Der LesePeter
des Monats
Oktober 2008

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Morton Rhue

 
      für das Jugendbuch  
      ghetto KIDZ  
         
         
         
         
     

Morton Rhue: ghetto KIDZ
Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz
Ravensburg: Ravensburger 2008
248 S * geb * 12,95 € * ab 14 J
 

 
 

 

Kalons Welt sind drei Wohnblocks in einer Großstadt, begrenzt von Bahngelände und mehrspuriger Straße. Hier leben Schwarze von Essensmarken, Sozialhilfe, Hilfsarbeiten oder, wenn sie jung sind und zu einer Gang gehören, vom Drogenhandel. Von Kalons vergeblichem Versuch, in dieser Welt sauber zu bleiben, erzählt Rhue.

Kalon ist der Held dieser traurigen Geschichte. In vielen Episoden zwischen seinem zwölften und siebzehnten Jahr wird er lebendig. Zu Beginn ist er ein lieber Junge, der tut, was seine Lehrer oder seine Oma ihm sagen. Er hätte Chancen, einmal in eine bessere Schule zu gehen als die im Ghetto. Sein Lehrer hat ihn dafür vorgesehen, aber Kalon fürchtet sich vor einer fremden Umgebung. Als ein Schulwechsel an der Zeit wäre, ist Kalon längst kein passender Kandidat mehr. Denn mit vierzehn ist er in Tanisha verliebt und von Marcus, dem Anführer der Douglass Disciples als Mitarbeiter vorgesehen. Aber noch bleibt Kalon neutral. Er will kein Gangmitglied sein. In Rauschgifthandel und Schießereien mit der anderen Gang, den Gentry Gangstas, will er nicht geraten. Marcus kennt Kalon schon immer, auch als Cousin seines besten Freundes Ternell. Marcus ist der Held seines Blocks, ein gerechter Herr, solange man sich ihm unterwirft. Er ist ein berechenbares Vorbild. Gerade zwanzig Jahre alt wird er von einem Verräter erschossen. Kalon erlebt, wie viele junge Menschen aus seiner Umgebung erschossen werden. Kalon lebt mit seiner Oma und seiner Schwester zusammen. Die Oma ist Ende vierzig, krank und kraftlos. Als die Schwester Zwillinge bekommt und ihr Freund bei einer Schießerei stirbt, muss Kalon die Familie versorgen. Er ist fünfzehn, seine Schwester siebzehn. Kalon wird Marcus’ Berater. Nach dessen Tod sorgt er dafür, dass die feindlichen Gangs sich zusammenschließen. Er ist einer der Anführer und erlebt ein kurzes Glück mit Tanisha. Mit achtzehn sitzt Kalon im Gefängnis – vielleicht für immer, aber er lebt.

In sieben Kapitel hat Rhue diese Geschichte geteilt. Die Überschriften bezeichnen jeweils Kalons Alter. Von zwölf bis siebzehn folgen sie chronologisch aufeinander. Das letzte kurze Kapitel zeigt Kalon mit achtundzwanzig. Seit zehn Jahren ist er im Gefängnis. Aus Kalons Sicht erfährt der Leser viele einzelne Begebenheiten aus dem Leben in der abgeschlossenen Ghettowelt. Viele Menschen tauchen auf. Wie Kalon muss der Leser aufpassen, dass er sie richtig einordnet und ihre Verbindungen untereinander erkennt. Denn was dem zwölfjährigen Jungen noch als abenteuerliche Spiellandschaft erscheint, wird bald als ein Gebiet deutlich, in dem jeder um Überleben kämpft. Man lebt zwar in Familienverbänden, aber die Mütter sind viel zu jung und die ebenso jungen Väter haben selbst nie erlebt, wie man für Kinder sorgen müsste. Es gibt keine Vorbilder, keine Erfahrung an die man sich halten könnte. Und es gibt keine Hilfe von außen. Auch die Schule kann nichts ausrichten –die Schüler erkennen, dass sie für ihr Leben anderes Wissen benötigen und das lernen sie auf der Straße. So wie Kalon mit fortschreitendem Alter immer klarer die Bedingungen seines Lebens erkennt, geht es auch dem Leser. Was man zunächst für eine fesselnde Gangstergeschichte halten möchte, wird immer mehr zu einem bedrückenden, verstörenden Einblick in wirkliches Leben. Man erkennt die Ausweglosigkeit und freut sich, dass wenigstens Ternell gerettet ist. Und da ist die schöne Precious, die gerade noch rechtzeitig ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Sie wartet nicht mehr auf den Prinzen, der sie in eine bessere Welt führen könnte, sie macht eine Ausbildung.

Der Leser sieht, dass die Jugendlichen des Ghettos aus eigener Kraft nicht herausfinden und erkennt, wie verlassen sie sind. Der eine Polizist, der sie mit Trauer beobachtet, kann nicht helfen. Und Hilfe ist dringend nötig. Jugendliche Leser können sich von dem Elend nicht unberührt abwenden, zu vertraut sind ihnen Kalon, Darnell, Marcus, Lightbulb… im Lauf der Lektüre geworden. Der Blick auf das eigene Umfeld wird mit dieser Erfahrung nicht zu vorschnellen Unteilen verleiten. Wer selbst eine glücklichere Jugend erleben darf, muss erkennen, dass er  einen Beitrag zu Veränderung zu leisten hat.

Ghetto KIDZ kann eine vielfältig anregende Schullektüre sein – kurzweilig und spannend ist sie sowieso.

  

Morton Rhue, geb. 1950 in New York City hat sein Literaturstudium 1974 abgeschlossen und ist danach einige Zeit als Straßenmusiker durch die USA und Europa gereist. Er war dann Zeitungsreporter und Werbetexter, Kurzgeschichten erschienen im New Yorker, der New York Times und im Esquire. Mit "Die Welle" (2008 verfilmt), heute im Lektürekanon deutscher Schulen, begann seine Laufbahn als Autor von Jugendromanen. Seine Romane erzählen von Jugendlichen, die nicht den geraden Weg gehen, die am Rand leben, die keiner will. Es geht um Drogen, Gewalt, Verführungen aller Art. Er zeigt seine Helden so, dass man sie und ihre Entwicklung verstehen muss und rüttelt dadurch nicht nur jugendliche Leser auf. Dabei sind alle Romane spannend und auch Weniglesern zugänglich. Im Nachwort zu ghetto-KIDZ betont Rhue, die USA gäben ihren Bürgern so vielfältige Chancen für Bildung und Erfolg, wie kaum ein anderer Staat der Welt, nur diese Chancen seien nicht gleich verteilt. Er zählt Beispiele für die Ungleichheit auf, verweist auf Quellen dazu.

Boot Camp, Asphalt Tribe, Ich knall euch ab, sind die zuletzt bei Ravensburger erschienenen Romane von Rhue.

 

(c)  (Fotos mit Genehmigung des Verlags)

(pfg für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (nn)
Jugendbuch     (02/06/10)   (pfg)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel

     

Impressum: AJuM der GEW  *  c/o    Ulrich H. Baselau  * Osterstr. 30  * 26409 Wittmund * ulrich.baselau [ad] ajum.de * 04462 -- 943611
Zur Datenschutzerklärung