Der LesePeter
des Monats
Dezember 2006

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Sebastian Meschenmoser

 
      für das Bilderbuch  
      Herr Eichhorn und der Mond  
         
         
         
         
     

Sebastian Meschenmoser
Herr Eichhorn und der Mond

Esslinger: Esslinger  2006
48 Seiten, geb., 9,95 €
 

 
 

 

Auch das zweite Buch ist eher klein, aber mindestens genau so fröhlich hinterhältig wie die Geschichte von den Pinguinen, die gar nicht fliegen können, oder? Hier nun spielt ein großes Käserad die Rolle eines Mondes, und Senner, Eichhorn, Igel, und Ziegenbock dürfen mitspielen. Und ein Gefängnis.

„Für alle, die an das Unmögliche glauben.“ schreibt Meschenmoser auf den Umschlagdeckel. Hinten. Er tut’s. Wir tun’s auch, denn das Eichhorn weiß am Morgen ja auch sofort, was das große runde Gelbe auf seinem Zweig bedeutet: Da hat offensichtlich jemand den Mond geklaut und ihn anschließend verloren. Jetzt liegt er hier, genau vor seiner Nase, und jeder wird Herrn Eichhorn als Dieb verdächtigen!
Wir wissen es ein bisschen besser, denn wir haben auf der Buchumschlagseite gesehen, wie der Käse-Senn-Hirt seine Brotzeit machte mit seinem Sohn, just als ein großer runder gelber Käselaib sich selbständig machte und über den Abhang flog. Für Eichhorn ist das der Mond.
Eine fast unglaubliche Umsetzung von Beobachtung im Bild: Ein sehr erstauntes Eichhörnchen sehen wir, dann ein nachdenkliches und schließlich ein sehr aktives, das das Unmögliche dennoch versucht. Mit aller Kraftanstrengung mit den Vorder- wie mit den Hinterpfoten gelingt es endlich, den Käse, pardon, den Mond auf die brüchige Aststelle zu rollen. Weg ist er, Eichhorn ist unschuldig, weiß von nichts.
Aber es regt sich das Gewissen, denn der Käse, pardon, der Mond ist prompt auf einen Igel gefallen, mitten hinein in seine Stacheln. Gut also, dass Eichhorn in der Nähe ist (wo er doch schuldig ist an dieser Situation). Er versucht zu befreien mit seinen Vorderbeinen, mit seinen Hinterbeinen – wisch – dreht sich der Käse, pardon, der Mond, begräbt fast das Eichhorn und nimmt den Igel hilflos mit auf halbe Höhe. Da kommt auch schon der Bock mit seinen Hörnern…

Meschenmoser unterbricht seine Geschichte immer wieder durch graue Bleistift-Zeichnungen eines Gefängnisses. Dort sitzt ein grimmiger Sträfling, rechts ist eine Toilette mit offenem Deckel. Jetzt ist zunächst ein kleineres Klo angesetzt (für das potentiell schuldige Eichhörnchen), später noch ein weiteres für die kleinen Mäuse. Die sorgen nämlich dafür, dass Bock und Igel und damit auch Eichhorn wieder frei sind, verderben aber völlig den Käse, pardon, den Mond.
Also schießen alle (Baum plus Bock, Eichhorn, Igel, Maus, Maus, Maus …) den Rest-Mond in den Himmel und hoffen, dass er sich dort wieder erholt.
Wir alle sehen eine Mondsichel, Bock + Eichhorn + Igel und ganz zum Schluss auch wieder Senn plus Sohn. Alle schauen auf die Mondsichel. Und jeder weiß Bescheid. Und wir auch.

Immer wieder durchbricht Meschenmoser unsere Sehgewohnheiten, kniepst ein oder auch zwei Augen zu. Und wir – auch die kleinen Betrachter – verstehen von Anbeginn an, dass das Eichhörnchen völlig falsch liegt. Dennoch folgen wir ihm gern in seinen Versuchen, etwas wieder in Ordnung zu bringen, für das es gar nicht verantwortlich ist. Ein Missverständnis also.
Eine tolle Idee von Meschenmoser, die „Strafe“ ins Spiel zu bringen: Grauer Bleistiftstrich, deutlich abgehoben von der eigentlichen Geschichte, und ganz witzig in den Einzelheiten. Dazu ganz ohne Text. Wir werden schon wissen, worum es sich handelt. Gefängnis, Knast, Zuchthaus. Pritsche für ihn. Pritsche für Eichhorn. Toilette für ihn. Toilette für Eichhorn. Ein kahler Mond scheint durch die Gitterstäbe vor dem Fenster.
Der Mond ist aber anderseitig wieder knall-gelb. Das tut fast weh, diese Rückkehr in die Wirklichkeit. Und dieser Sprung passiert noch zweimal, wobei auch der Gefangene beginnt, eine ganz eigene Rolle zu spielen, die gar nicht zu unserer Geschichte gehört.

 

Wie auch bei der Pinguin-Flieger-Geschichte zeichnet Meschenmoser mit feinem Stift und koloriert nachträglich. Das allerdings sehr sparsam, und dennoch meint man, man hätte ein richtig farbiges Bild vor sich. Hier benutzt er ein Zitronengelb für den Käse, pardon, den Mond und im krassen Gegensatz dazu ein warmes Rot-Orange-Braun für das Eichhorn, das die Farbe leicht abgestumpft an den Igel und den Bock weiter gibt.  

Eine gute Idee von Esslinger, das Buch im kleinen Format = kleinem Preis zu präsentieren, denn es bedarf in der Tat des zweiten Blick. Der ist dann allerdings so, dass man fast nicht anders kann als: Dies Buch möchte ich haben. Für mich selbst, aber auch zum Vorlesen, für mein Kind, für meinen Enkel, meine Schüler…

Derart fein beobachtet und ebenso fein gezeichnet und anschließend sehr sparsam koloriert, dazu ein sehr reduzierter aber treffender Text – das ist nicht nur mutig, dass ist richtig gut.

 

  Sebastian Meschenmoser ist Jahrgang 1980. Geboren in Frankfurt, wuchs er in Bernkastel-Kues an der Mosel auf. Nach dem Abitur  und dem Zivildienst studierte er "freie bildende Kunst" in Mainz und hatte bereits einige Ausstellungen (u.a. in Mainz, Dresden, Hamburg).
Herr Eichhorn ist sein zweites Buch bei Esslinger, das Erstwerk "Fliegen lernen" stand bereits auf der Auswahlliste zum LesePeter für den April 2005.

(c) des Fotos bei Ulrich H. Baselau

(uhb für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

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