Der LesePeter
des Monats
April 2010

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Nadine Brun-Cosme & Olivier Tallec

 
      für das Kinderbuch  
      Großer Wolf & kleiner Wolf  
         
         
         
         
     

Nadine Brun-Cosme & Olivier Tallec:
Großer Wolf & kleiner Wolf

Aus dem Französischen von Bernadette Ott
Hildesheim: Gerstenberg  Dez 2009
28 Seiten * geb * 12,90 € * ab 3 J
 

 
 

 

Eine ganz kleine Geschichte um ganz kleine Wünsche und ganz kleine Gefühle, die sich dann aber doch als existenziell erweisen. Es dreht sich um ein bestimmtes Blatt an einem Baum, das der kleine Wolf gern haben möchte. Aber das Blatt ist ganz oben an einem ganz dünnen Zweig, und der große Wolf weiß, dass das Blatt irgendwann bald von allein abfallen wird. Doch das tut es nicht.

Hat es sich gelohnt?

Der Untertitel gibt weitere Hinweise: „Das Glück, das nicht vom Baum fallen wollte“ heißt es da. Es ist Frühling, überall sprießt das Grün, die Schmetterlinge flattern und die Schaukel im großen Baum wartet auf einen Benutzer. Den kleinen Wolf interessiert allerdings nur ein einziges, winziges Blatt, das hoch oben aus dem restlichen Laub an einem dünnen Ast hängt. Dieses, und genau dieses, muss wunderbar schmecken, und genau dieses möchte er haben, der kleine Wolf. Wie übersehen fast, dass Wölfe nicht zu den Vegetarier gehören. Es ist halt ein Wunsch, der in der Zukunft immer stärker werden sollte.
Noch aber kann der große Wolf den kleinen ablenken: Warte nur. „Irgendwann fällt es herab.“ Erstens steht es so weit hervor, dass der Wind bald seine Arbeit tun wird. Und, da er das während des Sommers nicht macht, kommt doch der Herbst und wird dafür sorgen, dass der Baum sein gesamtes Laub abwerfen wird. Und genau so geschieht es. Fast. Alle Blätter färben sich so, wie es die Natur will, und dann wirft der Baum sie alle ab. Fast alle. Und selbst im Winter, wir haben bereits eine weiße Schneelandschaft, hängt das inzwischen zwar nicht mehr grüne, nicht mehr leuchtende, aber verführerisch golden leuchtende Blatt noch dort. Und noch einmal bittet der kleine Wolf den großen, ihm doch dieses Blatt zu holen.
Und wie sich Schillers Taucher in die Fluten stürzt, so steigt der große Wolfe Ast um Ast auf den Baum. Die Äste werden kleiner, rutschig sind sie auch und der große Wolf ist kein erfahrener Kletterer. Das kleine Blatt aber ist oben, ganz weit am Ende eines dünnen Astes. Warum dies Wagnis? Warum nur setzt er sein Leben auf’s Spiel? Für den immer wiederholten Wunsch, den er über das ganze Jahr immer wieder hinauszögerte: Das Blatt wird von allein kommen.
Dann aber fällt es nicht, und die Vorhersage stimmt nicht. Wir selbst hätten ebenso „gewusst“, dass alle Blätter im Herbst fallen. Wir selbst hätten es auch nicht gewagt, unser Leben gegen ein Blatt am Baum in die Waagschale zu werfen. Der große Wolf aber, der macht es. Er steht im Wort, und das Glück im Auge des kleinen Wolfs bedeutet ihm viel.

Es sind nur 12 doppelseitige Bilder, die die Geschichte, neben dem Text natürlich, transportieren. Nur drei davon ziehen den ganzen Kosmos von Werten, Freundschaft, Wunsch, Versprechen und Erfüllung auf, an deren Ende die Frage steht, ob sich der Einsatz gelohnt hat. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Blatt gepflückt wurde und der Wunsch erfüllt – oder ob die Geschichte tragisch endet mit dem Absturz des großen Wolfes.

Warum überhaupt Wolf und Wolf, warum nicht Mensch und Mensch? Warum Groß und Klein, warum nicht Erwachsener, Vater, Mutter und Kind?

Wir selbst werden uns einsetzen in die Position des einen und/oder des anderen. Durch die fast absurde Besetzung mit der Figur des Wolfes, sogar in beiden Personen, ist auch alles andere möglich geworden. Dann kann auch ein Wolf klettern, zumal wenn er so frech gezeichnet wurde. Diese lange Schnauze, fast so lang wie die Rute, mit den kurzen Barthaaren ganz am Ende, eher schlampig mit fettem Strich gefärbt – das hätte auch anders interpretiert werden können! Aber hier passt es, dass der große Wolf, zwar schwarz wie bei Disney (der kleine folgt dem kleinen Disneywolf mit seinem hier türkisfarbenen Fell allerdings gar nicht), aber charakterlich und zeichnerisch völlig anders dargestellt wird. Unser großer Wolf fegt spießig Laub zusammen, grillt Stockbrot mit, wahrscheinlich für den kleinen Wolf, sie spielen zusammen Tennis und liegen im Liegestuhl.

Wenn es um die letzen Dinge geht, dann wirft er sich hinein mit seinem ganzen Leben, der „große Wolf“. Das kann gut gehen oder tragisch enden. Wenn man sich selbst nicht für so wichtig hält, dann ist das Ende wirklich nicht wichtig.
Aber schön ist es trotzdem, wenn BEIDE zum Schluss sagen können: „… das war es wirklich wert gewesen.“

Ganz erstaunlich, wie es Nadine Brun-Cosme für den Text und zugleich auch Olivier Tallec für die Bilder je gelingt, zutiefst philosophische Fragen an einem Blatt eines Baumes festzumachen!
Und noch darüber hinaus: Wir können den beiden folgen und für unser Leben lernen. Das gilt für die vorlesenden Großeltern ganz genau so wie für die zuhörenden dreijährigen Enkel, aber ganz genau so auch für die Eltern und für die Freunde, für die Geschwister, für die Klassenkameraden.

Ein ganz hervorragendes Buch.

   

Nadine Brun-Cosme, geb. 1960, hat mehrere Berufe ausgeübt, bei denen sie mit Kindern und Jugendlichen zu tun hatte, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. In Frankreich hat sie bereits zahlreiche Kinderbücher veröffentlicht.

 

Olivier Tallec, geb. 1970, hat an der École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs in Paris studiert und teilt seitdem seine Zeit zwischen Design und Illustration. Seine Bücher wurden in zahlreichen Ländern veröffentlicht.

 (c) Foto Brun-Cosme Flammarion                    (c) Foto Tallec privat

(uhb für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

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