Der LesePeter
des Monats
April 2008

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Bill Grossman, Dorota Wünsch & Ebi Naumann

 
      für das Bilderbuch  
      Mariechen fraß 'nen Hasen auf  
         
         
         
         
     

Bill Grossman & Dorota Wünsch: Mariechen fraß `nen Hasen auf
Deutsche Verse von Ebi Naumann
Wuppertal: Peter Hammer 2008
24 Seiten * geb. * 12,90 €
von 4 bis 99 Jahre
 

 
 

 

Frecher wurden die Zahlen von Eins bis Zehn wohl nie zuvor in ein Kinderbuch verpackt. Der wiederkehrende Teil heißt: „Jetzt wird sie kotzen, dachten wir. / Tat sie aber nicht.“ Sehr lakonisch, sehr wenig Knigge. Für so ein Wort haben wir ganz früher schon mal eins „hinter die Löffel“ bekommen. Nützt ja aber nichts, wenn Mariechen doch wohl nur eins kann.

sich übergeben, brechen, kotzen

Kaum ist das Kind im Kindergarten, schon bringt es „schlimme Wörter“ mit nach Haus. Das Sch...-Wort ist das erste, aber auch diverse andere sowie schlimme Verbindungen geben Anlass für häusliche Auseinandersetzungen. Die Aufzählung all dieser überlassen wir dem Senator von Wisconsin, das Wort KOTZEN wollen wir hier einmal einfach akzeptieren. Allein, weil es zu den schlimmen gehört, aber in diesem Buch immer und immer wieder zitiert wird und letztlich zu einer Art von Katharsis führt.
Um mit dem Anfang zu beginnen. Freche gereimte Texte auf Englisch aus Amerika. Dann – vielleicht – gleichzeitig die ziemlich schwierigen Übersetzungen (es handelt sich nicht nur wegen der Reime um Lyrik) sowie die Verbildlichung. Beide haben es in sich.
Der Text folgt der Wiederholungen von „Old McDonald had a farm“, wiederholt also stets, was alles bisher erfolgte. Dabei werden Wiederholungen zunächst vermieden, neue Wendungen gefunden, um dann jeweils deutlich zu enden: „Jetzt [die Pausen beim Vorlesen sollten immer länger werden] wird sie kotzen, dachten wir.“ Und die nächste Pause dient dem Versammeln der Zuhörer, denn sie müssen unbedingt mitsprechen: „Tat sie aber nicht.“ – fast so wie Grönemeyer bei den Fantastischen Vier singt: „Es könnt’ alles so einfach sein – isses a-ber nicht!“

Genau so frech malt Frau Wünsch. Ihre Lieblingsfigur ist auf alle Fälle eins: FRECH. So hat sie schon ihre Großmutter gezeichnet (Ein Apfel für den lieben Gott, Peter-Hammer-Verlag 2004), jetzt also ein Mädchen mit verqueren Fußzehen, einem riesigen breiten Mund mit ebensolchen Zähnen, einer Brille mit extrem kleinen runden Okularen, einer zu großen Hose mit Hosenträgern und einem Oberkörper, der der Zielgruppe angemessen ist. Also: Sie verspeist – warum auch immer – einen (!) Hasen. Danach zwei (!) Schlangen. Es folgen 3 Ameisen, 4 Piratten (ein schönes Wortspiel), 5 Fledermäuschen und so weiter. Immer scheint ihr Appetit nicht gesättigt: Mehr und immer noch eins mehr verschlingt sie und nie scheint sie Schaden zu nehmen und nie scheint sie gesättigt zu sein.
Erst als Mariechen „Gesundes“ zu sich nimmt, nämlich zehn grüne klein Erbsen, da gelingt die Vorhersage, und zwar diesmal allumfassend: Alles muss wieder raus! Denn was Mariechen wohl wirklich einzigartig kann, ist: KOTZEN. Aber nur dann, wenn es ihr in den Kram passt.

Wie also möchten wir sein? Lieb und artig? Oder vielleicht doch eher – wenigstens für eine Weile – ein bisschen FRECH?

Wunderbar die Tierfolge, erfolgreich das Défilée am Schluss. Ganz vielfältig die Gespräche oder hingeworfenen Einverständnisse in den nächsten vierzehn Tagen. Köstlich für die, die sich neben dem Alltag einige Momente des Verzaubertseins gönnen. Das sind wohl mehr als gemeinhin gedacht.

 

 Bill Grossman ist Jahrgang 1948, US-Amerikaner. Wie viele seiner Zunft, muss(te) er sich mit diversen Berufen über Wasser halten. Der Rhythmus der Sprache, heißt es, sei eine seiner Antriebsfedern. Wir stellen uns vor: „Der Mensch, der soll, so lang er lebt / Recht tugendsam und brav sein. / Doch wenn der Wind mal günstig weht / Dann soll er auch kein Schaf sein.“ Jambus? Daktylus? 1966 veröffentlichte er „My little sister ate one hare“ in New York City (Illustrationen von Kevin Hawkes).

  

Dorota Wünsch wurde 1962 in Lodz / Polen geboren und kam über die Kunstakademie eben dort 1984 zu einem Gaststipendium nach Mainz. Seitdem lebt sie in Deutschland.

  

(c) Fotos von Grossman und Wünsch beim Verlag

Ebi Naumann ist ein Jahr jünger als Gill Grossman, studierte Jura und Soziologie, war Pantomimenschüler bei Marcel Marceau, Lektor, Mitherausgeber bei Rowohlt, produzierte für das Fernsehen, schrieb Drehbücher und übersetzte nicht nur dieses (Bilder-) Buch.

(uhb für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (nn)
Jugendbuch     (02/06/10)   (pfg)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel

     

Impressum: AJuM der GEW  *  c/o    Ulrich H. Baselau  * Osterstr. 30  * 26409 Wittmund * ulrich.baselau [ad] ajum.de * 04462 -- 943611
Zur Datenschutzerklärung