Der LesePeter
des Monats
April 2007

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Ulf Nilsson & Eva Eriksson

 
      für das Bilderbuch  
      Die besten Beerdigungen der Welt  
         
         
         
         
     

Ulf Nilsson & Eva Eriksson
Die besten Beerdigungen der Welt

Bilder von Eva Erikson
Aus dem Schwedischen von Ole Könnecke
Frankfurt / Main: Moritz 2006
32 Seiten, geb., 12,80 €

 

 
 

 

So wundervoll respektlos ist man lange nicht umgegangen mit dem Tod. Und dann auch noch im Bilderbuch. Ein großes Danke an alle Beteiligten! Es beginnt mit „Einmal hatte wir Langeweile und wollten etwas Lustiges machen...“ und endet mit „Am nächsten Tag machten wir dann etwas ganz anderes.“ Aber dazwischen!

„Der Lebensweg ist jetzt vorbei
Für Kuh und Schwein und Papagei.“

Man weiß gar nicht, wen man mehr loben soll: Den Autor ob der Idee, die Illustratorin wegen ihrer hinterhältig „süßen“ Bilder oder den Übersetzer, der ganz bestimmt nicht Wort für Wort vom Schwedischen ins Deutsche brachte.

Alles beginnt mit einer toten Hummel. Die Flügel sind zerknittert, die Füße stehen ab. „Kleine Hummel … ich liebe dich.“, sagt Ester und schaut dabei so listig wie seinerzeit Ruth Gordon in „Harold & Maude“. Beerdigung also. Wunderbar, wie Ester mit großer Schaufel ganz in Gelb vor gelbgrünem Hintergrund, gefolgt vom kleineren Ich-Erzähler der Lichtung zustrebt, um mit der großen Schaufel die kleine Hummel in der Zigarrenkiste zu beerdigen. Da der Erzähler sich auch nützlich machen will, schreibt er kurze, meist zwei-versige Gedichte zu diesem und den folgenden Todesfällen, denn „ich denke viel und habe viele Wörter in mir.
Ein Todesfall reicht natürlich nicht. Nach und nach kommt die Spitzmaus dazu, ein toter Hamster, ein ganzer Hahn, drei Heringe (dem Kühlschrank entnommen), diverse Mäuse, den aufgestellten Fallen entnommen, der platt gefahrene Igel, der Hase und als letztes Tier die Amsel, deren kurzen Todeskampf die drei mit erlebten. Drei? Schon an der ersten Suche hat sich Esters kleiner Bruder Putte beteiligt, aber „er war so klein, dass er nicht zählte.“

 Zu dieser Geschichte, die einerseits knapp am schwarzen Humor entlang schrappt, andererseits das Schmunzeln im Schmerz nicht verhindern kann („Jetzt kommt der kalte Winter her, / Lieber Nuffe, wir danken dir sehr, / Danke für alles, trallalala.“ – „Der Tod kommt plötzlich um viertel nach vier. Warum? Warum? Sag es mir.“ – „Der Hering ist nicht mehr am Leben, / Im Leben geht recht viel daneben.“), sind diese Bilder einfach genial gegen gesetzt. Wir hätten früher gesagt, dass jemand, der so etwas kann, es faustdick hinter den Ohren hat – und meinten genau das damit. Süß, freundlich, niedlich. Helle und warme Farben, Gelb - leicht ins Grün hinein - herrschen vor. Die Personen, vor allem unsere drei Kinder also, mit wenigen Strichen gemalt, strotzen nur so vor Gefühlen. Die Hände tief in den Taschen der kurzen Hose vergraben, die Knie leicht eingekickt, den Oberkörper ebenso leicht nach hinten gebeugt, dabei aber steif geblieben, den Hals so tief eingezogen, dass der Mund aus dem leicht erhöhten Betrachterwinkel nicht zu sehen ist, die Augen klein, fast schläfrig aber dennoch starr auf die Maus in Esthers Hand gefroren – Hut ab, Frau Erikson!

 Das Leben geht weiter. Das wissen auch unsere drei: „Das Leben ist lang, und kurz ist der Tod“ ist der Beginn des letzten Gedichts. Und so kommt, was kommen muss: „Und am nächsten Tag machten wir dann etwas ganz anderes.“
Gut so.

Für wen und warum? mag man sich fragen und erhält genau die treffende Antwort des Autors: Für mich. Genau geschaut, erkannt, ein bisschen ausgeschmückt - fertig ist die Geschichte. Dabei hat er dieses kleine hintergründige Lächeln, von dem man nicht weiß, ob es wegen des Übersetzens vom Schwedischen ins Deutsche ist. Sehr sympathisch jedenfalls. Nur wenn man selbst so ist, kann man wohl eine Geschichte, die in ihrer Grundstruktur eher makaber ist, freundlich und leichthin erzählen.
Es dreht sich aber dennoch um Tod, den Alles-Beender, den Schnitter. Unwiederbringlich welken die Pflanzen, stirbt die kleinem Hummel, von Himmel und Trost und Ewigkeit keine Spur, sieht man einmal von der Einmaligkeit der Lyrik des Jungen ab.
Ja, so kann es wirklich sein. Wir sind ein Teil der Kinder, die das Leben, das Wachsen und Vergehen ganz unspektakulär nehmen.
Die beiden Kinder (Putte zählt noch nicht) nehmen sich und ihr Leben genauso unwichtig wie ihre drei Erschaffer (Text, Bild, Übersetzung) es in diesem Buch machen, hinter dem sie sehr still zurückstehen. Das allein ist schon Wert, das Buch besonders anzuschauen und das Lesen und Anschauen besonders zu empfehlen.

Dabei ist ein Lese-Alter absolut nicht anzugeben, denn hier haben wir einen jener Glücksfälle vor uns, der wirklich für jedes Alter geeignet sind. Ganz junge Kinder werden wohl etwas anderes sehen als Erwachsene, aber das ist eins der Kennzeichen für gute Bücher.
Wer kindlich umgehen kann mit dem Tod, kann auch ebenso umgehen mit dem Leben. Und das ist etwas Anstrebenswertes.

 

 

Ulf Nilsson hat im Jahr 2006 den Astrid-Lindgren-Preis erhalten, der seit 1967  vom schwedischen Verlag Rabén & Sjörgen an schwedische Autoren vergeben wird (nicht zu verwechseln mit dem A-L-Gedächtnis-P, der 2003 zum ersten Mal weltweit vergeben wurde). Der 1948 in Helsingborg, Schweden, geborene Autor hat bisher rund 100 Kinderbücher verfasst. Er lebt in Schweden und in Südafrika, was zumindest so ungewöhnlich ist wie der Inhalt seiner Bücher.

 

 

Eva Eriksson ist ein Jahr jünger als Ulf Nilsson, wurde in Halmstad (Schweden) geboren und schreibt / malt seit 1973 vor allem Bilderbücher. Für ihr Gesamtwerk erhielt 1981 sie die Elsa-Beskow-Medaille (jährliche schwedische Auszeichnung für Bilderbücher seit 1958) und 2001 den Astrid Lindgren Preis (s.o.). Sie zeichnet für Texte von Ulf Nilsson, Barbro Lindgren (Max-Bücher) u.a.

 

 

Ole Könnecke ist eher bekannt als Illustrator und Autor mit einem Geschmack, der dem von Ulf Nilsson sehr nahe kommt. Er ist deutliche jünger als die Nilsson und Eriksson (Jahrgang 1961, Göttingen). Er verbrachte seine Kindheit in Schweden und lebt heute in Hamburg. Seine "Anton"-Bücher sind ebenso bekannt wie seine "Bär"-Bücher mit  Thomas Winding oder "Der große böse Bill". Man könnte den Hanser-Verlag als seinen Hausverlag bezeichnen, aber er hat auch bei Carlsen oder Gerstenberg veröffentlicht. P.S. Er sieht übrigens völlig anders aus.

 

(c)

P.S. Das Buch ist auf der Leipziger Buchmesse vom Arbeitskreis für Jugendliteratur als eins von sechs Kinderbüchern für den Deutschen Kinder- & Jugendliteraturpreis nominiert worden. Das ist erstens erfreulich, zweitens aber ein bisschen verwunderlich, weil es den LesePeter für das BILDERbuch erhält,

(uhb für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (avn)
Jugendbuch     (02/06/10)   (pfg)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel

     

Impressum: AJuM der GEW  *  c/o    Ulrich H. Baselau  * Osterstr. 30  * 26409 Wittmund * ulrich.baselau [ad] ajum.de * 04462 -- 943611
Zur Datenschutzerklärung