Der LesePeter
des Monats
April 2011

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Wilhelm Busch und Jonas Lauströer

 
      für das Bilderbuch  
      Hans Huckebein  
         
         
         
         
     

Wilhelm Busch & Jonas Lauströer: Hans Huckebein
Bargteheide: Minedition  2010
40 Seiten * geb *  14,95 € * ab 6 J
 

 
 

 

Nicht die Moral nach Wilhelm Busch steht im Vordergrund dieser grotesken Geschichte um den Raben Hans Huckebein, sondern die mutigen Bilder, die vor Erzähllust und Dynamik sprühen und den kritischen Vergleich mit den Originalen aus dem Jahr 1876 sehr wohl bestehen. «Obwohl sein Ende mich bewegt / Ich durft es anders nicht vermelden / Er stirbt, denn tragisch angelegt / War der Charakter dieses Helden.» Ein herrliches Buch.

Es folgen drei Einzelrezensionen, die auch in der Datenbank unter www.ajum.de zu finden sind.

(1)
Das ist ein Rabe! Die Frechheit sieht man schon im vielfachen schwarzen Strich des Tieres mit dem geduckten Hals aber neugierig nach vorn gestrecktem Kopf. Ganz wunderbare neue Illustrationen alter Verse, die die Lust an der Geschichte in jedem Bild spüren lassen.
Auch wenn sie (leider) nicht mehr Allgemeingut sind, so haben Wilhelm Buschs paarweise gereimte Verse nichts eingebüßt an Pointierung und Treffsicherheit. Für den, der die Geschichte nicht kennt, sei sie hier kurz erzählt: Der Knabe Fritz fängt einen Raben und nimmt ihn mit nach Hause. Das Tier gebärdet sich allerdings als  wahrer Unhold. Dem Hund stiehlt er den Knochen, der Katze dreht er fast den Schwanz ab, das Heidelbeerkompott verspritzt er im ganzen Haus und spaziert anschließend mit den Schmutzfüßen über die frisch gewaschene Wäsche. Dann sorgt er auch noch dafür, dass die Tante stürzt und mit der Gabel ihren Neffen im Ohr erwischt. Und immer gut er gut weg, der Teufelsbraten. Fast immer jedenfalls. Wie so oft ist es der Alkohol, der seinen Blick trübt und ihn, den Hans Huckebein, ins Unglück stürzt und so dem Untertitel der Geschichte gerecht wird. Den Texten beigeben sind, sozusagen als Zugabe zu den Hauptbildern, einige mit schwarzem Stift gezeichnete Skizzen. 

Wenn man sagt, dass die Illustrationen "gelungen" seien, so untertreibt man maßlos. Das für Detailbilder eher ungünstige Format wird sehr gut ausgenutzt, um Bewegungen nicht festzuhalten, sondern darzustellen. Für den Kopf von Fritz nutzt er Fotos, die er ein wenig verfremdet. In die Brauntöne der Bilder setzt er dieses tiefe Schwarz des Rabens, belässt auf vielen Bildern Entwurfslinien aus Bleistift und kleckst, schraffiert, schabt, übermalt. Ein herrliches Bild des Raben gelingt mit dem übergestülpten Likörglas, das fast wie eine Lupe wirkt. Aber das absolute Vorzeigebild ist in der Mitte: der dreifache Hans Huckebein im Heidelbeertopf zwischen Angst vorm Ertrinken und Freude am Planschen. Herrlich!

* * * * *

(2)
Wilhelm Buschs groteske Tiergeschichte neu illustriert. Aus den genial-einfachen Karikaturen Buschs wird ein veritables Bilderbuch mit furiosen Abbildungen des frechen Raben, der Hund und Katze nebst Tante Lotte piesackt und überlistet, bis er sich buchstäblich selbst den Strick dreht
Es ist gewagt, Buschs Zeichnungen zu ersetzen, die neuen Bilder müssen ja immerhin mindestens einem Vergleich Stand halten. Und Jonas Lauströer schafft das. Die schwarze Geschichte zeichnet und malt er vorwiegend schwarz, das gesamte Vorsatzblatt ist tiefschwarz, nur ein Klacks des Raben ver”un”ziert die Doppelseite - noch ist unklar, handelt es sich um Ölfarbkleckse oder Vogelkot. Auf den letzten Seiten ist es dann deutlich: nicht Weiß, sondern Rot kleckst auf die schwarze Seite, Blutstropfen des schwarzen Raben.
Die übrigen Seiten strotzen vor Bewegung und Energie, das beginnt auf der Titelblattseite (immer ist die Doppelseite als Einheit behandelt), wo Hans Huckebein nach rechts, in die nächsten Seiten hinein, rennt, gestrichelt bis zum tiefschwarz-flächigen Kopf, eine Strichelspur hinterlassend.
Der Knabe Fritz ist der Ruhepol, der kleine Wonneproppen, gut gelaunt. Die Tiere sind immer in Aktion, hinterlassen auf dem Blatt Bewegungsstriche, geraten weit über den Bildrand hinaus, verschwinden im Schwarz der Handlung, besonders der Rabe.

Die gesamte Handlung wird durch die Bilder dynamisiert, nur die Gabel, die die Tante durch Fritzes Ohr sticht (was Busch genüsslich zeichnete), wird ausgelassen. Da ist Buschs Text für die zarten Seelchen der Kinder des 21. Jahrhunderts wohl zu grob ... Ein wunderschönes Bilderbuch!

 * * * * *

(3)
Vögel, besonders Raben, sind nicht dafür geschaffen, in Wohnzimmern eingesperrt zu werden. Denn sie kommen dort auf allerlei komische Gedanken und verursachen einigen Schaden. So jedenfalls Hans Huckebein, der Unglücksrabe. Doch nicht nur der Raum nimmt Schaden. Auch mit ihm nimmt es ein schlimmes Ende.
Er hat von Anfang an Pech, der Hans Huckebein. Zuerst wird er von Fritzchen auf dem Baum gefangen und dann auch noch ins Wohnzimmer gesperrt. Dass das nicht gut gehen kann, ist eigentlich absehbar. Es ist klar, dass Huckebein nicht gerade entzückt ist und nach Leibeskräften versucht, Unfug zu stiften und alles durcheinander zu bringen. Er legt sich also mit dem Spitz an, badet im Heidelbeerkompott und tapst gleich darauf über die frisch gebügelte weiße Wäsche. Als er dann schließlich in den Genuss des Likörs der Tante kommt, ist nichts mehr vor ihm sicher und Huckebein hat die verhängnisvolle Idee mit der Wolle der Tante zu spielen. Ein Spiel, das ihm leider sein Leben kostet. Kommentar der Tante war allerdings nur: "Die Bosheit war sein Hauptpläsier/ Drum", spricht die Tante, "hängt er hier!"

Wilhelm Busch erzählt in knappen Versen die Geschichte von Hans Huckebein, dem Unglücksraben. Die Geschichte aus dem 19. Jahrhundert ist heute nicht weniger aktuell. Der derbe, unverblümte Erzählstil Buschs in Paarreimversen malt ein schaurig, skurriles Szenario, das sich heute genauso abspielen könnte. Wobei es nun vielleicht nicht mehr die Raben, sondern eher die exotischen Haustiere sind, die über Tisch und Bänke gehen.
Die Geschichte insgesamt wirkt äußerst komisch, was zum einen an dem bereits erwähnten, trocken Erzählstil Buschs und der episodischen, sich langsam steigernden Handlung liegt, zum anderen aber auch durch die Bilder stark befördert wird. Jonas Lauströer gelingt es, in seinen Aquarellzeichnungen durch Spritzeffekte (zum Beispiel als Huckebein über die frische, weiße Wäsche spaziert) eine starke Dynamik in die Bilder zu bringen. Dabei lehnt er sich in kleinen vignettenartigen Federzeichnung neben dem Text gleichzeitig an die Originalfassung an. Diese findet sich dann noch einmal in den großformatigen Bildern wieder, wirkt aber ausgebaut und verfeinert.

Das Buch ist insgesamt von der Bild-Text-Komposition sehr gelungen und die Bilder machen die schon immer beliebte Geschichte zu einem künstlerischen Genuss für Jung und Alt.

 

Über Wilhelm Busch muss hier wohl nichts weiter berichtet werden. Vom Illustrator Jonas Lauströer ist bekannt:
1979 in Hamburg geboren und an der HAW in Hamburg Illustration mit dem Diplom 2006 studiert. Direkt anschließend war (und ist) er Lehrbeauftragter an der "Hamburg University of Applied Sciences (HAW)" und zugleich mit dem Masterstudium Illustration beschäftigt. Daneben gibt es eine Reihe von Ausstellungen (Hans-Meid-Wettbewerb * Bologna Children's Book Fair Award * eine Wanderausstellung in Japan * Ausstellungen in Hamburg, Portugal, Bologna u. a. sowie Arbeiten für Spiegel, Greenpeace usw.


(c) aller Fotos beim Verlag

 

(uhb, cjh & ar für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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