Der LesePeter
des Monats
Juni 2010

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Grit Poppe

 
      für das Jugendbuch  
      Weggesperrt  
         
         
         
         
     

Grit Poppe: Weggesperrt
Hamburg: Cecilie Dressler 2009
336 Seiten * Klappenbroschur * 9,95 € * ab 14 J
 

 
 

 

Grit Poppes Buch spielt 1988 unter den verschärften Bedingungen des DDR-Staates kurz vor dem Kollaps.
Die Mutter der 14-jährigen Anja hat einen Ausreiseantrag gestellt. Da sie auch sonst durch Eingaben und Beschwerden schon auffällig geworden ist, werden Mutter und Tochter nachts verhaftet und Anja landet zunächst in einem Übergangsheim. Niemand erklärt ihr etwas, niemand gibt ihr Auskunft über den Verbleib der Mutter. Statt von der Mutter nach wenigen Tagen abgeholt zu werden, wird sie in einen Jugendwerkhof gebracht, wo sie einem strengen Drill, Schweigegeboten, Verboten, militärischer Ordnung, Strafen unterstellt wird. Verwundert sieht sie, dass es eine Akte über sie gibt, in der von ihrem gelegentlichen Schulschwänzen die Rede ist, ihrer Weigerung, in die FDJ einzutreten. Aber niemand sagt ihr, warum sie dort eingewiesen wurde oder wie lange sie dort bleiben muss. Der Kontakt zu den Mitbewohnerinnen ist schwierig, auch weil Anja versucht, sich hinter einer Maske der Gleichgültigkeit zu verbergen. Bloß niemanden an sich heranlassen! Sie nutzt eine Gelegenheit zur Flucht, findet auch den Weg zum Bruder der Mutter und seiner Familie, wo sie einige Wochen über Weihnachten halbversteckt lebt. Aber die Spannungen mit dem opportunistischen Onkel nehmen zu, Anja wird von der Polizei abgeholt und ins Heim zurückgebracht. Als Strafe kommt sie in die Arrestzelle, eine weitere Stufe der Demütigungen, Kontaktsperre, Isolation. Als endlich ein Brief der Mutter kommt, weigert sich die Erzieherin, ihr diesen auszuhändigen mit dem Hinweis auf den schädlichen Einfluss der Mutter auf sie. Das lässt Anja so ausrasten, dass sie die Erzieherin mit einem Stuhl niederschlägt.
Daraufhin erfolgt ihr Transport in den geschlossenen Jugendwerkhof nach Torgau.

Dort hat Grit Poppe, gestützt auf zwei Zeitzeugen und die dortige Ausstellung, geforscht, so dass ihre Geschichte durch Fakten abgesichert ist. 4000 Jugendliche sollen zwischen 1964 und 1989 in Torgau „weggesperrt“ worden sein.
Alle Entscheidungen über Anja fallen, ohne dass sie jemals gefragt wird, ohne dass sich auch nur eine der Erzieherinnen jemals einen Gedanken über sie zu machen scheint. Nur im Übergangsheim gibt es eine jüngere Erzieherin, die versucht den Kindern und ihren Bedürfnissen entgegenzukommen, die sich aber auch gezwungen sieht, die amtlichen Entscheidungen durchzuführen – wie die Trennung eines Geschwisterpaares in zwei verschiedene Heime. Alle anderen „Pädagogen“ praktizieren eine Erziehung durch Drill, Zwangssport bis zum Zusammenbruch, ewiges Putzen. Drakonische Strafen sollen zu totaler Anpassung an die von den Erwachsenen gesetzten Normen führen, die für die Jugendlichen undurchschaubar und völlig willkürlich sind.
Angefangen vom diktatorischen Heimleiter bis zu den sadistischen „Betreuern“ terrorisiert das Personal, das die Mädchen selbst auf der Toilette nicht aus den Augen lässt – im Gegenteil!- durch körperliche wie mentale Gewalt die Jugendlichen. Durch die Bestrafung der jeweils ganzen Gruppe für Versagen Einzelner z. B. beim Sport oder der Erfüllung der Normvorgaben ihrer Arbeit wird zusätzlich erreicht, dass es innerhalb der Gruppe zu nächtlichen Bestrafungen kommt.

Vergleiche zwischen der DDR und dem 3. Reich sind grundsätzlich problematisch, zu unterschiedlich ist ihr Menschenbild. Aber hier ist das anders, in dieser Sondersituation sind beide Systeme nahezu deckungsgleich. In beiden Systemen wird die individuelle Persönlichkeit komplett negiert, bis die Jugendlichen, vor Angst vor der Unberechenbarkeit, gebrochen sind. Als weiterer literarischer Vergleich drängt sich geradezu „1984“ auf.

 Die Autorin hat offensichtlich gut recherchiert. Eng bleibt sie an der Perspektive des fassungslosen Mädchens, das anfangs überhaupt nicht begreift, wie ihr geschieht. Erst nach und nach und äußerst schmerzhaft kann sie sich dem blanken Terror wenigstens so weit anpassen, dass sie nicht noch Schlimmeres erlebt. Dennoch geht sie alle denkbaren Strafmaßnahmen durch, sie kann einfach nicht nur den Mund halten. Zu widersinnig sind die Anweisungen der WärterInnen. Lebensfeindlich und lebensverachtend ist die Grundhaltung der Erwachsenen in den Werkhöfen. Begriffe wie Demokratie, Humanität oder Sozialismus sind Worthülsen, die in schärfstem Kontrast zu ihrem Verhalten stehen.
Das Erschrecken über vergleichbare Schilderungen der unglaublichen DDR-Haftbedingungen in den 50er Jahren wird beim Lesen des Buches dadurch gesteigert, dass sich in dem halben Jahrhundert bis 1989 nichts verändert hat. Und besonders erschreckend ist: Im Torgauer Jugendwerkhof waren ausschließlich Jugendliche, die nicht kriminell, sondern – wie Anja – „auffällig“ geworden waren, gegen die keine Gerichtsverhandlung geführt wurde, die nie darstellen konnten, was sie zu dem Einlieferungsgrund zu sagen hätten. Gespräche fanden nicht statt, für die Jugendlichen bestand ein 24-stündiges Redeverbot.

Der Schluss ist für Jugendliche emotionaler Geschichtsunterricht: Hier erlebt ein junger Mensch den Aufbruch im Oktober/November 1989 in Leipzig. Die euphorische Stimmung teilt sich Anja unmittelbar mit, die Freude über die Freiheit, die Aussicht darauf, nicht mehr gefasst zu werden und das Wiederfinden ihrer Mutter in Freiheit decken sich mit der Aufbruchsstimmung in dieser Stadt, in diesem Land. Inhaltlich mag hier ein kleiner Bruch vorliegen, denn Anja gelingt eine zweite Flucht, taucht unter falschem Namen unter und in einer neuen Welt auf, ohne dass wir genau wissen, wie es dazu gekommen – im Gegensatz zu dem vorherigen Teil, in dem jeder einzelne, schmerzhafte Schritt beschrieben ist. Aber dieser Bruch ist von der Autorin sehr wahrscheinlich gewollt: Jetzt beginnt etwas Neues, und nur so kann der (junge) Leser ein gewisses Maß an Versöhnlichkeit empfinden.

Offen bleiben die Fragen nach den Verantwortlichen. Wer hat ein solch perverses Gewaltsystem wie die Jugendwerkhöfe entwickelt? Margot Honnecker unterstanden die Werkhöfe direkt, die alleinige Ideengeberin wird sie trotzdem kaum gewesen sein.
Wer hat trotz der Erfahrungen aus dem Faschismus unter dem Vorwand der „Erziehung zum
Sozialismus“ derartig gegen die Menschenrechte von Kindern und Jugendlichen verstoßen, noch Jahre nach dem Helsinki-Abkommen?
Was machen diese Erzieher heute? Dazu antwortete eine der Zeitzeugen bei der Präsentation des Buches in der Heinrich-Böll-Stiftung: „Sie leitet heute ein Altersheim“.
Wer nennt die Namen, wer klagt an?
Grit Poppe hat den Jugendlichen aus Torgau mit ihrem Roman über Anja ein Gesicht, einen Namen, eine Geschichte gegeben, die bei aller Sachlichkeit auch poetische Szenen und Bilder enthält. Ein dringend zu empfehlendes Buch, das sich auch wegen des sehr günstigen Preises als Klassenlektüre eignet. Materialien für den Unterricht liegen auch schon vor.

 

 

Grit Poppe wurde 1964 in Boltenhagen an der Ostsee geboren. Sie studierte am Leipziger Literaturinstitut. 1989 - 92 war sie Landesgeschäftsführerin Brandenburg für "Demokratie Jetzt". Grit Poppe schreibt Bücher für Kinder und Erwachsene.

 

 

 

(cjh & uwo & tk für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (bj&lr)
Jugendbuch     (02/06/10)   (cjh&tk)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel

     

Impressum: AJuM der GEW  *  c/o    Ulrich H. Baselau  * Osterstr. 30  * 26409 Wittmund * ulrich.baselau [ad] ajum.de * 04462 -- 943611
Zur Datenschutzerklärung