Der LesePeter
des Monats
Februar 2008

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Hermann Schulz

 
      für das Jugendbuch  
      Der silberne Jaguar  
         
         
         
         
     

Hermann Schulz: Der silberne Jaguar
Hamburg: Carlsen 2007
181 Seiten * geb. * 14,90 €
 

 
 

 

Weil Rufus Eltern beruflich nach Brasilien müssen, soll er die zwei Jahre bis zum Abitur bei seiner Tante Josephine leben, einer allein lebenden Gymnasiallehrerin. Seine Eltern lieben ihn, aber er sei nervös, spießig, habe einen seltsamen Humor, klagen sie. Rufus ist ein netter Junge, freundlich, fleißig, er folgt der Meinung der Mehrheit, kritiklos. In Hitzacker ändert sich sein Leben, denn Josephine erwartet Zuverlässigkeit und Einsatz von ihm. Keine Medikamente gegen Nervosität, sondern Joggen.
Rufus jobbt in einer Tankstelle, deren Besitzer ein begeisterter Mechaniker ist. Einmal folgt Rufus den Anweisungen seines Chefs zu wörtlich. Er hat Recht, aber er hätte auch menschlich handeln können. Seine Strafe: Er soll seine Tante nach Weißrussland begleiten und dort einen gespendeten Rollstuhl abliefern. Die Tante engagiert sich in der Hilfe für weißrussische Familien, die unter den Folgen der Tschernobyl Katastrophe leiden. Rufus bewundert seine Tante, weiß aber wirklich nichts über das ferne Land. Den gespendeten Rollstuhl sieht Rufus als Zumutung, dreckig, fast nicht fahrbar, zerschlissen. Er bittet seinen Chef um Hilfe, und die beiden machen aus dem Schrottstück ein Luxusexemplar.
Rufus ist stolz auf das Ergebnis seiner Arbeit – aber freuen kann er sich auf diese Reise nicht. Ferien in einem kommunistischen Land – und dann noch mit wohltätigen Aufgaben. Aber diese Reise wird für ihn das wunderbarste, was er bisher erlebt hat. Um diesen Rollstuhl – den silbernen Jaguar - entwickelt sich ein Possenstück. Er wird geklaut, er wird dem Dieb geklaut, unbedacht verschenkt, von einer schlauen Ärztin mit Hilfe des Polizeihauptmanns aus den Händen korrupter Polizisten wiederbeschafft und schließlich der schönen jungen Frau übergeben, für die er bestimmt war.
Am Ende der Reise ist Rufus ein anderer. Er hat gesehen, wie Menschen in einem Land mit gut organisiertem Geheimdienst und Spitzelwesen leben:  trotz aller Bedrängnis gastfreundlich, warmherzig mit Geselligkeit und Musik. Tanzen auf öffentlichen Plätzen zur Musik von sich zufällig ergebenden Gruppen, das kannte er nicht. Geschäfte mit überquellendem Angebot in den Hauptstraßen und bittere Armut daneben, das muss er verstehen. Studenten, die listig den Staatsapparat herausfordern und dabei ernsthaft um ihre Sicherheit fürchten, das kannte er nicht. Und diese Studenten faszinieren ihn mit ihrer zuversichtlichen Lebensfreude, ihrer unbeugsamen Hoffnung, dass ihr Land sich verändern kann. Sie sagen ihm sehr deutlich: Dies hier ist Ernst. Er erlebt, wie sie von der „Schwarzen Frau“ reden, die schon so viele geküsst hat. Jeder hat jemanden verloren an nicht zu heilenden Krankheiten. Aber da niemand wirklich weiß, wie alles ist, lebt man eben einfach und rechnet mit einer Zukunft. Sperrgebiet und ländliche Idylle liegen nah beieinander und werden von den Bewohnern nicht mehr unterschieden. Als Rufus abreist, ist er ein sehr verliebter junger Mann, der nicht mehr nur die Oberfläche wahrnimmt sondern sich um Verstehen bemüht.

Die Geschichte beginnt ganz einfach mit der Vorgeschichte der Reise. Der Leser lernt Rufus kennen, beobachtet und begleitet ihn. Die ruhige Erzählweise ändert sich nach der Ankunft in Svetlagorsk. Es folgen schnelle Szenenwechsel, Personen werden beobachtet, deren Funktion zunächst nicht bekannt ist. Die absurde Geschichte um den Rollstuhl wird für den Leser dabei allmählich klar, für Rufus, der der Leidtragende ist, aber gar nicht. Er folgt hilflos den Vorschlägen der schönen Jana und ihres Freundeskreises.
Es gibt mit Janas Erzählung für Rufus einen  bewegenden Rückblick auf die Entstehung der Studentengruppe. Diese Erzählung, voll Melancholie und traurigem Witz, beleuchtet das Leben hinter dem scheinbar normalen Alltag. Wie Rufus werden auch wir Leser immer intensiver vereinnahmt. Wir erleben mit, haben dabei immer auch unsere eigene Erfahrungen parat. Man muss vergleichen, abwägen, urteilen. Josephine gibt dabei
lapidare Hilfestellung, indem sie Rufus trocken zurechtweist. „Peinlich, wie wir mit Wohlstand umgehen“, sagt sie. „Gegen die Armut setzen die Leute hier ihre Würde, gegen die Unterdrückung durch die Regierung ihren Stolz und eine unfassbare Hoffnung.“
Schulz zeigt seinen Lesern Menschen, Landschaften und Orte ganz eindringlich. Man ist mitten drin.

Eine wunderbar spannende Geschichte um einen geklauten Rollstuhl, einen sich selbst findenden Jungen und ein Land, in dem Menschen  trotz erbärmlicher Umstände leben und manchmal glücklich sind. Und um Liebe geht es auch.
Leser lernen viel mit Rufus. Im glücklichsten Fall werden sie neugierig mehr über Menschen auch um sich herum zu erfahren. Vielleicht gelingt es ihnen - wie Rufus -  oberflächliche Urteile beiseite zu schieben und hinter die Fassade zu sehen oder wenigstens solche Haltung anzustreben. Nachrichten über Weißrussland werden sie mit anderem Interesse aufnehmen als vor der Lektüre, sie kennen ja so viele dort.

Der silberne Jaguar als Klassenlektüre? Unbedingt zu empfehlen.

 

Hermann Schulz ist 1938 in Ostafrika geboren. Kindheit und Jugend hat er in Deutschland verbracht. Nach der Buchhändlerlehre hat er im Bergbau gearbeitet und sich dann auf Reisen begeben, Afrika, Südamerika, Vorderer Orient. Dann wurde er 1968 Leiter des neu gegründeten Peter Hammer Verlags, der sich auf Literatur zum Nord-Süd Konflikt spezialisierte. Afrikanische Belletristik, politische Bücher und Kinder- und Jugendbücher sind im Programm. Seit 2001 ist Schulz frei von der Verlagsarbeit.
Mehr als zehn Titel von Schulz sind erschienen - für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Immer geht es darum, Menschen in anderen Ländern und Kulturkreisen dem Leser nahe zu bringen.

(pfg für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (avn)
Jugendbuch     (02/06/10)   (pfg)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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