Der LesePeter
des Monats
Oktober 2005

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Karin Gündisch

 
      für das Jugendbuch  
     

Cosmin. Von einem, der auszog, das Leben zu lernen.

 
         
         
         
         
     

Karin Gündisch: Cosmin. Von einem, der auszog, das Leben zu lernen.
München: dtv, Reihe Hanser  2005
191 Seiten, TB, 7,50 €
 

 
 

 

„Wenn du meinst... Jetzt bist du der Mann im Haus“, das sagt Chiva zu ihrem zwölfjährigen Sohn Cosmin, als der von ihr verlangt, alle ihre vier Kinder im Amt registrieren zu lassen. Registrieren, das bedeutet Schule und Kindergarten, aber auch Kindergeld und ein Lebensmittelpaket je Kind monatlich. So endet die Geschichte von Cosmin und gibt Hoffnung, dass er und vielleicht auch seine Geschwister ihren Lebensweg selbst bestimmen können. Anders als die Mutter, die nur irgendwie versucht durchzukommen.
In einem abgelegenen Bergdorf in Rumänien lebt die Familie. Alle dort sind Roma. Sie binden Besen, flechten Körbe, sammeln Beeren... und versuchen ihre Produkte in der nächsten Stadt auf dem Markt zu verkaufen. Und sie betteln Touristen und Ausflügler an.
Eigentlich haben die Kinder im Dorf ein herrliches Leben, frei und fast ohne jeden Zwang stromern sie durch die Gegend, nie allein, Geschwister, Cousins und Cousinen sind immer in der Nähe. Nur die Schule ist ein lästiger Zwang, dem man möglichst ausweicht. Die Lehrerin will das nicht dulden und findet immer neue Wege, Eltern zum Schulbesuch ihrer Kinder zu verpflichten. Und wenn sie dafür Strom anbietet, damit Chiva mit ihren Kindern wieder fernsehen kann. Denn auf den Fernseher will niemand verzichten. Er schenkt den Blick in die Welt, er weckt Wünsche und gibt Leitbilder. Die Dorfkinder tragen die Namen der Fernsehhelden, die Jugendlichen haben bunte Strähnen im Haar wie diese.

Gündisch erzählt von Cosmin und seinem Dorf und man erkennt schnell, wie hart das Leben dort ist. Hoffnungslosigkeit herrscht, es ist dreckig und primitiv. Man lebt in den Tag, nimmt alles hin. Niemand ist stark genug einen Weg aus dem Elend zu planen und ihn dann auch zu gehen. Es gibt Hilfsaktionen, Kleiderspenden, Lebensmittelpakete – die ändern aber nichts an den Ursachen der Verwahrlosung. Was den Menschen wirklich fehlt, ist Anleitung zum selbständig werden. Sie brauchen Bildung, Ausbildung, Wissen. Und damit Selbstbewusstsein und die Kraft, Verantwortung zu übernehmen.
Cosmin läuft weg als sein Vater nach längerer Abwesenheit zurück kommt und die Familie drangsaliert. Für zwei Männer sei kein Platz mehr im Haus, meint jener. Cosmin hat kein Ziel, will nur weg und hofft, irgendwie als Erwachsener zurück zu kehren. Zum ersten Mal erfährt er eine andere Welt, er sieht wie Menschen in der Stadt leben, er beobachtet Familien, die fürsorglich miteinander umgehen. Er erkennt, was ihm und seiner Familie fehlt.
Er hat viel Glück auf dieser einsamen, entbehrungsreichen Flucht und er findet einen Menschen, der ihm eine mögliche Zukunft zeigt. Er hat jetzt ein Ziel: Automechaniker und Lastwagenfahrer, das will er werden. Dafür kehrt er zurück zur Familie und will nun auch die Schule besuchen, den Abschluss erreichen.

Eine spannende Geschichte mit witzigen, rührenden, lustigen und traurigen Momenten. Am Anfang erscheint sie wie ein Blick in ferne, idyllische Zeiten. Erst allmählich wird dem Leser klar, dass sie jetzt spielt, parallel zu seinem eigenen Leben, das ihm oft zu eng, zu geplant erscheint Schule und Ausbildung als Chance zum Leben, die man sich erkämpfen muss, das mag schon nachdenklich stimmen. Diese Geschichte vom Erwachsenwerden in einem schwierigen Umfeld ist zugleich Blick in die fremde Welt der Roma in Rumänien.
Die Autorin berichtet im Vorwort, dass sie das Bergdorf kennt, mit den Menschen dort eine Weile gelebt habe. Sie erzählt von Menschen, die sich zurückgezogen haben, die den Anschluss an die Welt verloren und nun mit ihrem überlieferten Wissen allein in der modernen Welt keine Chancen mehr haben. Die Figur Cosmin habe sie sich ausgedacht, sagt sie, aber es könnte ihn durchaus so geben. Und sie macht auch nachdrücklich klar, dass sie für Cosmin den Weg gewählt habe, den sie allen Kindern der Welt wünscht: Sie sollen lernen dürfen für ein besseres Leben.

Schon Leser ab zwölf können den Roman verstehen. Gündisch erzählt einfach und direkt. Sie zeigt Menschen, ganz unterschiedliche Persönlichkeiten und sie zeigt, wie sie mit den gegebenen Bedingungen fertig werden. Man muss lachen über all die Tricks und Ausreden, mit denen sie sich durchmogeln. Man ist aber auch ergriffen von Schicksalen. Man kann verstehen, warum sie so sind. Und man ist auf ihrer Seite. Wunderbar, wie Gündisch den Leser unterhält und ihn gleichzeitig dazu bringt, sich für Menschen zu interessieren, die ganz am Rand der Gesellschaft leben, deren Not lange Zeit fast unbeachtet blieb, besonders im eigenen Land.

Das Nachwort gibt einen Überblick über die Geschichte der Roma. Aber mit Cosmins Geschichte geht es nicht nur um Roma, es geht um Menschen und ihre Möglichkeiten frei und selbständig zu leben.
Ein Buch, das man Schülern ab der siebten Klasse in allen Schulformen zur Lektüre wünscht. Je nach Leseerfahrung und Wissen um Geschichte wird man unterschiedlich im Unterricht damit umgehen. Man kann aber ganz sicher sein, jede Arbeit bringt Gewinn. Und wenn es allein die Freude an der so eindrücklich einfachen Geschichte von Cosmin ist.

 

 

Karin Gündisch ist 1948 in Siebenbürgen, Rumänien geboren. In Clausenburg und Bukarest studierte sie Deutsch und Rumänisch. Sie war Deutschlehrerin in Bukarest, arbeitete für die rumäniendeutsche Presse, für Rundfunk und Fernsehen. 1984 ging sie mit ihrer Familie nach Deutschland, in das Land ihrer Vorfahren. Seitdem schreibt sie Bücher für Kinder und Jugendliche. In Im Land der Schokolade und Bananen erzählt sie, wie zwei Kindern aus Rumänien den wunderbaren Westen erleben. Das Paradies liegt in Amerika, Weit hinter den Wäldern, In der Fremde und andere Geschichten, Großvaters Hähne, das sind nur einige weitere Titel. Die Kindheit in Rumänien wirkt in viele Erzählungen hinein. Der Blick von Kindern auf die fremde Welt der Erwachsenen wird von Gündisch auf ganz besondere Weise gezeigt. Und sie ist immer auf der Seite der Kinder, die ihren Weg suchen. Sie schreibt Bücher für Kinder – und mit diesen Büchern können Erwachsene sehr viel von Kindheit erfahren und lernen.

 

 

(pfg für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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