Auswahlliste für den
Heinrich-Wolgast-Preis 2017
  Die Jury für die Verleihung des Heinrich-Wolgast-Preises 2017 gibt die folgende Auswahlliste ("Shortlist") für den Preis bekannt.
Der Preis wurde am 02. März 2018 in einer feierlichen Veranstaltung in den Bücherhallen (Hamburger Zentralbibliothek, Hühnerposten 1, 20097 Hamburg) überreicht.

Martin Petersen:
Exit Sugartown

Hamburg: Dressler, 2016
978-3-7915-0007-2
Ab 14 Jahre


Preisträger 2017
Kommentar der Jury:
Die siebzehnjährige Halbwaise Dawn hat genug von der aufzehrenden, aber letztlich ertragslosen Arbeit und dem ärmlichen Leben in Sugartown. In der Hoffnung auf ein besseres Leben in City, einer reichen Stadt jenseits des Meeres, überwindet sie Grenzen, Zäune und Mauern. Dort angekommen, werden ihre Träume und Wünsche jedoch auf eine harte Probe gestellt.
Der Roman erzählt eine Geschichte, die an Aktualität, Universalität und politischer Virulenz kaum zu überbieten ist: Sugartown ist nicht Sugartown, sondern nur ein Name, der dem Elend und der Perspektivlosigkeit unzähliger Menschen auf dieser Welt eine konkrete Gestalt verleiht. City ist nicht City, sondern verkörpert als Sehnsuchts- wie Alptraumort der Flüchtenden die sogenannte „Erste Welt“ in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit. Schließlich ist auch Dawn nicht Dawn. Ihr Name (dt.: Morgendämmerung) steht sinnbildlich für all jene, die sich mit ihrem Zustand nicht abfinden wollen und auf den Weg in eine vermeintlich bessere Zukunft machen.
EXIT SUGARTOWN ist engagierte Jugendliteratur im besten Sinne: Ganz ohne Pathos, Moralisierung, platte Schuldzuweisung und stereotype Feindbilder, welche in allen politischen Lagern grassieren, direkt, unmittelbar und schonungslos. Es macht auf einen skandalösen gesellschaftlichen Missstand aufmerksam, der strukturelle Ursachen hat und einer dringenden Lösung bedarf.

Martin Petersen wurde 1950 in Kopenhagen geboren, arbeitete lange Zeit als Lehrer und in der Kinder- und Jugendhilfe. Seit 1989 ist er außerdem als Schriftsteller tätig und hat seitdem elf Romane für Kinder und Jugendliche veröffentlicht.

     
  Eymard Toledo:
Onkel Flores
– Eine ziemlich wahre Geschichte aus Brasilien
Zürich: Baobab Books, 2016
978-3-905804-72-0
 Ab 5 Jahre
Kommentar der Jury
Ungemein realistisch gestaltet, gleichsam ein wenig märchenhaft erzählend, entführt uns dieses Bilderbuch mit seinen Papier- und Stoffcollagen in die kleine Stadt Pinbauê (Brasilien): Umweltverschmutzung, Industrialisierung, das Aussterben traditioneller Berufe sowie Preis- und Lohndumping durch billigen Import werden am Existenzkampf eines Schneiders anschaulich dargestellt. Dank einer Idee seines Neffen gelingt Flores nicht nur die Erhaltung des eigenen Geschäftes, sondern er bringt auch wieder Farbe und etwas Glück in das Leben der Bewohner von Pinbauê.
  Lorenz Pauli & Claudia de Weck: Geld zu verkaufen!
Zürich: Atlantis Verlag, 2017
978-3-7152-0727-7
Ab 6 Jahre
Kommentar der Jury
Das Schenken, Tauschen, Teilen, Leihen, Sparen, Arbeiten, Kaufen, Verkaufen ist unmittelbar oder mittelbar mit dem Thema Geld verknüpft. Was ist Besitz und wie begründen sich Werte? Zentrale Fragen, die hier in einer kindlichen Spielsituation in verschiedenen Varianten durchgespielt werden; witzig vermittelt in den comicartig gezeichneten Illustrationen von Claudia de Weck.
  Koldo Izagirre & Antton Olariaga: Schmutzige Füße
Alibri Verlag, 2016
ISBN: 978-3- 86569-255-9
Ab 7 Jahre
Kommentar der Jury
Schmutzige Füße beobachtet die Menschen in der Telefonzelle, die ihre Lieben in der Ferne anrufen. Dabei ergeben sich oft zwei Realitäten: die eine, welche die Migranten ihren Verwandten berichten und die andere, in der sie offenkundig leben. Auch Schmutzige Füße lebt in verschiedenen Welten und würde gern jemandem davon berichten. Eine poetische Geschichte, die mit ihren vielschichtigen Collagen besonders die Widersprüche im Leben ihrer Handlungsträger eindrücklich in Szene setzt.
  Katherine Applegate-Crenshaw
Einmal schwarzer Kater

Frankfurt: Fischer / Sauerländer, 2016
978-3-7383-5427-1
Ab 8 Jahre
Kommentar der Jury
Ein kleiner Junge versucht mithilfe seines imaginären Freundes die Arbeitslosigkeit der Eltern, den sozialen Abstieg der Familie, den Verlust der Wohnung und das Vagabundenleben im Minivan zu verkraften. Trotz der Schwere des Themas folgt das in literarischer Hinsicht sehr ansprechende Kinderbuch keinem deprimierenden und hoffnungslosen Grundton, sondern bietet mit viel Sinn für Humor und einem starken, liebevollen Familienzusammenhalt auch tröstliche Perspektiven auf das Thema an.
  Carla Maia de Almeida & António Jorge Goncalves:
Bruder Wolf

Frankfurt: Fischer / Sauerländer, 2016
978-3-7373-5360-1
Ab 12 Jahre
Kommentar der Jury
Sehr poetisch, anrührend und nachdenklich werden die Arbeitslosigkeit des Vaters, sozialer Abstieg, Anspruch und Wirklichkeit des männlichen Hauptverdienermodells und nicht zuletzt die Zerrüttung einer Familie thematisiert. Im Zeitalter der Wirtschafts- und Finanzkrise(n) ist dieses illustrierte Kinderbuch, welches den Zusammenhang von Arbeitswelt und Privatleben eindrücklich und poetisch verfremdet herstellt, topaktuell. Meisterhafte Illustrationen vermitteln eine düstere, bedrückende Atmosphäre und machen das Buch zu einem traurig schönen Gesamtkunstwerk.
  Jochen Oltmer, Nikolaus Barbian & Christine Rösch :
Ein Blick in die Deutsche Geschichte: Vom Ein- und Auswandern

Berlin: Jacoby & Stuart, 2016
978-3-946593-08-9
Ab 12 Jahre
Kommentar der Jury
Dieses politische Sachbuch verknüpft die Themenfelder Arbeit und Migration miteinander. Es informiert seine Leser darüber, dass sich Deutschland in den vergangenen 150 Jahren je nach politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen mal Auswanderungs- und mal Einwanderungsland definiert hat. Weltweite Migrationsbewegungen hatten (und haben) sehr oft sozioökonomische Ursachen. Das abwertend gebrauchte Schlagwort vom “Wirtschaftsflüchtling” offenbart sich in diesem Kontext als erstaunlich geschichtsvergessene Vokabel. Hier wird eine andere Perspektive vermittelt – in kurzen Texten und Illustrationen, die eine interessante Mischdarstellung von typisierter Verfremdung und fotografischen Anspielungen realisieren.
  Franckie Alarco:
Die Geheimnisse von Schokolade

Rheinbek, Carlsen, 2015
978-3-551-76307-5
Ab 14 Jahre
Kommentar der Jury
Der Leser sitzt in diesem Sachbuch nicht nur bei der Entstehung eines interessanten Comics in der ersten Reihe, ihm werden auch tiefe Einblicke in die Arbeitsabläufe zur Herstellung von Schokolade gewährt. Diese gelungene Mischung aus Sachcomic und Graphic Novel ist sehr reichhaltig und informativ, besonders hinsichtlich des Selbstverständnisses und der Arbeitsweise eines Chocolatiers. Die erzählte Handlung entwickelt sich in den hochfrequenten Bildpanels, die eine (dokumentar-)filmartige Atmosphäre erzeugen.
  Kate de Goldi:
Barney Kettles bewegte Bilder

Rheinbek, Königskinder Verlag, 2017
978-3-551-56032-2
Ab 14 Jahre
Kommentar der Jury
Das Thema Arbeitswelt wird in diesem berührenden Jugendroman eher indirekt aufgegriffen. Sehr detailliert wird von der Produktion eines besonderen Films erzählt – von der Idee bis zur Umsetzung – den der Protagonist der Geschichte selbst dreht. Ein interessanter Aspekt der Handlung ist das Problem der obdachlosen Jugendlichen und ihrer Exklusion aus einer gar nicht so idealen Gemeinschaft. Ein eigenwilliges Buch voller Dialoge mit intelligentem Witz.
  Birgit Weyhe:
Madgermanes
avant-verlag, 2016
978-3945-03442-2
Ab 16 Jahre
Kommentar der Jury
Erzählt wird die unerfreuliche Geschichte mosambikanischer Vertragsarbeiter in der DDR; von Ausbeutung, Desillusionierung, Fremdheit und Rassismus. Das gewählte Comicformat visualisiert in meisterhafter Verbindung historisch-atmosphärische und genretypische Momente der Gegensätze, Gedanken und Erfahrungen fiktiver Protagonisten. An vielen Stellen ersetzt die ausdrucksstarke Darstellung viele Worte. Das in inhaltlicher wie ästhetischer Hinsicht bemerkenswerte Buch entfachte eine öffentliche Diskussion über die längst fällige Auszahlung vorenthaltender Löhne und eine Mitverantwortlichkeit der Bundesrepublik.
  Li Kunwu:
Die Eisenbahn über den Wolken

Edition Moderne, 2016
ISBN: 978-3-03731-147-9 Ab 16 Jahre
Kommentar der Jury
Der historische Dokumentarcomic berichtet über den Bau der vietnamesisch-chinesischen Yunnan-Bahn Anfang des 20. Jahrhunderts; eine technische Meisterleistung, die der Natur abgerungen werden musste. Grausame Zwangsarbeit und – selbst für damalige Verhältnisse – katastrophale Arbeitsbedingungen kosteten mehr als zehntausend Arbeitern das Leben. Insbesondere in der visuellen Darstellung seines dokumentarischen Gehaltes und der engen Verknüpfung von historischen und kulturellen Differenzen beeindruckt das Buch.
     
  Heinrich-Wolgast-Preis der AJuM der GEW
Der Heinrich-Wolgast-Preis wurde 1986 vom Bildungs- und Förderungswerk (BFW) der Gewerkschaft Erziehung (GEW) im DGB e.V. gestiftet, um die Darstellung der Arbeitswelt in der Kinder- und Jugendliteratur zu fördern. Der im Gedenken an den Reformpädagogen Heinrich Wolgast gestiftete Literaturpreis wird alle zwei Jahre von der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW verliehen und ist mit 2000 Euro dotiert.
Die AJuM sichtet und prüft Kinder- und Jugendliteratur und -medien unter dem Gesichtspunkt der Verwendbarkeit in pädagogischen Arbeitsfeldern. Die Ergebnisse dieser von mehr als 500 Pädagoginnen und Pädagogen aus allen Bundesländern getragenen Arbeit fließt unmittelbar ein in die pädagogische Praxis, außerdem in die direkte Beratung von Kindern, Eltern, Lehrkräften usw., in Fortbildungsveranstaltungen und in zahlreiche Publikationen.
Die AJuM arbeitet bundesweit und ist Teil der (Bildungs-)Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW.

Sind Sie an einer Mitarbeit interessiert? Wenden Sie sich an Ihre Landesstelle oder an den Bundesvorstand der AJuM. Wir freuen uns auf Ihre Mitarbeit.