Der LesePeter
des Monats
April 2012

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Brüder Grimm & Sybille Schenker

 
      für das Bilderbuch  
      Hänsel und Gretel  
         
         
         
         
     

Brüder Grimm & Sybille Schenker: Hänsel und Gretel
gekürzte deutsche Textfassung von Werner Thuswaldner
Bargteheide: Minedition 2011
ISBN 978-3-86566-041-1
52 S * geb * 29,95 € * ab 06 J

 

 
 

 

Ein ausgesprochen aufwendig und liebevoll gestaltetes Buch mit ungewöhnlichen Bildern in Scherenschnittart, zum Teil auf milchigem Pergamentpapier gedruckt, mit äußerer Fadenbindung zusammengehalten und mit dicker Folie geschützt, da rückt das inhaltliche Thema in den Hintergrund, auch wenn den Titel – wunderbar in Fraktur ausgeschnitten und einen Blick auf einen kleingedruckten Blümchenrapport freigibt – jeder kennt.

Märchen als Kunst

Auch wenn der Text gekürzt ist (ausgelassen ist der erste Versuch, die Kinder loszuwerden, der aber wegen der ausgestreuten Kieselsteine nicht gelingt), so bleibt er wunderbar altmodisch: Hänsel ist ein «Bübchen», die Familie «hatte wenig zu beißen», «der Tag brach an noch ehe die Sonne aufgegangen war», «herrnach wurden zwei Bettlein gedeckt» – die Sprache passt zur alten Technik des Scherenschnitts, der sich beißt mit der fast süßlichen klein gemusterten Blümchentapete, die sich nicht nur auf den Innenraum beschränkt, sondern auch den Hintergrund des Hexenhäuschens bildet, das wiederum gar nicht traditionell ist und gar nicht zum Knuspern einlädt, sondern ein Stilmix sondergleichen darstellt, in dem sogar Popart-Elemente Platz finden.
Der Stilbruch scheint Methode zu sein: häufig überdecken schwarze Linien ein Blümchenmuster, tanzen die Kinder Rock’n’Roll, erscheint der Scherenschnitt als Druck, gibt es Doppel- oder Dreifachbilder, weil Pergamentbögen durchscheinen. Dann wiederum werden die Vögel, die die Brotkrumen fressen werden, sehr lebendig gezeichnet, werden verschiedene Phasen des Flugs festgehalten, fast wie eine Malstudie für ein Sachbuch.

Unheimliche Effekte machen die bekannte Geschichte wirklich spannend: Eine Hand mit extrem geformten Fingergliedern und Fingernägeln, die eher Krallen gleichen, liegt auf einem Pergamentblatt vor einer dadurch milchig versetzten Nachtszene, in der Hänsel hinter Gretel in einem Doppelbett liegt, wie es Eheleute ebenso (oder: eben so) machen. Das sexuelle Element wird lediglich zart angedeutet.
Gretel, nicht Hänsel, ist in der Folge die starke Person, die sich fit macht für den letzten Stoß, sodass statt ihrer «die gottlose Hexe» elendiglich verbrennt. Schlüssigerweise leben anschließend die drei sorgenfrei zusammen: Vater, Sohn und Tochter, denn die beiden brachten Reichtum mit, und die Stiefmutter war zwischenzeitlich gestorben.

Das letzte Bild in Scherenschnitt-Technik zeigt den Vater in bayrischer Tracht, der seine Tochter hochhebt und inniglich umarmt. Sie erwidert die Umarmung, hoch oben in seinen starken Armen, während der Sohn des Vaters rechten Oberschenkel umklammert und ihn von unten her glücklich anschaut, auch wenn dieser ihn (jetzt?) nicht beachtet. Alle drei sind als Scherenschnitt erkennbar, wobei die Kleidung der beiden Kinder als Applikation unterlegt sind: Gretels Kleid zeigt klein gemusterte Blumen auf rotem Untergrund, das Hemd von Hänsel ist rot-weiß gemustert.

Illustratorinnen und Illustratoren, die sich an wohlbekannten Märchen versuchen, zeichnen selten, um die Geschichte zu illustrieren. Da kämen sie längst zu spät. Ihre Bilder sollen interpretieren, (neu) deuten, überraschen durch neue oder ungewöhnliche Techniken.
Das ist hier deutlich gelungen.

 

Halt, etwas vermissen wir doch. Den Original-Schluss der Brüder Grimm hat Werner Thuswaldner weggelassen, dabei ist er doch so schön, weil er auf originelle Weise die Spannung löst: «Mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große große Pelzkappe daraus machen.» Das wollen wir jetzt versuchen.

 

Die Illustratorin Sybille Schenker wurde 1980 in Nürnberg geboren. Ihr Großvater förderte ihr Zeichentalent, sodass früh feststand, dass sie ein Studium in dieser Richtung (hier: Design) machen würde. Sehr bald wusste sie, dass sie Illustratorin werden wollte und so studierte sie 2007 das Master-Programm Illustration an der «School of Visual Arts» in New York City. Sie lebt und arbeitet inzwischen in Berlin. (Quelle: http://www.sybilleschenker.de).

(c) privat

 

 

(uhb für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (nn)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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