Der LesePeter
des Monats
Mai 2005

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Katherine Scholes

 
      für das Kinderbuch  
      Die Nacht der Vögel  
         
         
         
         
     

Katherine Scholes: Die Nacht der Vögel
Mit Bildern von Quint Buchholz
Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günther
Ravensburg: Ravensburger  2005
126 Seiten, 9,95 €
ab 9 Jahre
 

 
 

 

Weit draußen auf dem Meer kämpfte sich der weiße Vogel weiter durch den Sturm. Bilder gingen ihm durch den Kopf, auf die er nicht mehr zu hoffen wagte: ein silbrig glänzender Fisch, heller, klarer Himmel, ruhige See. Er hatte Angst. Seine Muskeln zitterten vor Erschöpfung, in einem Ohr dröhnte es. Würde dieser Sturm jemals zu Ende gehen?
 Ein verheerendes Unwetter tobt auf der See und an der Küste. Hagel prasselt, Blitze zucken, Sturm wütet. Zwei Tage und drei Nächte hat der Albatros unter Aufbietung aller Kräfte gegen den Sturm gekämpft, in den Himmel gerissen, aufs Wasser geschleudert. Er ist erschöpft, der große Vogel, aber er kann nicht fliehen, muss weiter fliegen in die tosende Nacht hinein.
Zur gleichen Zeit presst sich im Haus des Bootsbauers ein Gesicht gegen die Fensterscheibe. Annie sieht hinaus in das nun auch an der Küste beginnende Unwetter – und überall sind Vögel. Tausende von Vögeln, die mit letzter Kraft vor dem vernichtenden Sturm auf der Insel Zuflucht gesucht haben. Inmitten des tosenden Unwetters beginnen Annie und ihr Großvater Old Joe eine dramatische Rettungsaktion und bergen die überlebenden Vögel in ihrem alten Bootsschuppen. Da sitzen und liegen sie nun, erschöpft, schweigend, schlafend, fast tot. Ein gespenstischer Anblick.
Annie ist beeindruckt von der Schönheit und auch von der Hilflosigkeit der Tiere. In später Nacht treiben ungewohnte Laute sie aus dem Bett.

Mitternacht war lange vorbei, da wachte Annie auf, lag ganz still in ihrem Bett und lauschte in die Nacht hinaus. Durch die Dunkelheit und durch das Toben des Sturmes drang ein fremdes Geräusch: ein schwaches, nie gehörtes Murmeln … Draußen im Bootsschuppen rührten sich die Vögel. Sie riefen einander – hinüber und herüber – in sanften, weichen Tönen.
Annie versteckt sich und kann nicht glauben, was sie sieht. Ein einzelner Vogel bahnte sich seinen Weg zum Licht. Dort stand er mit gesenktem Kopf, größer als die meisten Vögel und mit mächtigem Federkleid. Alle Schnäbel waren ihm zugewandt, und die der vordersten Vögel schimmerten wie Messerklingen, wenn sie vom Mondlicht getroffen wurden. Und die Vögel beginnen zu sprechen, gedenken ihrer Toten, suchen ihre Kräfte zu erneuern, erzählen von ihren Begegnungen und Erfahrungen mit Menschen. Exus, der Barde unter ihnen, ruft mit seinem seltsamen Schöpfungsgesang zur Umkehr auf aus dem Dunkel der Nacht in die Hoffnung der Morgendämmerung.
Annie lauscht den Geschichten, die die Vögel erzählen, lauscht ihren Ängsten und Hoffnungen, zeigt sich ihnen und gewinnt ein zartes Vertrauen, das jäh auf die Probe gestellt wird, als der zu Tode ermattete Albatros in ihre Gemeinschaft hinein stößt. Er ist voller Misstrauen, ein Warnender, der seine Stimme erhebt. Auch er erzählt eine Geschichte, und in dieser Geschichte treffen sich die beiden parallel verlaufenden Erzählstränge von Mensch und Tier: Der Albatros erzählt von Verrat und Tod, und in dieser Erzählung ist der Urururgroßvater von Annie ein bedeutender Mann, der nach Ansicht des Vogels große Schuld auf sich geladen hat.

 Katherine Scholes Vermögen, sich in das alternde, dem Sturm trotzende Tier, das dem Tod ins Auge sieht, ebenso hineinzuversetzen wie in die unterschiedlichen Anführer der anderen Vögel, macht die mystische Geschichte zu einer hoch literarischen Erzählung. Die Sprache in ihrer Bildhaftigkeit ist wirkungsvoll und von großer Ausdruckskraft, schafft eine dichte Atmosphäre, die meisterhaft von Quint Buchholz in seinen kontrastarmen, schwarz-weißen Illustrationen umgesetzt wird. Wie es in dem poetischen Text vieles eher zu erahnen als zu verstehen gilt, lassen sich die Bilder eher in ihrer Gesamtheit erfühlen als im Detail deuten. Dunkel und geheimnisvoll verweben Wort und Bild reale Ereignisse aus der Seefahrtsgeschichte, Die Ballade vom alten Seefahrer von Samuel Coleridge und Auszüge aus der Schöpfungsmythologie der Ureinwohner von Australien und Alaska.

 Ein Roman an der Grenze von Wirklichkeit und Traum, von fantastischer und realer Welt, der zugleich informativ ist und von Albatrossen und Muttonbirds erzählt und diese Sachinformationen wieder zurücknimmt und einbindet in ein mystisch-mythisches Geschehen. In den Erzählungen der Vögel, in ihren Fragen an Annie, ihren Erfahrungen mit Menschen und deren Welt offenbart sich Katherine Scholes Engagement für Natur- und Umweltschutz, und sie liefert zugleich eine Reihe von Denkansätzen über menschliches Verhalten und Verantwortlichkeit.

 

Als Klassenlektüre zu empfehlen oder im Rahmen eines Umweltprojektes 4./5. Schuljahr einsetzbar.

 

Die Autorin

Katherine Scholes, geb. 1954 auf einer Missionsstation in Tansania/Afrika, wo sie die Kindheit verbrachte. Später zog sie nach England, heute lebt sie mit ihrer Familie in Tasmanien/Australien. Sie macht eigentlich Filme und wurde 1996 in Deutschland durch ihr erstes Kinderbuch The Boy and the Whale, dt. Sams Wal bekannt. Sie erhielt dafür den Whitley Book Award, und das Buch kam auf die Auswahlliste zum Australischen Kinderbuchpreis. Besonders bekannt sind ihre mehrfach aufgelegten Romane Die Regenkönigin (zuletzt 2002), Die Traumtänzerin (zuletzt 2004) und Die Flucht nach Faseran (1995).

 

 Der Illustrator

Quint Buchholz, geb. 1957 in Stolberg bei Aachen. Studierte Kunstgeschichte sowie Malerei und Grafik. Er illustriert Bücher für Kinder und Erwachsene, z.B. von Jostein Gaarder, Elke Heidenreich und Amos Oz. Seine Illustrationen sind vielfach preisgekrönt. Heute lebt er mit seiner Familie in der Nähe von München (weitere Einzelheiten siehe LesePeter „Hechtsommer“).

 

 

Die Übersetzer

Ulli und Herbert Günther haben eine Literaturwerkstatt und sind bekannt durch die Übersetzung vieler Kinder- und Jugendbücher. Alles weitere dazu findet man auf ihrer Webseite www.herbertguenther.de

 

(avn für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

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Jugendbuch     (02/06/10)   (pfn)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
     

 
     

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