Der LesePeter
des Monats
Januar 2008

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Lucy & Stephen Hawking

 
      für das Kinderbuch  
      Der geheime Schlüssel zum Universum  
         
         
         
         
     

Lucy & Stephen Hawking: Der geheime Schlüssel zum Universum
Illustrationen von Quint Buchholz
Aus dem Englischen von Irene Rumler
München: cbj  2007
267 Seiten * geb. * 16,95 €
 

 
 

 

Im Oktober 2007 wurde dieses Buch von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur als JUGENDbuch des Monats ausgezeichnet; in der Redaktion der AJuM wollte der für den „LesePeter Sachbuch“ Verantwortliche dem Buch den LesePeter SACHbuch verleihen, wurde aber zeitlich „überboten“ vom „LesePeter KINDERbuch“ – eine bislang unbekannte Konstellation, dass ein Buch als Kinder-, Jugend- und Sachbuch ausgezeichnet wird.

 Was also ist das Besondere an diesem Buch, dass es sich jeder eindeutigen Klassifizierung entzieht? Ganz offensichtlich das Thema – und die Autoren. Ein hervorragender Wissenschaftler zu sein, ist eine Sache. Sein Fachgebiet auch verständlich darstellen zu können, ist etwas ganz anderes, das viele Spezialisten verlernt haben, manchmal auch gar nicht wollen. Gerade die moderne Physik, um die es in diesem Buch geht, fordert aber entweder großes Vorwissen oder besonders fähige Vermittler, wenn man sie verstehen will.  

Mit seiner „Kurzen Geschichte der Zeit“ (dt. 1988) hat Stephen Hawking, Astrophysiker und Inhaber des Lukasischen Lehrstuhls für Mathematik in Cambridge, bereits einmal bewiesen, dass er – zumindest für erwachsene Leser – Vorgänge und Prinzipien auch für Laien verdeutlichen kann. Aber für ein Kinderpublikum? Geht das überhaupt? Hawking und seine Tochter Lucy haben es versucht und es ist ihnen wunderbar gelungen. Und dabei sollte man sich deutlich vor Augen halten, was das Stephen Hawking gekostet haben muss. Zu seinem Mythos, der derzeit größte lebende theoretische Physiker seit Einstein zu sein, gesellt sich untrennbar seine Krankheit, die ihn längst vollkommen unbeweglich in den Rollstuhl gezwungen hat, und nicht nur das: Hawkings hat die Fähigkeit zu sprechen verloren. Mit einer speziell für ihn entwickelten Software steuert er einen Sprachcomputer, der ihm ermöglicht, Wörter aus Menus auf dem Bildschirm auszuwählen, zu Sätzen zusammenzufügen und sie per Knopfdruck an einen Sprachsynthesizer zu überspielen – maximal 15 Wörter in der Minute. Wie viele Minuten waren dieses Buch? 

„Der geheime Schlüssel zum Universum“ ist ein Sieg des Willens. Gefragt, warum er ein wissenschaftliches Buch für Kinder geschrieben habe, antwortete Hawking, „es ist sehr wichtig, dass junge Menschen sich das Staunen bewahren und immer wieder nach dem ‹Warum?› fragen. Ich bin selbst ein Kind, in dem Sinn, dass ich immer noch suche“, und er fährt fort: „Die Menschheit hat keine Zukunft, wenn sie nicht in den Weltraum geht, denke ich. Deshalb will ich das Interesse der Öffentlichkeit am All stärken.“ 

Stephen Hawking und seine Tochter Lucy haben das Buch geschrieben, um Kindern und Jugendlichen (und ganz gewiss auch Erwachsenen) das Universum und seine Schwarzen Löcher zu erklären, aber anstatt eines Sachbuches oder eines simplen Science-Fiction-Romans wählten sie eine andere Form: Science-Fact, aufregender und faszinierender als jede imaginäre Vision. Sie wollten zeigen, was für ein aufregendes Thema die Physik ist und welch wichtige, einzigartige Rolle sie in unserem Leben auf der Erde spielt.
Sie greifen zunächst zu einem geschickten Kniff, um das Interesse der Leser zu wecken und aufrechtzuerhalten: Sie verpacken ihre Fakten in eine lebhafte und ansprechende Geschichte. Diese Geschichte mag nicht der größte Wurf der Literaturgeschichte sein, aber sie ist lebendig, spannend und so gut erzählt, dass sie den jugendlichen Leser in ihren Bann zieht. Es ist eine Art James-Bond-Abenteuer im Highschool-Milieu, mit faszinierender Technik, die eher auf realer Wissenschaft als auf Fantasy beruht, mit bösen Schurken und ihren Helfern und immer wieder entspannenden Episoden mit eher komischen, fast lächerlichen Akteuren.  

Entstanden ist die unterhaltsame Geschichte von George als Hauptperson, dessen Eltern als absolute Gegner jeder Art von Technik ihren Sohn geradewegs in die Arme des neuen Nachbarn und dessen Tochter Annie treiben. Dieser Nachbar, Eric, hat einen Spezialcomputer, Cosmos, den besten und fortgeschrittensten Computer der Welt, der nicht nur denken und (re)agieren kann, sondern George und Annie die Tür ins Universum öffnet. In diesen Szenen wird es fachlich, aber zahlreiche Schaubilder und grafische Illustrationen von Christophe Galfard, einem ehemaligen Hawking-Doktoranden sowie das brillante Fotomaterial der NASA, das die Fakten auch optisch aufwertet und verdeutlicht, zusammen mit den eingestreuten Faktenseiten helfen, die einfach, in einer nicht-technischen Sprache erklärten Zusammenhänge auch als Kind, etwa ab 9 Jahre, zu begreifen.  

Natürlich gibt es am Ende der Geschichte, in deren Verlauf Cosmos von einem Schurken entführt wird, nicht nur das berühmte Happyend, in typisch amerikanischer Manier wird auch noch eine stark moralisierende Botschaft recht lautstark vermittelt. Und doch nervt das nicht, bleibt der Farbauftrag immer noch gerade so in verträglichen Maßen, dass der Leser bei der Stange bleibt. Diese Stange, das ist natürlich die Vermittlung interessanter und oft ganz moderner Fakten zum Weltall, seiner Entstehungsgeschichte und Zukunft, vor allem aber unseres Sonnensystems und besonders der Erde. So, wie Kenntnisse hier vermittelt werden, hätte man sich immer seine eigene Schulausbildung gewünscht, am liebsten natürlich auch mit solch einem genialen, wenn auch leicht überheblichen Supercomputer, der in der Lage ist, beliebige Zeitläufe zu reproduzieren und sogar echte „Fenster zum All“ zu öffnen.

Doch gerade, wenn der Leser kurz davor ist zu sagen, dass er ohne einen „Cosmos“ ja keine ähnlich beeindruckenden Erfahrungen machen kann, lässt Hawking seinen kleinen Helden sagen, dass „der geheime Schlüssel zum Universum“ eben in Form der physikalischen Wissenschaft jedem zugänglich ist. Das Wichtigste erreicht dieses Buch mühelos: Auch bislang wenig interessierte Kinder und Jugendliche für das Thema zu begeistern, den Reiz von Kenntnissen fühlbar zu machen und vorzuführen, dass „Fachkauderwelsch“ nicht entscheidend für Information ist.

Und dass die Sachinformation sich eben auch gut mit Fantasie und einem Sich-Hineinträumen in die fernen Welten des Alls verträgt, dafür stehen die Außen- und Innentitel von Quint Buchholz, deren fotorealistische Symbolik auch der Vorstellungskraft reiche Nahrung bietet. Wer bisher mit dem modischen Begriff des „Infotainments“ noch nichts anzufangen wusste – nach diesem Buch versteht er es.

 

© für das Foto: Random House UK Ltd.

 

(avn & bhu für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (avn)
Jugendbuch     (02/06/10)   (pfg)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

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