hinweisen, Zeitsprüngen und doppelten Verneinungen, dass auch ein Kind zum Ende der Grundschulzeit hiermit noch völlig überfordert wäre. Die skurrilen Ideen wirken nicht, wenn einzelne Wörter erst erklärt werden müssen.
Zudem werden auch Hinweise gegeben, die, u.a. durch die Wortwahl (verrecken, Handgranaten, lauter schreckliche Schreckschrauben), für dieses Alter unangemessen sind. Manch längerer Text setzt eine Kenntnis von Lebenssituationen (eine untreue Geliebte, blutunterlaufene Augen) oder die Kenntnis ironisch verwendeter Witzszenen voraus (ein schweinischer Witz; …. eine Affenhitze, als die Menschen einander die Köpfe vom Hals brüllten.), was in diesem Alter sicher nicht anzunehmen ist.

Gerade bei den längeren Texten - und das sind viele - setzen Wortwahl, Syntax und inhaltliche Verweise eine andere Altersgruppe voraus.
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Textangebot:„Oder nein, …ein Hustenmedikament, das… vom Heilen geheilt werden wollte… und sich in den Medizinlöffel verliebte ….
das eigene Etikett hustete ihm etwas, …. wurde verschluckt und starb lieber den Heldentod. Friede seiner Asche, und lasst uns
sein Grab bekränzen!“
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Bildseite: Flasche mit klopfendem Herzen, Schal und Mütze, Korken mit Gesicht, Wolken

Nur einige wenige Texte, vor allem die kurzen, sind für jüngere Schulkinder nutzbar. Eine Vorauswahl der Karten in ‚geeignet‘ und ‚ungeeignet‘ wäre aber kontraproduktiv. Außerdem fielen dann viele der wunderbar anregenden Bildsequenzen je nach Spielregel heraus aus dem Spiel. Das wäre schade.
Überforderung ist daher zu vermeiden, denn sie schreckt ab, macht keinen Spaß, grenzt aus.

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Textangebot: „Die kürzeste Geschichte der Welt handelt vom Klingeln der Schulglocke, welches das Ende der Pause ankündigt.“
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Bildseite: ein Piratenmädchen mit roten Zöpfen, das rote Band kommt von oben auf sie herunter gerollt
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Textangebot: …. „Oder nein, von zwei Hasenohren, die alles hörten nur fehlte dazu der Hase.“
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Bildseite: die Ohren eines Hasen, das bunte Band mit einer umwickelten Möhre, ein Kochtopf mit Kelle, ein Fahrrad ohne Pedale und Funktion,
weiße Wolken am Himmel
Dazu fällt auch kleinen Kindern sicher etwas ein.
[stoni 19 Nordrhein-Westfalen]
  
       

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