Der LesePeter
des Monats
Februar 2006

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Andreas Eschbach

 
      für das Jugendbuch  
      Die seltene Gabe  
         
         
         
         
   

Andreas Eschbach: Die seltene Gabe
Würzburg: Arena  2005
247 Seiten, TB, 6,90 €
 

 
     

Eigentlich eine Geschichte vom ganz gewöhnlichen Leben, wenn da nicht diese seltene Gabe wäre, über die Armand verfügt.
Als Armand zehn Jahre alt war, entdeckte man seine telekinetischen Fähigkeiten. Er kann Gegenstände bewegen ohne sie zu berühren. Seitdem wurde er, ausgesperrt vom wirklichen Leben, in einem luxuriösen staatlichen Institut in Frankreich für Aufgaben ausgebildet, über deren Sinn er zunächst nicht nachdachte. Und dann soll er für den Geheimdienst morden.... Er flieht und bricht ein in das Leben eines jungen Mädchens.
Marie (17) wird ihre Eltern verlassen, an einen Ort gehen, den sie vor ihnen geheim halten muss. Sie würde ihnen gern sagen, warum. Was sie dazu geführt hat ist aber unglaublich, deshalb schreibt sie es lieber auf. Um diese Aufzeichnungen handelt es sich hier.

Während des Urlaubs ihrer Eltern hat Marie brav ihren normalen Tageslauf eingehalten. Eines Abends aber entdeckt sie Armand schlafend im Kleiderschrank der Eltern. Von Jungen hat Marie genug, ihre Freundin Jessica nervt sie ständig mit Liebeleien und so ist sie nach dem ersten Schreck von dem Eindringling nur gestört. Der macht ihr aber klar, dass die Polizei in der Stadt – Marie waren die vielen Streifenwagen schon aufgefallen –nach ihm suche. Er demonstriert ihr seine telekinetischen Kräfte und berichtet, er sei auf der Flucht vor allmächtigen Verfolgern, die ihn wegen seiner ungewöhnlichen Fähigkeit wieder einfangen wollten. Marie ist unsicher. Spielt Armand sich nur auf, so wie Jungen das gewöhnlich tun, ist er ein Angeber mit kriminellen Interessen? Sie muss ihm folgen, als er sie zur Geisel erklärt.
Eine rasante Verfolgungsjagd beginnt, während der Marie immer neugieriger auf den seltsamen Jungen wird, der so konzentriert und überlegt handelt und dabei doch immer verletzlicher wirkt. Marie versteht, dass Armand ein sehr einsamer Junge ist, der das wirkliche Leben nicht kennt. Armand hatte nie die Gelegenheit die Erfahrungen zu sammeln, die junge Menschen sonst ganz selbstverständlich machen. Plötzlich steht ein für beide überraschendes Gefühl zwischen ihnen und sie wagen ihm zu folgen. Für wenige Stunden steht die Zeit still, es gibt Raum für Gespräche und Gefühle. Dann erscheinen die Verfolger und spielen zynisch und kalt ihre Übermacht aus. Mit Maries Hilfe kann Armand fliehen. Die Geheimdienstler schicken Marie nach Hause in der Gewissheit, dass sie ihnen nicht schaden könne. Wer würde ihr schon glauben.
Nach einem Jahr erhält Marie einen Anruf von Armand, nach einem weiteren mit ständigem geheimen Telefonkontakten beschließt Marie zu ihm zu reisen. Aber vorher schreibt sie ihre Geschichte auf.

Eine spannende Geschichte, die Leser durch eine alltägliche Anfangsszenerie in Grauen und Schrecken führt. Das Absurde tritt plötzlich und absolut in Maries Leben, sie kann sich zunächst nicht wehren. Und das Schlimme ist, diese ganze absolut irre Situation ist Realität. Die Herren des Geschehens sind mächtig und erfahren, sie handeln verdeckt und geheim. Sie wissen, dass niemand glauben kann, was sie da tun. Sie müssen Marie nicht vernichten, das würde sie selber tun, wenn sie versuchte ihre Erfahrungen bekannt zu machen.
Aber Marie kann sich behaupten. Im Gegensatz zu Armand hat sie Lebenserfahrung. Sie ist ein kluges, ganz normal entwickeltes junges Mädchen voll Mitgefühl und Phantasie. Sie kämpft um ihre Freiheit und für Armand. In all dem turbulenten Handeln gibt es Gedanken über den Wert eines Menschen. Ist ein Mensch mehr wert als die Fähigkeiten es sind, über die er verfügt? Ist es einem Staat erlaubt, Menschen auf ihre speziellen Fertigkeiten zu reduzieren und sie zu seinen Zwecken zu benutzen? Muss Armand es hinnehmen, dass man ihm eine normale Entwicklung unmöglich macht?

Marie erzählt mit Abstand, sie steht kurz vor der endgültigen Abreise, der Reise zu Armand, der sich immer noch verstecken muss. Der Leser erlebt das Geschehen aber schon recht direkt. Er bemerkt auch den Zwiespalt, in dem Marie während der Flucht steckt. Sie hat Angst und ist verzweifelt, aber dennoch interessiert sie sich für den Menschen Armand. Sie will hinter sein überhebliches Gehabe schauen und erkennt sehr bald die Zwischentöne in seinem coolen Gerede.

Schön, dass dieser Titel nun als TB verfügbar ist, als Klassenlektüre bietet er neben Spannung viel Anregung für Gespräch und intensives Nachdenken. Jungen und Mädchen werden gleichermaßen angesprochen und finden leicht Zugang zu den beiden Helden.

 

Von Andreas Eschbach, Jahrgang 1959, erscheinen seit 1995 spannende Romane. Sie alle führen Leser auf beunruhigende Weise aus ihrer Realität heraus. Eschbach spielt mit Möglichkeiten und stiftet Leser an, sich auf das Spiel einzulassen. 2004 erschien der erste Roman für Jugendliche ab 14, Perfect Copy. Ein Junge muss erkennen, dass er der Klon seines ihm unbekannten Bruders ist, der von den Eltern nie erwähnt wird.
Die blauen Türme und Das Marsprojekt, für Leser ab 11, erzählen vom normalen Leben in einer Marsstation, in das plötzlich rätselhafte Botschaften dringen, die von Kindern zuerst wahrgenommen werden.
Eschbach hat Luft- und Raumfahrttechnik studiert und in Softwareunternehmen gearbeitet, ehe er sich ganz dem Schreiben zuwandte.
Seine Geschichten erzählen von Menschen, die aus ihrer Sicherheit gerissen werden. Sie müssen erfahren, dass ihre Lebensgrundlage nicht mehr verlässlich ist. Und sie kämpfen darum, die neuen Voraussetzungen zu verstehen und in ihren Lebensplan einzufügen.
© Foto: Arena-Verlag

 

(pfn für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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