Der LesePeter
des Monats
Juni 2013

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Daniel Höra

 
      für das Jugendbuch  
      Braune Erde  
         
         
         
         
     

Daniel Höra
Braune Erde

Berlin: Bloomsbury 2012
978-3-8333-5099-3
299 S * TB * 8,99 € * ab 14 * sehr empfehlenswert

 

 
 

 

Ben lebt gelangweilt auf dem Dorf seiner Tante, als neue Bewohner in das verfallene Gutshaus ziehen. Ein Ökohof soll daraus werden. Freundlich und verbindlich renovieren sie, ebenso das Gemeindehaus, in dem sie alsbald eine Volkstanzgruppe gründen, sich um Alte kümmern und nach und nach Naziideologie verbreiten. Ben gerät in ihre Gedankenwelt und kann sich ihr erst ganz entziehen, als es zu spät ist: der Erste, der sich den Neuen entgegenstellte, wird ermordet. Der Ich-Erzähler Ben ist ein intelligenter Junge, der vor sich selbst nicht zugeben will, unter seiner Situation zu leiden: Bei einer Tante leben zu müssen, auf einem Dorf in der mecklenburgischen Pampa, in dem es mehr Häuser als Menschen gibt. Er vergräbt sich in seine Bücher, seine Spaziergänge, und sonst gibt es eigentlich nichts. Anders als für seinesgleichen ist das Internet nichts für ihn, die Schule bietet auch keine Anreize, Alkohol ist keine Alternative und so lebt er wie alle anderen im Dorf auch: abgeschottet für sich.
Die neuen Dorfbewohner finden in ihm genau das, was sie suchen: einen jungen Menschen, der begierig Neues aufnimmt. Die Neuen hat Höra intelligent ausgesucht. Zwei Männer, die Frau des einen und drei Kinder, zwei Zwillinge, 17, gewaltbereite Jungs, einer dazu unkontrolliert und deswegen gefährlich, der andere etwas kontrollierter, der seinen Bruder vor allzu Unbesonnenem zurück hält. Das Mädchen Freya, 15, verliebt sich bald in Ben, ihn hält nur ein unbewusstes Unbehagen zurück.
Ben ist überhaupt ein Junge, der, wie man es selten so liest, unsicher und entscheidungslos ist. Er ahnt, mit wem er zu tun hat, kann es aber nicht realisieren, lässt sich immer wieder überzeugen – wovon? Von äußerst geschickt verpacktem neonazistischem Gedankengut. Ben setzt sich eigentlich nicht damit auseinander, erst als er in der Schule mit den bekannten Autobahnbaulegenden Hitlers anfängt, reagiert die Schule, wie es in Meck-Pomm wohl noch möglich ist: Ein PDS-Lehrer rastet aus, ein verkappter Nazi nimmt das wohlwollend zur Kenntnis, die Schulleitung hält sich aus der Sache heraus.
Im Dorf läuft alles nach Plan: Die drei Neonazis renovieren das Gutshaus, räumen auf, aktivieren das Gemeindehaus, organisieren ein fürsorgliches Dorfleben und schüren Vorbehalte gegen Ausländer, speziell gegen die Polen. Der Chef, er tritt freundlich und offen auf, appelliert immer an die Gemein­samkeit, seine Frau ist die Organisatorin von Sozialem, Volksfesten, medizinischer Hilfe. Beide propagieren den Ökobauern, sie wollen einen Ökolandwirtschaftsbetrieb gründen. Sie gründen mit den Dorfbewohnern zusammen eine Bürgerwehr, lauern zwei Polen auf und zelebrieren eine Hinrichtung – bevor sie die ebenso völlig Verängstigten wie Unschuldigen laufen lassen. Eigentlich müssten Ben hier die Alarmglocken klingeln, aber er macht immer noch weiter mit, auch wenn ihm die Kriegsspiele der Zwillinge und deren ganz offen als Nazis auftretenden Freunde immer unheimlicher werden. Eine Sonn­wendfeier mit Bücherverbrennung und verquaster Germanenritualbeschwörung lässt das Dorf ausgerechnet erst in dem Augenblick aufhorchen, an dem gefordert wird, Weihnachten abzuschaffen. Ein anderes Ergebnis ist aber, dass die Zwillinge alle Hemmungen verlieren und gegen den Außenseiter im Dorf vorgehen und ihn ermorden. Jetzt endlich entscheidet sich Ben, zur Polizei zu gehen. Viel zu spät.

Aber das empfindet hoffentlich auch der Leser. Ich jedenfalls habe mit zunehmender Angespanntheit darauf gewartet, wann endlich der Junge einen Schlussstrich zieht, wann endlich er kapiert, welches Verbrecherpotenzial hinter diesen sich so sozial und fürsorglich gebenden Neonazis steht.

Tatsächlich ändert sich das politische Bewusstsein der Landbevölkerung Meck-Pomms derzeit so, wie Höra es als Folge der Verbrechen beschreibt: 20 Jahre nach der Wende beginnt man hinzuhören und hinzusehen, wo sich die Nazis breit machen. Man gründet historische Gesellschaften, aktiviert Dorfleben. Zum Glück geht das auch, ohne dass es konkrete Verbrechen gäbe. Aber es reicht, dass derlei wie von Höra beschrieben möglich wäre – und ja auch schon hier und da gegeben hat.

Das eigentliche Thema dieses spannenden und aufklärerischen Jugendbuches, ja eigentlich -krimis ist nicht die politische Aufklärung, sondern das Suchen des unbedarften Jungen nach einem Standpunkt: Wer bin ich eigentlich? Und den Leser dermaßen provozierend habe ich das noch nicht gelesen.

Um dieses Buch allerdings in einer Klasse einzusetzen, müsste ich diese Klasse sehr genau kennen: Ich kann nicht garantieren, dass jeder vom Verbrechenspotenzial der Neonazis überzeugt würde – schließlich ist ja nicht jeder Verbrecher. Wenn ich als Lehrer die Klasse aber genau kenne, kann ich mir eine inhaltliche Arbeit als sehr erfolgreich vorstellen.

 zum Autor:


 

 

Daniel Höra, geboren in Hannover, war als Möbelpacker, Altenpfleger, Taxifahrer und TV-Redakteur tätig. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. 2009 erschien bei Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher der von der Presse hochgelobte Roman "Gedisst", 2011 der dystopische Roman "Das Ende der Welt" und 2012 "Braune Erde".

 

(C) Foto mit frdl. Genehmigung des Verlags

(cjh für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

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