Der LesePeter
des Monats
Juni 2012

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Catherine Bruton

 
      für das Jugendbuch  
      Der Nine-Eleven-Junge  
         
         
         
         
     

Catherine Bruton
Der Nine-Eleven-Junge

Aus dem Englischen von Dietmar Schmidt
Frankfurt: Baumhaus  2011
395 S * geb. * 14,99 € * ab 12 J
 

 
 

 

Ben denkt fast ausschließlich in Manga-Bildern, die er unentwegt zeichnet. Er lebt, solange die Mutter in der Klinik ist, weil sie den Tod des Vaters bei 9/11 nicht verarbeitet hat, bei den Großeltern. Sein Vetter Jed kommt dazu und beide werden in Atem gehalten durch die quirlige Nachbarin Prit, deren Familie aus Pakistan stammt. Ihre Fantasie und die Vorurteile der Nachbarn setzen eine anwachsende Spirale von Bedrohung, Unterstellungen, Mordvermutungen und einer Entführung in Gang, die zu explodieren droht.

Unvermutet tut sich dem Leser ein leichter, differenziert und packend geschriebener Roman um drei Elfjährige auf, unvermutet deswegen, weil sowohl der deutsche Titel als auch das Cover unpassend erscheinen: Der sieben- oder achtjährige Junge des Covers taucht im Roman nicht auf, ebenso wenig der nette Mann daneben. Der englische Titel We Can be Heroes erzählt die ganze Geschichte. Sie hat zwar mit dem 11. September 2001 zu tun - aber nicht so, wie es der deutsche Titel suggeriert. Abgesehen davon, dass es immer noch deutsche Leser (oder Käufer) geben soll, die mit diesem Denglish nichts anfangen können oder wollen.
Ben ist ein stiller Junge, der fast völlig verstummt, wenn er mit dem lauten Jed und der extrem eloquenten Vielrednerin Priti zu tun hat. Ben ist vaterlos aufgewachsen - sein Vater kam in New York am 11.9.01 ums Leben -, seine Mutter ist damit nie ganz fertig geworden, jetzt zusammengebrochen und braucht einen Klinikaufenthalt, so dass Ben seine Sommerferien bei den Großeltern verbringt. Ben beschäftigt der Gedanke, dass sein Vater der „falling man“ war. Die Mutter seines Vetters Jed hat sich von ihrem Mann getrennt, der aber bekam das Sorgerecht und setzt seinen Sohn gewaltig unter Druck, der darauf mit extremem Machogehabe reagiert. Vater und Sohn tauchen ebenfalls bei Bens Großeltern auf. Zu dem ungleichen Gespann kommt die witzige, ununterbrochen übersprudelnde Priti aus der benachbarten Pakistani-Familie. Und diese Dreierbande entwickelt eine kollektive Fantasie um Ehrenmord (die größere Schwester ist mit einem Rocker befreundet, Priti befürchtet, dass ihre Brüder sie umbringen, wenn die davon erfahren), um Selbstmordattentate und setzt durch ihre Fantasie eine regelrechte Jagd auf die Pakistani der ganzen Stadt in Gang, als ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft entführt wird. Die Medienhysterie wird gekonnt vor Augen geführt, die Hysterie des Fremdenhasses wird gezielt von Jeds Vater geschürt und zwischen allen Stühlen sitzen die Großeltern der beiden Jungs, die Pakistani-Familie sieht sich hilflos der Verdächtigungen durch Fremdenphobie, Polizei und Nachbarn ausgesetzt. Das besonders Absurde an ihrer Familie ist, dass Priti ausgerechnet ihr islamistische Ideen unterstellt. Sie hat Angst vor Ehrenmorden, vor ideologischen Kurzschlüssen – bei einer Familie, die nicht weiter entfernt von jeder Ideologie oder gar Extremismus stehen könnte. Die Autorin schreibt dabei mit einer bewundernswerten Leichtigkeit – Priti ist der Ausbund an Witz und Fantasie, Ben sieht das Geschehen humorvoll distanziert (und identifiziert sich im falschen Augenblick völlig mit Pritis Projektionen) und Jed lebt in einer dermaßen rechts orientierten Welt, dass sich jeder seiner rassistischen Gedanken selbst ad absurdum führt.
Am Ende löst sich jedes Rätsel, aber die Verletzungen der Betroffenen bleiben bestehen.

Wie aus harmlosen Ereignissen oder Eigenheiten in Verbindung mit einer überbordenden Fantasie sich eine Katastrophe herbeireden lässt, lernt hier wohl jeder Leser - wie gefährlich falsche Solidarität sein kann, ebenfalls. Der größte Fehler, den viele Protagonisten dieses dicken Romans begehen, ist zu schweigen, zu verschweigen, nicht zu antworten, wenn Fragen gestellt werden - oder diese Fragen nicht offen zu stellen. Der introvertierte Ben schreibt Fragen auf, die zeigen, dass er viel mehr weiß, ahnt, fühlt, als er ausdrücken kann: Zehn Fragen fallen ihm zu allen ihm wichtigen Personen ein und der Leser merkt: Richtig, das müsstest du eigentlich wissen. Die Fragen zu seinem Vater, an den er sich überhaupt nicht erinnern kann, beantwortet schließlich seine Oma, die Mutter des Vaters - andere bleiben unbeantwortet. Aber das klare Denken Bens treibt die Handlung voran. Priti, Tochter einer Psychologin, steuert soviel Psychologie in ihre Auseinandersetzungen, dass gleichaltrige Leser ihre Schwierigkeiten mit der Sprache dieses Mädchens haben werden – genau wie Ben, der sich dann aber auch darüber seine Gedanken macht. Der ältere Leser stellt amüsiert fest, wie genau die Göre Priti die Situationen und Reaktionen einschätzen kann. Ben hilft sie dabei wirklich - besser als jede Therapeutin. Aber sie stellt sich selbst ein Bein, als es dann auf den Höhepunkt der Handlung zu geht - jetzt wird das kleine Mädchen sichtbar, das überhaupt nicht alle Fäden in der Hand hält und ein heilloses Chaos anrichtet.

Am Ende des Romans wird dann der kleine Manga vorgeführt, an dem Ben die ganze Zeit gezeichnet hat.
Und Priti wittert bereits den nächsten Ehrenmord: Sie muss Jane Austen lesen. Und das heißt für sie: Tödliche Langeweile.

 

 

Die Autorin

Catherine Bruton ist Oxford-Absolventin, Lehrerin und schreibt als angesehene Journalistin unter anderen für The Times und The Guardian. Die Kinder, die durch 9/11 einen Elternteil verloren haben, beschäftigen sie schon lange. Mit Ehemann und zwei Kindern lebt sie bei Bath im Westen Englands. »Der Nine-Eleven-Junge« ist ihr erstes Jugendbuch.

 für das Foto (c) Claire Price

 

 

(tk für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (ika)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel

     

Impressum: AJuM der GEW  *  c/o    Ulrich H. Baselau  * Osterstr. 30  * 26409 Wittmund * ulrich.baselau [ad] ajum.de * 04462 -- 943611
Zur Datenschutzerklärung