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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW, c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund

       
Autor:
Letterie, Martine,   
Titel:
Kinder mit Stern
ISBN:
978-3-551-55762-9  
Übersetzer:
Kluitmann, Andrea
Originalsprache:
Holländisch/Niederländisch
Illustrator:
Völk, Julie
Seitenanzahl:
126
Verlag:
Carlsen, Hamburg
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
11,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Bennie, Klaartje, Rosa, Jules, Leo und Ruth sind ganz normale, fröhliche niederländische Kinder. Manche haben noch kleine nervende Geschwister wie Rosa, andere sind Einzelkinder wie der ängstliche Bennie, der noch nicht zur Schule geht oder Jules, der am liebsten mit seinem Freund Loek Eisenbahn spielt. Alles ändert sich für sie und ihre Familien, als das faschistische Deutschland 1940 die Niederlande überfällt, denn es sind jüdische Kinder.
[SRAn 16 Hessen]
       
Lesealter:
8 - 9 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Krieg / Nationalsozialismus / Flucht / Angst / Holocaust
       
Beurteilungstext:
Die Autorin Martine Letterie begibt sich auf die Spuren der unzähligen Kinder (vor allem jüdischer Kinder, aber auch Sinti und Roma) und ihren Familien, die von den Nazis zunächst gedemütigt, in ihren Rechten eingeschränkt und schließlich über das Sammellager Westerbork mit Zügen in die Vernichtungslager deportiert wurden. Von den ca. 18.000 Kindern kamen nur etwa 1000 zurück. In Zusammenarbeit mit dem Erinnerungszentrum Westerbork hat Letterie recherchiert, die Kindheitserinnerungen einiger Überlebender als Grundlage für diese Geschichten verarbeitet. Besonders am Herzen lag ihr das Schicksal des realen Leo Meijer, wie sie in einem Beitrag des niederländischen Fernsehens betont. Er hat nicht überlebt, sondern wurde in Auschwitz ermordet. Seine Kinderzeichnungen auf braunem Papier leiten die drei Teile des Buches ein. Im Teil eins – So fing es an - liest man davon, wie es ist, wenn man nicht mehr in Zoos und Parks darf, wie die kleine Rosa oder wieviel Angst man bekommt, wenn feindliche Flugzeuge über die Häuser fliegen wie Bennie. Oder wie doof es ist, wenn man nicht mehr auf den Spielplatz darf wie Jules und zum besten Freund quer durch die ganze Stadt laufen muss, weil Straßenbahnfahren verboten sind. Alles, weil sie Juden sind?
Für die Kinder unverständlich und die Erklärungsversuche der Eltern für dieses Unrecht sind nicht sehr überzeugend aus Kindersicht. Klaartje z.B. zweifelt, ob es wirklich daran liegt, dass ein Mann, „der in Deutschland das Sagen hat“ den Juden die Schuld an allem gab und sie deshalb schlecht behandelte. Sie denkt: „Andere schlecht behandeln, das macht man doch nicht?“ (S. 12) Und die kleine Rosa freut sich in rührender Naivität über den bevorstehenden 6. Geburtstag, denn da darf sie endlich auch einen Stern tragen, während ihrer Mutter die Tränen in den Augen stehen.
Wie nach und nach dieser naive Kinderglaube zerstört wird, die Kinder die Bedrohung zunehmend am eigenen Leib spüren, die Familien auseinandergerissen und schließlich alle in Züge nach Westerbork verbracht werden, das erzählt Letterie in einer sensiblen, mitfühlenden und berührenden Weise. Es sind traurige Erfahrungen, die die Kinder und ihre Familien machen müssen, ganz besonders im Lager, wo sie tagtäglich von Deportationen in die Todeslager im Osten bedroht sind. Die kleine Ruth, Tochter des Lagerkochs, beobachtet wie die „Reisenden“ in langen Reihen zum Zug gehen und möchte auch mitfahren. Im letzten Moment wird sie wieder aus dem dunklen und stinkenden Waggon gehoben und so vorerst gerettet. (S. 67) Neben all dem Schrecklichen gibt es im Lager aber auch viel Zusammenhalt und Solidarität: Die Kinder imaginieren sich eine andere, schönere Welt mit einer Spiegelscherbe oder sie freuen sich über Päckchen und ein paar Rosinen aus der Küche wie Ruth und ihre Kinderbande. Sie vertreiben den Kummer in der Schule mit schwierigen Rechenaufgaben und es gelingt sogar, ein Laubhüttenfest zu organisieren!
Im letzten Teil „Frieden“ entdecken die Kinder nach der Befreiung durch kanadische Soldaten, dass es eine Welt außerhalb des Lagers gibt: mit grünen Wiesen und städtischem Leben. Aber denkt Ruth: „Das ist vielleicht das Allerschönste, dass sie jetzt nie mehr einen Stern zu tragen braucht.“ (S. 115)
Die Autorin beherrscht die große Kunst, wahrhaftig zu erzählen, ohne die Schrecken zu verheimlichen, zu berühren ohne rührselig oder kitschig zu werden und macht so historische Wirklichkeit und die Erfahrungen von Verfolgung, ständiger Angst und Deportation gerade auch für jüngere Kinder zugänglich.
Mit zarten Wasser- oder Aquarellfarben, aber auch mit viel Schwarz, illustriert Völk kleine Szenen, Begebenheiten. Aber auch Beobachtungen und Gefühle der Kinder bringt sie eindrucksvoll durch die Farbgebung zum Ausdruck: Der riesige dunkle Schrank, der als Versteck für Jules gedacht ist und vor dem er winzig wirkt. (S. 40)

„Kinder mit Stern“ sollte in einer geschützten familiären oder schulischen Situation gelesen und/oder vorgelesen werden. Kinder brauchen für dieses Buch die Möglichkeit eines Gesprächs. Sie werden empathisch regieren und Fragen haben, die auch die Erwachsenen nicht sicher und abschließend beantworten können, Fragen nach Recht und Unrecht, nach Gut und Böse.

Angelika Schmitt-Rößer
[SRAn 16 Hessen]
  
       

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