Der LesePeter
des Monats
Dezember 2005

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Einar Turkowski

 
      für das Bilderbuch  
      Es war finster und merkwürdig still  
         
         
         
         
     

Einar Turkowski: Es war finster und merkwürdig still
Zürich: Atlantis bei Orell Füssli  2005
24 Seiten, geb., 17,90 €
 

 
 

 

Wer sich auf einer Sandbank mit seinem Schiff trocken fallen lässt und dann das verlassene Haus vor den Dünen bezieht – mit dem kann etwas nicht stimmen. Das wissen die Leute der kleinen Stadt sofort. Also: Beobachten!

Im Bei-Titel heißt es: „Eine Küstengeschichte“, aber es ist wohl eher eine über einen Sonderling, der von wortkargen Menschen misstrauisch beäugt wird. Dem Misstrauen folgt Ausgrenzung und anschließend Neid, der gesichert zur Vertreibung des Fremden geführt hätte, wäre der Mann nicht von allein fort gegangen – traurig zwar, aber auch sich selbst genug. Seinen Charakter gilt es noch näher zu beleuchten.
Die zurück Gebliebenen wollen seinen Erfolg abkupfern, ihn nachahmen, kopieren ohne aber dessen Geheimnis zu ergründen. Erfolg erscheint aus der Ferne oft, als sei er zufällig entstanden. Das ist sogleich ein Neid-Faktor der Nicht-Helden, und die Geschichte endet darob in einer Katastrophe.

Wir haben es mit einem Mann zu tun, der plötzlich am Strand auftaucht. Er hat sein Schiff trocken fallen lassen und bezieht das verlassene Haus. Dort geschehen alsdann Dinge, die zunächst niemand aus der nahen Stadt versteht. Die Leute sind neugierig. Sie bauen sich versteckte Unterstände, von denen sie den Sonderling per Fernglas verfolgen können. Sie machen Strichlisten, fertigen sich Beobachtungskriterien, schließen automatisch startende Kameras mit Mikrofonzusatz an Beobachtungsstationen an. Immer größer werden die Geräte, immer länger sitzen die Lauscher in den Verstecken, bis sie letztlich heraus bekommen, was der Mann da treibt. Er melkt die Wolken. Ein Wolkenmelker. Einer, der mit dem Wetter in Einklang steht und es nutzen kann.
Und das macht er so: Zunächst harpuniert er die Wolke, bindet sie fest und wartet auf den morgendlichen Wind. Der lässt sie sodann abregnen mit allem, was sich in ihr befindet. Was sich nicht alles in so einer Wolke aufhält: Seile, Taue, Haken, Muscheln, Fische, Holzstücke, Plastikflaschen, Rettungsringe, Tafeln, Ruder, Bojen.

Der Mann stellt all diese Dinge zum Trocknen auf und bindet die Fische, die nach dem Fall im Sand steckten, auf eine Leine, um sie später zu verzehren oder evtl. zu verkaufen.
Aber die Menschen wollen ihn nicht und wollen nicht seine Ware. Sie neiden ihm sein Glück, denn ihre eigenen Versuche, es dem Mann gleich zu tun, scheitern kläglich. Sie beschließen seine Vertreibung. „Schließlich waren sie viele – und was viele sagen, das konnte nicht falsch sein“: Der Mann muss weg, die Regenfische gehören ihnen und alle anderen aus den Wolken regnenden Dinge ebenfalls.

Dem tiefschwarzen Inneneinband folgen schwarz-weiß-graue Bleistift-Bilder von sehr ungewöhnlichem Inhalt. Fischerei und Schifffahrt, das heißt Tampen und Seil, Gei und Strick, Spleiß und Steek, Talje und Flaschenzug, Haken und Boje, Fender und Bullauge, Ruderblatt und Kompass. Und in der Tat wimmelt jedes Bild nur so von Verschnürungen, mal straff, mal durchhängend, mal von hier nach dort, mal umgeleitet, mal im Schekel festgemacht, mal geknotet oder im Hering mit dem Strandboden verbunden.

Dazu kommen eine Reihe von geheimen Zeichen: Versteckte Zahlen, viele kleine enge Durchlässe bzw. Schlitze in den gezeichneten Flächen, die  als Fenster dienen können, als Schießscharten oder auch nur als Luftdurchlass. Um das noch zu toppen, gibt es scheinbare Erfindungen von irrwitzigen Maschinen inkl. Detailzeichnungen mit erfundenen Namen, die eine Nutzung vorgaukeln: Seilwanne, Fangaufsatz, Gelenkboje, Rotationsgewicht, Wirbelarm usw.

Einar Turkowski hat ein herrlich schräges, wunderbar merkwürdiges und sehr ungewöhnliches Erstlingswerk geschaffen. Seine Botschaft ist nicht sofort ersichtlich, sie wird erst im Zusammenhang der beiden Parteien deutlich. Hier ist der, der sich sicher ist in seiner Arbeit und seinem Leben, der probiert und mit ganzem Herzen dabei ist und dem der Erfolg dementsprechend gehört. Wer weiß, wie viele Misserfolge voraus gegangen sind.
Dort sind die, die schon immer (hinterher) wussten, was gemacht werden muss, was abgeht: Ein bisschen besser sein als der Nachbar. Aber das reicht natürlich nicht.
Dort der Kosmopolit, hier die Kleingeister. Beide Gruppen sind zwar verbunden mit der Küste und mit dem Meer. Aber während die eine / der eine eben nach vorn schaut, auch Neues voller Selbstvertrauen probiert, hadert und zögert die andere und neidet alsbald den Erfolg und setzt viel, viel Energie in das Ausspionieren anstatt in die eigenen Ziele.
Das ist zutiefst menschlich. Die Feiglinge neiden dem Forschen den Erfolg.
Aber Turkowski sagt uns auch: Dieser Erfolgreiche ist überhaupt nicht überheblich. Und das ist vielleicht noch mehr wert.

 

Einar Turkowski, geboren 1972 in Kiel, war schon in der Oberstufe, im Leistungskurs für Kunst sehr erfolgreich. Er machte nach dem Abitur ein Praktikum als Bühnenbildner und bewarb sich bei einigen Grafikausbildungen, ehe er an der Fachhochschule Hamburg aufgenommen in die Illustrationsklasse von Rüdiger Stoye wurde. Im März 2005 verblüffte Einar Turkowski die Prüfungskommission mit der in jeder Hinsicht hohen Qualität seiner Diplomarbeit.
Man kann seine „Kunst“ leicht nachempfinden, aber, das ist sicher, sie nur sehr schwer nachmachen.

 

(uhb für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

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