Der LesePeter
des Monats
Oktober 2007

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Karla Schneider

 
      für das Jugendbuch  
      Marcolini oder Wie man Günstling wird  
         
         
         
         
     

Karla Schneider: Marcolini oder Wie man Günstling wird
München: Hanser 2007
415 Seiten * geb. * 17,90 € * ab 13 J.
 

 
 

 

„Glotzen Sie Löcher in die Luft, Marcolini? Oder warten sie auf eine Sänfte? Sie werden Letzter beim Friseur sein. Wann beginnt Ihr Dienst?“ „Erst zwölf Uhr Mittags, Herr Magister. Mir steht heute zwischen Unterricht und Dienst eine Freistunde zu.“
1763 - Graf Camillo Marcolini ist fünfzehn Jahre alt, seit drei Jahren Silberpage am Hof des sächsischen Kurprinzen in Dresden. Der Vater hat ihm diesen Posten kurz vor seinem Tod besorgen können. Das väterliche Gut in Süditalien wird von einem Onkel verwaltet. Camillo kann nicht zurück. Er muss und will Karriere bei Hof machen, Minister werden, wichtiger Ratgeber, in Pracht und Überfluss leben. Er träumt von schönen Dingen. Marcolini ist in einer guten Startposition. Der ernsthafte Junge beobachtet still. Er bemüht sich, niemals in Verbrüderungen hineinzugeraten, zu groß ist seine Angst, auf der falschen Seite zu landen. So ist er allseits beliebt. Bis die Kurprinzessin Maria Antonia einen Kammerpagen für ihren älteren Sohn sucht. Der dreizehnjährige Friedrich August gilt als ernst und schüchtern und ist „schwer zu Fuß“ wie man bei Hofe flüstert. Aber er wird Thronerbe sein. Maria Antonia sucht einen eher schlichten Gesellschafter für ihren ungeliebten Sohn und bestimmt Marcolini dazu.
Marcolini ist entsetzt und tritt seinen Dienst an. Gegen seinen Willen empfindet Marcolini aber Mitgefühl für den stillen Prinzen. Als die beiden für einige Sommerwochen in das einsame Schloss Pillnitz geschickt werden – zur Erholung – beginnt ein seltsames Spiel. Marcolini verlockt Friedrich August zum selber Laufen, er fordert ihn immer neu heraus. Der Junge macht mit und findet Freude daran. Es stellt sich heraus, dass er sehr klug ist, wissbegierig und seine Lage genau erkennt. Mit Marcolinis Hilfe traut er sich endlich, selbstständig Entscheidungen zu treffen. Am Ende des Sommers gibt es bei Hof Turbulenzen, die für Friedrich August hätten gefährlich werden können, aber mithilfe seines Freundes Marcolini geht er unbeschädigt daraus hervor.

Ein historischer Roman, dem reales Geschehen zugrunde liegt. Die lebenslange Freundschaft zwischen Friedrich August und Camillo Marcolini ist verbürgt. Karla Schneider lässt in ihrem Roman das höfische Leben lebendig werden. Sie webt ein Gespinst aus Beziehungen, Abhängigkeiten, Freundschaft, Hab- und Machtgier. Es gibt witzige und derbe Szenen, Verzweiflung und Idylle. Um die Helden herum leben unzählige Menschen. Da ist ein widerlicher Geistlicher, der schon beim ersten Auftritt zweideutige Bemerkungen macht, die junge Leser ebenso wenig wie Marcolini verstehen werden. Da ist eine frühere Hofdame, deren folgenschwere Liebe höfischer Etikette geopfert wurde. Von ihr hört man zunächst nur als Gerücht. Später wird das ganze Elend deutlich und man erkennt, wie aus dem Gerücht fast eine Bedrohung für Friedrich August wird. Dann taucht ein fremdes Geschwisterpaar auf. Das ziemlich handfeste dreizehnjährige Mädchen verwirrt den kleinen Marcolini. Der Leser erkennt: Der hat sich verliebt!, ehe Marcolini selbst auch nur ahnt, was mit ihm geschehen ist. Und was der spielsüchtige Bruder da plant, um zu Geld zu kommen! Nicht jeder wird das gleich verstehen. Schneider zeigt Menschen aus allen Schichten mit dem Blick Marcolinis, der oft verständnislos auf das Geschehen schaut. Für Marcolini ist die Welt fest geordnet, nur wer von Adel ist, gilt etwas, und er ist ein fühlender Mensch. Wir mit ihm.

So ein dickes Buch, so viele handelnde Personen in einer fernen Zeit – kann man das Jugendlichen anbieten? Man kann, denn hier wird eine ganze Welt gezeigt. Der Leser lebt mit am Hof. Küchen, Schlafzimmer, Abtritte, Puderkammern und Hoftheater, dubiose Hinterzimmer und elende Wohnungen, Schmalzbrot und Bekassinenragout, schimmernder Atlas und faseriges Leinen, nichts wird ausgelassen. Die Leser leben mit dem jungen Marcolini und werden irgendwann erkennen, dass sie an seiner Seite sind, mit ihm hoffen und träumen. Ein Buch, das einfach Freude macht und zum Wiederlesen verführt – denn beim ersten Leser entgehen dem gespannt der Handlung folgendem Leser viele Feinheiten und Andeutungen.

  

Karla Schneider ist 1938 in Dresden geboren. Sie war Buchhändlerin und Journalistin. Als freie Autorin lebt und arbeitet sie seit 1979 in Wuppertal.

Ihr Werk ist vielfältig, außer Romanen für Jugendliche gibt es Kinderbücher und Texte für Leseanfänger. Dresden war schon Schauplatz in Zwischen Kloppe und Glück (Kindheit im zerstörten Dresden) und Die abenteuerliche Geschichte der Filomena Findeisen (Zeit der Besetzung durch Napoleons Truppen). Ein anderer historischer Roman Die Geschwister Apraksin nimmt Leser mit auf eine lange, schreckliche und abenteuerliche Reise durch Russland zur Zeit der Oktoberrevolution 1917. Karla Schneider kann wunderbar erzählen, ihre Geschichten sind vielschichtig und voller Information, Leser werden in packende Handlungen gezogen und tauchen an Erfahrung und Wissen bereichert daraus wieder auf.

(c) Nutzung des Fotos mit freundlicher Genehmigung von Jörg Lange (www.lange-fotografie.de)

(pfg für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (avn)
Jugendbuch     (02/06/10)   (pfg)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel

     

Impressum: AJuM der GEW  *  c/o    Ulrich H. Baselau  * Osterstr. 30  * 26409 Wittmund * ulrich.baselau [ad] ajum.de * 04462 -- 943611
Zur Datenschutzerklärung