Der LesePeter
des Monats
Dezember 2009

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Ayano Imai

 
      für das Bilderbuch  
      Der Stiefelkater  
         
         
         
         
     

Ayano Imai: Der Stiefelkater
Aus dem Japanischen von Sayako Uchida
Deutsche Textfassung von Renate Raecke
Bargteheide: Minedition 2009
32 Seiten * 12,95 € * ab 04 Jahre


 

 
 

 

Nein, es ist nicht „der gestiefelte Kater“ mit seinen Sieben-Meilen-Stiefeln, obwohl unser Kater schon mit Stiefeln handelt, um seinem Herrn, dem armen Schuhmacher, eine Zukunft zu eröffnen. Als wäre es ein Stück von heute, wo Wirtschaft bestimmten Wachstumsgesetzen gehorcht, erzählt und zeichnet uns Ayano Imai doch eine Geschichte von Freundschaft und Liebe. Gut geht sie auch noch aus.

Loyalität

Kater wie Katzen haben diesen geraden Blick. Daran kann man Aufmerksamkeit erkennen, aber überhaupt keine Gefühle. Die schließt man im Nachhinein aus dem Verhalten, das das Tier anschließend zeigt.
Sehr geschickt wird zunächst dargestellt, dass der Schuster mit seinem Kater alles teilt, sogar die letzte Mahlzeit – eine Dose Thunfisch. Dabei ist beiden das Verhältnis von „Herr und Untergebener“ ganz klar, doch – anders als bei Brecht – freut sich hier der Knecht nicht, wenn es dem Herrn schlecht geht. Unser Kater weiß, dass es ihm weiterhin gut gehen wird, wenn das auch für seinen Herrn gilt.
Zwischen den beiden gibt es ein Vertrauensverhältnis, wie es wohl wenige gibt. Der Schuster lässt seinem Kater nicht nur in den guten Zeiten alle Freiheiten, die dieser sich nimmt, er vertraut ihm auch in der Folgezeit und fertigt ohne nachzufragen nach seinen Angaben Schuhe, Stiefel und Stiefelletten, Pantoffel und Hufschoner an in jeder Größe und in jener ausgesuchten Qualität, die ihm dieser mitteilt. Geld indes kommt nicht, auch keine Bezahlung anderer Art. Der Schuster zehrt schon lange von seinen Rücklagen.
Er kann ihm vertrauen, seinem Kater, denn der weiß offensichtlich, dass das Risiko kalkulierbar ist. Der Böse muss gierig gehalten werden, damit er bei der letzten Aktion hineintappt in die Falle, die er sich letztlich selbst stellte. Der Böse, das ist ein Zauberer, der sich Mal um Mal als Tiergestalt zeigt, niemals seine Schulden bezahlt und in seiner Überheblichkeit nicht bemerkt, dass der kleine Kater ihm zwar immer zu Diensten ist, aber er fragt sich nicht einmal, warum der das denn tun sollte. Wer seine Nase so hoch trägt, den interessieren die Niederungen zu seinen Füßen offensichtlich nicht.

Wer weit oben steht, kann tief fallen, besonders wenn er auch noch dumm in seiner Gier ist. Die besten aller Stiefel, die je hergestellt wurden, passen nun einmal nur einer Maus. Da der Zauberer in alle Wesen schlüpfen kann, so ist es ihm ein Leichtes, auch eine Maus darzustellen. Das ist für einen Kater „ein gefundenes Fressen“.

 

Ein Bilderbuch lebt von der Geschichte, aber noch mehr von den Bildern. Auf dem „Schmutztitel“ zeigt Ayano Imai, worum es sich dreht, denn wir sehen einen Kater in spitz zulaufenden roten Stiefeln, wie er auf einer schmalen hohen Mauer balanciert, die von stoisch da sitzenden schwarzen Vögeln in fast gleichen Abständen besetzt ist. Der Kater nimmt keine Rücksicht auf seinen schmalen Weg. Er starrt zielbewusst geradeaus, seine diagonal gehängte Botentasche scheint wichtige Nachrichten zum Adressaten bringen zu müssen. Imai zeichnet den Kater dennoch zweigesichtig, denn der dunkle Teil seines Fells bedeckt den Kopf, die Ohren, aber nur die Umgebung des linken Auges. Ansonsten ist das Fell fast weiß. Die beiden kleinen roten Wangen sind ebenso sein Markenzeichen wie sein gerader Blick, der immer ein paar Grad am Gegenüber vorbeischaut.

Die Bilder sind gar nicht realistisch. Immer kommen Teile der Geschichte zusätzlich ins Bild: an Fäden hängende Schuhe, Stiefel, Schuster-Leisten; da sprießt unvermittelt eine rote Blume aus den Fliesen, sitzt ein Vogel aus dem Schmutztitel auf der Rückenlehne des Stuhls.
Wunderbar ist die Erstbegegnung von Kater und Zauberer dargestellt: Ganz klein links unten der Kater mit seinen roten Stiefeln und der Umhängetasche, den Rest des Bildes nimmt der Zauberer in rotem Mantel ein. Er ist dabei so groß, dass nur sein Körper bis knapp über den Bauchnabel abgebildet werden kann. Aus den Taschen seines Mantels schaut ein Baum, aus der anderen eine Dohle, über der Kaffeetasse regnet sich gerade eine Wolke ab. Dennoch biegt sich der gesamte Raum so, als wäre es der Kater,der  besonders und extrem schwer wäre.

Es ließe sich über fast jedes Bild recht lange reden, auch Fragen stellen (Warum sind da Schmetterlinge / Motten, die aus den Stiefeln fliegen? Sind sie Todesboten? Warum treten mal um mal die Raben / Krähen / Dohlen auf? Warum ist der Faden, der das Buch zusammenhält, gerade dann rot zu erkennen, wenn der Kater die Maus verputzte und nur drei rote Kleckse hinterließ – und ein Paar wunderschöner kleine schwarzer Stiefel, die auf dem Teller aber sehr verlassen wirken?) oder philosophieren oder wunderbare Einzelheiten finden (So lässig hält der Kater den schmalen Schnürsenkel, der doch offensichtlich zu kurz ist für die 10 Löcher!)…

 So, wie die beiden Charaktere zu Beginn dargestellt wurden, so sind sie auch am Schluss. Sie wohnen zwar in einem Schloss, aber sie machen daraus kein Aufhebens. Sie haben zwar eine große Kundschaft, aber sie benehmen sich als Dienstleister. Der Schuster jedenfalls.
Der Kater dagegen hat seinen Teil getan, der Kater kann ein Schläfchen halten.

 Moral? Mehrere.

Wunderbare Bilder und eine tolle Geschichte.

 

 

Ayano Imai

wurde 1980 in England geboren und zog im Alter von 7 Jahren nach Japan. Sie verbrachte später einige Jahre in Connecticut und in Kalifornien, USA. Nachdem sie nach Japan zurückkehrte, studierte sie "Japanische Malerei" an der Musashino Art Universiät in Tokyo. Ihrem ersten Bilderbuch "Das 108. Schaf" (März 2007 in englischer Sprache) folgten "Chester" und "Wie Niklas ins Herz der Welt geriet" (Text von Gert Scobel).

(c) Minedition

 

(uhb für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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