Der LesePeter
des Monats
Juni 2005

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Iain Lawrence

 
      für das Jugendbuch  
      Die Tochter des Leuchtturmwärters  
         
         
         
         
     

Iain Lawrence: Die Tochter des Leuchtturmwärters
Aus dem Englischen
von Christoph Renfer
Stuttgart: Freies Geistesleben  2005
253 Seiten, geb., 15,50 €
 

 
 

 

Die Tochter des Leuchtturmwärters Elizabeth, genannt Krabbe, ist siebzehn Jahre alt als sie mit ihrer dreijährigen Tochter nach Lizzy Island zurückkommt. Vor drei Jahren hat sie die Insel verlassen um ihr Kind zu bekommen. Dazwischen gab es kaum Kontakt zu den Eltern, die sie jetzt mit mühsam verborgener Aufregung erwarten. Von dem kurzen Besuch erzählt der Roman. Die idyllische Insel mit einer artenreichen Tierwelt liegt ganz allein im wilden Meer. Ein Versorgungsschiff und Funkkontakte bieten Verbindung zur Welt. Krabbe hat eine schöne Kindheit hier verbracht zusammen mit ihrem ein Jahr älteren Bruder Alastair. Ihre Eltern sind dort glücklich, für den Vater ist das Leben als Leuchtturmwärter die Erfüllung aller Wünsche. Hannah, die Mutter, liebt ihren Mann und lebt gern mit ihm – den Winter allerdings verbringt sie in der Stadt seit die Kinder nicht mehr da sind.
Krabbes Besuch nun verstört die Eltern. Was damals, vor drei Jahren, geschah ist verdrängt worden. Sie haben nicht miteinander gesprochen über den Tod von Alastair, über Krabbes Schwangerschaft. Sie haben nie miteinander versucht zu erkennen, was die Idylle zerstört hat. Und nun kommt Krabbe, jung, gesund, Mutter eines eigenwilligen Kindes und zerrt an den Schleiern, die das Geschehene verhüllen. Sie ist voll Wut und Angst, Angst davor, dass der Zauber der Insel sie wieder fesseln könnte oder sogar ihre Tochter. Murray, der Vater, verweigert sich auch weiter. Er ist gefangen von der kleinen Tatiana und für sie noch einmal der liebevolle Lehrmeister und Spielgefährte, der er für seine Kinder war. Aber Hannah und Krabbe fallen in Erinnerungen zurück, sehen mit anderen Augen was war und erkennen, wie es so weit kommen konnte, dass Alastair in den Tod ging.
Die reale Handlung und die Erinnerungen der beiden Frauen sind miteinander verwoben und gehen ineinander über. So erlebt man das Vergangene aus unterschiedlicher Sicht. Dazu kommt noch eine dritte Version. Krabbe hat das geheime Tagebuch ihres Bruders gefunden und erfährt so, was den stillen, verschlossen Jungen wirklich bewegte.
Und es ist schrecklich, was da deutlich wird. Der kluge Alastair war einsam, er wäre gern in eine Schule gegangen, hätte das Leben der Wale gern mit professioneller Anleitung erforscht. Er wäre gern unter Menschen gewesen, die ähnlich dachten, wie er. Außerdem fürchtete der kurzsichtige Junge, bald blind zu werden und vielleicht auch wahnsinnig. Er hatte sich in seine Schwester verliebt, den einzigen Menschen, der Anteil an seinem wirklichen Leben nahm. Voll Zorn lernt Krabbe, dass Murray dem Sohn das Versprechen abnahm, bis zum 21. Geburtstag auf der Insel zu bleiben. Das geheime Tagebuch bricht ab, nachdem Krabbe beim Versuch einer Abtreibung fast stirbt. Alastair hat die Ohnmächtige gefunden und Hilfe geholt. Er weiß auch von dem Kajakfahrer, der die Insel besuchte und Krabbe so folgenreich betörte. Krabbe fühlt sich bestätigt in ihrer Furcht, Schuld am Tod Alastairs zu sein, der von einer nächtlichen Kajaktour nicht zurückkehrte.

Eine wunderbare Geschichte, die Leser in eine geschlossene Welt führt. Grausam schöne Natur erlebt man und Menschen, die Grausames geschehen lassen obwohl sie nur Gutes wollen. Murray, dieser schlichte, weltfremde Mann ist kein Tyrann. Er will seine Kinder schützen und ihnen ein Leben ermöglichen, das für ihn selbst der Traum ist. Er ist unfähig sich vorzustellen, dass seine Kinder andere Bedürfnisse haben. Er will sie im Stand der Unschuld bewahren auch als unübersehbar ist, dass sie die Kindheit hinter sich haben. Hannah erkennt das, kann und will aber gegen Murray nicht argumentieren. Sein Beharren rührt sie, sie erkennt seine Verletzlichkeit, seine Angst, die Insel irgendwann verlassen zu müssen.
Schicht für Schicht der Vergangenheit enthüllt sich dem Leser, er versteht was geschah und beobachtet voll Spannung wie Krabbe und ihre Eltern ganz allmählich miteinander ins Gespräch kommen. Als Krabbe Abschied nimmt und ihre Tochter für kurze Zeit den Eltern lässt, ist die Vergangenheit nicht mehr bedrohlich. Man kann miteinander reden und selbst die furchtbare Angst der Mutter, Tatiana könne das Kind von Alastair sein, ist ausgesprochen und genommen. Alle sind von einer Last befreit, die Eltern können weiterleben –Krabbe und ihr Kind werden ihr Leben beginnen.

Jugendliche Leser werden in eine Welt geführt, die vordergründig mit ihrer eigenen Lebenswirklichkeit nichts zu tun hat. Sie erleben Menschen, die ganz mit sich und der Natur allein sind. Nichts lenkt ab von wirklichem Leben. Solange Alastair und Krabbe Kinder sind, sind ihre Tage idyllisch schön, aber auch hart und beschwerlich. Als sie die Kindheit verlassen, taugt der Rahmen plötzlich für sie nicht mehr.
Die Bedrohung, der Schatten über allem ist für den Leser von Anfang an spürbar und fesselt ihn. Man versinkt im Leben der Helden und versucht zu verstehen, was sie belastet. Und dabei kommt dann das eigene Leben auf den Prüfstand, die eigen Lebensplanung. Man kann Krabbes Weg bedenken, ihr Handeln und das der Eltern beurteilen und wird sich dabei eigener Träume und Ziele bewusst. Und vielleicht erkennt man auch, wie schwer es für Eltern ist, Kinder loszulassen und ihnen Leben nach eigenen Wünschen zu gewähren.

  

Iain Lawrence, geboren in Sault Ste. Marie, Ontario, studierte Publizistik, arbeitete für verschiedene kleinere Zeitungen und verfasste zwei Reisebücher, bevor er sich dem Schreiben von Jugendromanen zuwandte. Mehrfach ausgezeichnet wurde seine Hochseetrilogie: Strandpiraten (Edgar Allan Poe Nominee), Schmuggler und The Bucanneers. Im Verlag Freies Geistesleben sind bereits sein im Nachkriegsamerika spielender Jugendroman Der Geist erschienen und Der Herr der Nussknacker.

Die Tochter des Leuchtturmwärters sei das eigene Buch, das ihm am nächsten stehe, sagt Lawrence, nicht nur wegen der Schwierigkeiten die Welt mit den Augen einer Teenagerin zu sehen, sonder auch, weil er die Insel sehr gut kenne. Während eines Segeltörns habe er die Idee zu der Geschichte gehabt.

 

(pfn für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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