Der LesePeter
des Monats
Januar 2014

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Mira Lobe

 
      für das Kinderbuch  
      Lollo  
         
         
         
         
     

Mira Lobe
Lollo
Illustrationen: Susi Weigel
Wien: Jungbrunnen 2013
978-3-7026-5852-6
69 S * 16,95 € * ab 6 J
Erstausgabe von 1987, Neuauflage zum 100. Geburtstag der Autorin

 

 
 

 

Lollo ist eine Puppe mit dunkler Hautfarbe. Lollo liegt auf dem Müll, weil sie alt und auch nicht mehr so ansehnlich ist. Doch sie selbst fühlt sich nicht verbraucht. Also sucht sie sich Gefährten und gestaltet ihr neues Leben  so, wie sie es richtig findet. In anspruchsvollen Reimen warf Mira Lobe bereits vor über 25 Jahren Themen auf, die mehr denn je unseren Alltag betreffen.
Es hat seinen Grund, warum gerade diese gefühlvoll gereimte Geschichte heute wieder entdeckt wird und werden sollte.

Die Negerpuppe Lollo wurde auf dem Müllberg am Rande der Stadt entsorgt. Doch so ganz einverstanden ist sie  mit diesem Zustand nicht. Also nimmt sie von nun an ihr Leben selbst in die Hand. Sie trifft auf Maxerl, einen Jungen mit langen Haaren, dem ein Bein fehlt. Gemeinsam richten sie sich ihre neue Welt nun so ein, wie es ihnen gefällt, wie es die Umstände zulassen und wie es ihnen der Zufall in die Hände spielt. Aber mit einer wichtigen Voraussetzung: Sie selbst treffen alle Entscheidungen.

In diesem Geschichtenrahmen verpackt Mira Lobe nun unzählige Ansätze, die das Gelingen und die Qualität von sozialem Miteinander grundlegend und maßgeblich bestimmen. Und diese Faktoren haben sich seit Jahrzehnten nicht verändert.
Egal, von welchem Standpunkt man beginnt, trifft man unweigerlich auf Berührungspunkte und Vernetzungen, in denen sich die Probleme immer widerspiegeln. Stand zum Zeitpunkt des Entstehens dieses Textes vielleicht der Grundgedanke des Überflusses und der daraus resultierenden Wegwerfgesellschaft im Fokus, so liest man denselben Text inzwischen vielleicht mit dem Blick auf den Generationenwechsel in der Gesellschaft.
Heißt Wegwerfgesellschaft auch, dass sich die Gesellschaft selbst wegwirft? Oder nur Teile von sich? Nutzlose und unwichtige? Wer entscheidet darüber?
Die Verschwendung von Ressourcen, die zunehmende Bedrohung unseres Lebens und unserer Gesundheit durch hausgemachte Öko- und Naturkatastrophen, die weltweit oft nutzlosen Diskussionen der Politiker, die dann doch wieder von der Wirtschaft gelenkt werden?

Das alles steckt in diesen harmlosen und lustigen Kinderreimen?
Nein! Natürlich nicht!
Und doch!
Man kann alle Ansätze zu diesen Themen zwischen den Zeilen finden, wenn man etwas aufmerksam durch die Seiten schlendert.

Die Autorin hat viele der Problemkreise im „Alltag“ der Spielzeuge wiedergefunden. Auf einer anderen, kindgemäßen Ebene - vereinfacht - aber beileibe nicht banalisiert.
Sie nutzt dabei einen der wichtigsten Faktoren des kindlichen Spiels, den Drang der Kinder zum Personifizieren. Völlig unbedarft machen Kinder ihre Spielzeuge zu Gefährten, legen ihnen Gedanken und Gefühle nahe, vermenschlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse.
In den Kapiteln werden diese Bedürfnisse klar benannt. Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gemeinschaft wie der Familie, Recht auf Arbeit aus dem Bedürfnis nach Gebrauchtwerden, Anerkennung, Zuwendung und Herausforderung, der Wunsch nach Freundschaft, die Absicherung und Versorgung bei Krankheit.  

Daraus entwickelt die Autorin einige wenige grundlegende soziale Komponenten als Bindeglieder: achtsames Umgehen miteinander, Mitgefühl und ständiges Überdenken des eigenen Handels.
Auf dieser Grundlage bietet sie Lösungen an und vermittelt Grundsätze als Wegweiser:
Was man kennt, achtet man eher! 
Anpacken, nicht aufgeben oder wegwerfen lassen!  
Aktives Miteinander heißt, jeder hilft, wo er kann!
Gegenseitige Achtung ist Voraussetzung allen Handelns.
Verantwortung für Andere und die Sorge um den Anderen macht uns zu sozialen Wesen, Verzicht macht Hingabe oft noch wertvoller.
Bei aller persönlichen Freiheit sind Regeln des Zusammenlebens unerlässlich.
Umfunktionieren von „Wertlosem“, was so nicht mehr gebraucht wird, kann einen neuen Sinn geben.   

Mira Lobe zeigt an kleinen Episoden aber auch die Gefahren, denen eine funktionierende soziale Gruppe ausgesetzt ist:
Überfluss wird gering geschätzt und verworfen,
unbeachtete Dinge machen sich gern selbstständig,
erworbenes Gut muss verteidigt werden,
es gibt trotz allen guten Willens Undankbarkeit,
unsoziales Verhalten und Regelüberschreitungen.  

Bewusst setzt Mira Lobe zwei Helden ein, die besonders sind. Lollo hat eine dunkle Hautfarbe, Maxerl ist beeinträchtigt. Aber außer zu Beginn der Geschichte, wo diese Aspekte genannt werden, misst man ihnen im Text überhaupt keine tiefer gehende Bedeutung zu. Die Besonderheiten der Protagonisten werden ziemlich schnell unwichtig, jeder kann gemeint sein.
In der heftig entbrannten Diskussion um die Änderung klassischer Texte besonders in der Kinderliteratur, wo sie Begriffe wie „Neger“ enthalten, halte ich die gefundene Lösung für einen guten Kompromiss. In einer kurzen Vorrede weist man einfühlsam und klar auf den Bedeutungswandel des Begriffes hin.
Sprache ist nun einmal in ständiger Bewegung, Worte erfahren ständig Änderungen, Bedeutungen sind einem Wandel unterworfen.  

Mira Lobe verfasste ihren Text in Reimen. Kinder lieben diese Form der Sprache, identifizieren sich damit, prägen sie sich oft ein. Doch so leicht macht sie es uns dann doch nicht. Ihre Reime holpern etwas, das Schema springt, es ist keine Regelmäßigkeit auszumachen. Aber genau das dirigiert die lustige, bunte Wahrnehmung des relativ langen Textes auf anspruchsvollem Niveau. Und von einem Vorleser verlangt es ein wenig Können.

Die 11 Kapitel auf den insgesamt 70 Seiten werden weder durch Seitenzahlen noch durch eine Kapitelübersicht gestört. Dafür geben die allgegenwärtigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Susi Weigel eine klare Bildgeschichte der Ereignisse wieder. Die Kinder orientieren sich einfach an den Bildern. Und der einzige Farbfleck, das rote Stoffstück, begleitet sie zuverlässig von Anfang bis Ende.

 zur Autorin / zur Illustratorin


 

Mira Lobe, eigentlich Hilde Mirjam Rosenthal, wurde 1913 in Görlitz / Lausitz geboren und starb 1995 in Wien. Im September 2013 wäre sie 100 Jahre alt geworden.
Sie wollte studieren und Journalistin werden, was ihr als Jüdin im nationalsozialistischen Deutschland verwehrt wurde. Daher lernte sie Maschinenstrickerin an der Berliner Modeschule. 1936 flüchtete sie nach Palästina. Dort heiratete sie den Schauspieler Friedrich Lobe, mit dem sie zwei Kinder hatte. Ab 1950 lebte sie in Wien, wo sie am 6.2.1995 starb. Mira Lobe hat fast 100 Kinder- und Jugendbücher geschrieben, für viele von ihnen hat sie Preise und Auszeichnungen erhalten.
Zu ihren bekanntesten Werken gehören Das kleine Ich bin ich (1972), V
alerie und die Gute-Nacht-Schaukel (1981), Die Geggis (1985) und Die Omama im Apfelbaum (1965).
"Der tiefere Sinn der Schreiberei für Kinder ist meiner Meinung nach der, dass sie zur Selbstbestimmung gebracht werden sollen. Produzieren ist schön, einfach schön, da fühlt man sich leben. Das ist nach der Liebe das zweitbeste Gefühl."
Foto Mira Lobe © Regine Hendrich

Susi Weigel wurde 1914 in Mähren (heute Tschechische Republik) geboren und starb 1990 im Voralberg / Österreich. Nach ihrem Studium für bildende Künste und angewandte Kunst arbeitete sie als Grafikerin, Trickfilmzeichnerin und illustrierte viele Kinderbücher, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Bekannt wurde sie vor allem durch die Illustrationen von Mira Lobes Bücher (»Das kleine Ich-bin-ich«, »Die Omama im Apfelbaum«, »Lollo« u.v.a.).

© Jungbrunnen Verlag, Wien

 

 

 

 

(bj & lr für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (ika)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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