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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund

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Autor:
Mohl, Nils    
Titel:
Mogel
ISBN:
978-3-499-21537-7  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Seiten / Spielzeit (min):
200
Verlag:
Rowohlt, Reinbek
Gattung:
Erzählung
Reihe:
Jahr:
2014
Preis:
9,90 €   Buch: Taschenbuch
       
Inhalt:
Strafe muss sein! Und was liegt näher, als denjenigen, der seinen besten Freunden am Samstagabend alkoholfreies "Pussybier" (56) andreht, zur Strafe als Mädchen zu verkleiden - denn "Pussys tragen gerne Röcke." (61)
Mit "Mogel" ist Nils Mohl ein echtes Jugendbuch-"Petit Four" gelungen, das nicht in der Restwärme der großen ‚Liebe-Glaube-Hoffnung'-Trilogie gebacken ist, sondern eigenes Feuer hat - ob man es liest oder nicht, ist mit den Worten von Flo Da Ho nicht "gefickt wie gebumst". (90)

[jhe Hamburg]
       
Lesealter:
14 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Junge Freundschaft Liebe/Erste Liebe
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Zum wiederholten Male gelingt es dem Hamburger Autor Nils Mohl in "Mogel", das Leben am Stadtrand und in der Vorstadt durch detailgenaue, aber nicht aufdringliche Beschreibungen zu einer kleinen Milieustudie aufleben zu lassen. Plastisch treten einem als Leser, wie schon in dem 2013 mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Roman "Es war einmal Indianerland", die Innenhöfe zwischen den Hochhaustürmen vor Augen: Betontischtennisplatte, Parkbänke mit Muttis, die "eine Zippe nach der anderen löten", und Rollstuhlfahrer mit "Supermarktfusel in der Faust". Diesmal aber wird diese Kulisse nur wachgerufen, wenn Miguel berichtet, unter welchen Umständen er und seine Freunde das Spiel "Bierpong" entwickelt haben, das Auslöser für alle Erlebnisse des schicksalhaften Abends ist, von denen in "Mogel" erzählt wird. Nicht weniger treffsicher zeichnet Mohl aber auch die Vorstadt.

Für Miguel und seine Eltern hat sich nämlich nach einer kleinen Erbschaft die Möglichkeit ergeben, aus dem Südturm der Stadtrand-Wohnsiedlung in ein kleines Reihenhaus in der Vorstadt umzuziehen. Dass Spott und latenter Neid da nicht ausbleiben, als seine Freunde Dimi, Flo und Silvester (Silvester ist übrigens, genauso wie Kitty und Domino, die an dem verhängnisvollen Verlauf des Abends nicht unbeteiligt sind, ein alter Bekannte aus "Stadtrandritter") ihn das erste Mal in seinem neuen Zuhause besuchen, ist klar. Und trotzdem spielen sie in alter Tradition zusammen "Bierpong" - diesmal aber im Partykeller der Dos Santos vor der Palmenkulisse der Fototapete. Die Stimmung kippt, als der vom nervenaufreibenden Spielverlauf gestresste Flo Da Ho feststellen muss, dass sie mit alkoholfreiem Bier gespielt haben. Als Strafe soll Miguel als Miguela den Abend verbringen und an der Tanke echtes Bier kaufen. Obwohl er erst 15 Jahre ist. Silvesters Schwester Kitty und ihre Freundin Domino rücken extra mit allen Utensilien, die man als junges Mädchen von 16 Jahren braucht, an und verwandeln Miguel zu einem bildhübschen Mädchen: "Mädchen-Make-up! Mädchenohrclips! Mädchen-Shorts, die direkt unter den Pobacken enden! … bis hin zum frühlingswiesenfrischen Mädchenduft … bis hin zum lässigen Schultertäschchen, darin sogar ein Kondom mit Ananasgeschmack und - Brüller - zwei Not-Tampons." (7) Der Bierkauf gelingt mit der Hilfe von "Hengst", dem Fast-Ex von Candy, die wiederum Miguels Schwarm ist. Dass Miguel(a) Candy später im CackaBum!, einer Disko am Rande der Stadt, in die er/sie gezwungen wurde, helfen will, ist vor diesem Hintergrund verständlich. Aber damit gerät die Sache aus dem Ruder…

Besonders überzeugend sind die Figuren in diesem schlanken Roman gezeichnet. Diese treten als echte Charaktere und nicht bloß als eindimensionale Typen auf. So, als ob sie von der Straße der außerliterarischen Wirklichkeit direkt Einzug in den literarischen Kosmos gefunden hätten. Unperfekt, aber glaubwürdig: Dimi schreibt lieber SMS, als zu sprechen, Flo Da Ho ist respekteinflößend und hat seine Affekte nicht immer unter Kontrolle und Silvester ist beliebt, weil hübsch, und hat wie Miguel einen Migrationshintergrund. An keiner Stelle wird die Glaubwürdigkeit überschritten, sondern die Skurrilität ist wohl dosiert - die Beretta-Attrappe im Hosenbund von Flo Da Ho ist sogar sehr wahrscheinlich!

Besonders tief wird der Leser in die Gefühlswelt von Miguel hineingesogen, aus dessen Perspektive die Geschehnisse authentisch erzählt werden. Man erhält Zugang zu seinen Gedanken, Gefühlen und Sorgen. Komisch, aber nicht ins Lächerliche ziehend, lässt Mohl z.B. seinen Protagonisten von der Sehnsucht beichten, gerne einmal ‚aus Versehen’ im Schrank der Sammelumkleide des Städtischen Schwimmbades eingeschlossen zu sein, um Candy, die sich nie für ihn interessieren wird, einmal in voller Pracht sehen zu können – wenigstens beim Umziehen. Da scheint wirklich ein 15-Jähriger die Nähe seiner Angebeteten zu empfinden: „In meinem Bauch sind glühende Kohlen, und jemand pustet hinein.“ (167) – Candy ist „erektionswürdig“. (10) Die Kunst der Unmittelbarkeit, die Mohl meisterhaft leistet, besteht darin, die Sprache der Figuren zu treffen. Denn Sprache ist das Medium unserer Weltbegegnung und nur über Sprache kann also die Weltbegegnung der Figuren erlebbar gemacht werden. Und „Mogel“ ist konsequent in einer ausgefeilten und sich konsistent in die Geschichte einfügenden Jugendsprache erzählt – ungewollt und locker, vertraut und nicht anbiedernd. Die Sinne des Protagonisten gehen auf den Leser über – da kann und will man nicht aufhören zu lesen, oder besser: wieder zu empfinden. Die Grundstruktur des Plots erinnert flüchtig an einen Schelmenroman in moderner Adaption für die Vorstadtwelt: ein Held aus der Unterschicht, der ‚fast’ ohne Zutun in brenzlige Situationen gerät und Abenteuer bestehen muss und am Ende in die Welt der Eierbecher am Frühstückstisch zurückkehrt. Durch die Schelmenhaftigkeit, die dem Roman ein leichtes Augenzwinkern verleiht, nimmt die konzentriert und ohne unnötige Ausschweifungen auf denExtrempunkt zusteuernde Erzählung aber keinen Schaden. Im Gegenteil! Der Roman erhält erst dadurch den Flair der Jugendlichkeit, changiert das Leben in derPubertät doch besonders zwischen Ernst und Heiterkeit, kindlicher Unbeschwertheit und erwachsenenAbgründen, Übermut und Verzagen. Und der Wechsel kommt manchmal unvermittelt – wie in „Mogel“. Weniger hohe Anforderungen an den Leser als die beiden Romane der Stadtrand-Saga stellt „Mogel“ an die Rekonstruktion der Chronologie der Ereignisse. Zwar ist auch hier die Chronologie durcheinandergebracht, aber bei Weitem nicht so stark und außerdem eindeutig markiert. Es beginnt mit den Kapiteln 16 – 19. Es folgen die Kapitel 1 – 15 und dann wird von 20 an chronologisch erzählt. Der Vorgriff schafft von der ersten Seite an die Spannung, die nicht nur jugendliche Leser sich von einem guten Jugendbuch wünschen. Zu empfehlen ist dieses Buch allen. Seine Stärke kann aber besonders darin gesehen werden, dass es die Chance birgt, Jugendlichen, die großes Identifikationspotential brauchen, ein breites Angebot zu bieten und zum Lesen zu motivieren. Wer dieses Buch nämlich angefangen hat, kann nicht mehr aufhören und wird sich plötzlich als richtiger Leser fühlen. Es macht erlebbar, dass Literatur einen etwas angeht, dass man sich und seine Situation wiederfinden kann und dass man in fremden Zungen zu sich selber spricht. Für alle anderen, die die Altersgrenze von 3 x 6 Jahren schon passiert haben, ist „Mogel“ ein literarisches Petit Four, das –gleich einem Proust´schen Madeleine,um im Bild des Gebäcks zu bleiben, – Erinnerungen weckt.

[jhe Hamburg]
  
       

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