Der LesePeter
des Monats
Februar 2005

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Melvin Burgess

 
      für das Jugendbuch  
      Doing it  
         
         
         
         
     

Melvin Burgess: Doing it
Deutsch von Andreas Steinhöfel.
Hamburg: Carlsen  2004
344 Seiten, geb., 14,00 €
 

 
 

 

„DOING IT hätte ich mit siebzehn verschlungen, da hätte ich viel lernen können, über Jungen und Mädchen, über das Leben überhaupt.“ Das sagt eine erwachsene junge Dame nach der Lektüre und fügt hinzu, dass sie es jetzt mit fast dreißig voll Vergnügen gelesen habe, sogar ein wenig wehmütig an die längst vergangene turbulente Pubertät erinnert sei. Ein Rezensent aus Lehrerkreisen meint zu dem Buch: „Der vulgäre Charakter des Textes ist kaum zu übertreffen..... Die Jungen denken nur mit ihrem Glied.“ Und sicher ist, alle Leser werden sich einer der beiden Positionen anschließen. Diese Geschichte lässt nicht gleichgültig, man muss dazu Stellung beziehen. Worum geht es nun?
 Dino, Jonathon und Ben, alle drei starke siebzehn Jahre alt, gesunde Jungmänner, brave Söhne, gute Oberstufenschüler, wollen ES nun endlich tun. Sie machen sich Mut mit zotigen Denkspielen, ausgedachten Paarungsszenen mit den abartigsten Partnerinnen – Queen, Mrs. Thatcher, einer Lehrerin... Die drei Freunde sind offen miteinander, dabei ist Dino immer ein wenig der Sieger, Ben der verschlossenere Stille, Jonathan der Verlierer. Den Jungen geht es einfach zu gut, oberflächlich gesehen. Aber unter den lauten Poltereien, dem großkotzigen Gezote stecken unsichere, ängstliche Kinder.
Dino will unbedingt die schöne Jackie erobern und wird bei seinen Annäherungen immer kleiner und schwächer. Jackie und die durchtriebene Zoe machen ihn fix und fertig. Dazu muss er noch erfahren, dass seine Eltern neben der Kinderversorgungsfunktion noch ein eigenes Leben haben und sich trennen wollen. Ihm das anzutun! Dino ist entsetzt. Der stille Ben, der nach Meinung seiner Freunde mit Mädchen keine Erfahrung hat und nur rumredet, wird in Wahrheit von einer durchgedrehten jungen Lehrerin schändlich missbraucht. Und Jonathon hat das Pech, sich ausgerechnet in Deborah zu verlieben – die ist aber molliger als ein Mädchen zu sein hat, nach gängiger Meinung. Jonathon flüchtet sich in Krankheitsfantasien als Deborah ihm ihr Entgegenkommen deutlich zeigt. Er entdeckt Schwanzkrebs an sich.
Die drei machen Schreckliches durch, jeder seiner subjektiven Meinung nach. Jonathon und Ben, die beiden sensibleren helfen sich mit einem offenen, intensiven Gespräch und befreien sich selbst aus ihrer Misere. Der schöne, coole Dino geht unbeschadet aber sicher auch gereift aus all dem Schlamassel hervor. Seine Eltern – obwohl in heftigem Trennungsschmerz – stehen liebevoll gemeinsam für ihn ein, als er wegen Ladendiebstahls angezeigt werden soll. Mit den drei Jungen kann der Leser an einer herrlichen Party teilnehmen, spießig sorgfältige Vorbereitungen und Gastgebersorgen beobachten. Erwachsene Leser werden nach der Lektüre ihrem Nachwuchs niemals eine Party im elternfreien Haus gestatten. Und neben den Jungen sind natürlich auch Mädchen zu erleben. Mädchen, die die Knaben als Sahnestückchen bezeichnen und ebenso coole Gespräche wie diese führen. Sie sind genau so überwältigt von drängenden Gefühlen, Angst und Lust. Aber sie sind doch etwas schlauer, sie übersehen die Lage besser und behalten in kritischen Situationen eher den Durchblick. Erschreckend ist die vierzehnjährige Zoe, die eigentlich nur ein bisschen Wärme möchte, sich aber hart rächt an jedem, der ihr nahe zu kommen droht. 

Aus dem Leben der drei Helden und ihrer Mädchen wird nun aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Die Jungen berichten als Ich-Erzähler ganz direkt von sich, die momentane Stimmung wird deutlich. Man erfährt, wie der Held seine Situation wahrnimmt und was er von seinen Freunden mitbekommt. Dazwischen übernimmt ein Chronist die Berichterstattung, er stellt klar, gibt zu bedenken, rückt zurecht. Dies aber nicht um zu urteilen und zu werten. Es geht allein um die korrekte Information des Lesers. Nun, wenn die Jungen selbst berichten, ist klar, dass sie sich ihrer Sprache bedienen. Und wenn der Chronist Gespräche der Jugendlichen untereinander wiedergibt, übersetzt er sie auch nicht in großelterntaugliche Sprache. Es stimmt schon, auf den Seiten wimmelt es von Muschis, Schwänzen, verfickten und abgefickten Begebenheiten. Da wird es feucht und steif – oder auch nicht. Na und? Wer sich über diese Wörter ärgert, sollte das Buch zuklappen. Dem Übersetzer Andreas Steinhöfel ist zu danken, dass die jugendlichen Dialoge locker und überzeugend echt klingen. Da ist nichts peinlich oder gestelzt, es blubbert so ganz beiläufig daher – so könnten die Gespräche ablaufen, an denen Erwachsene nie wirklich teilnehmen dürfen. Und übrigens, zwischen den deftigen Dialogen gibt es doch ganz klare, „normale“ Sprache. Die Jugendlichen sind zwar von ihrer Sexualität sehr bestimmt, sie schauen und denken aber schon weiter. Durch die wechselnde Perspektive wird der Leser immer enger in das Geschehen hineingezogen, er lernt die Helden von allen Seiten kennen und muss seine Stellung zu ihnen ständig neu bestimmen. Sie sind alle nicht so, wie man sie bei der ersten Bekanntschaft wahrgenommen hat. Und sie entwickeln sich im Lauf der kurzen Zeitspanne, die man sie begleitet, ganz entscheidend. Nicht nur, dass sie ES endlich tun, sie werden erwachsener, treffen Entscheidungen, stehen für sich ein. 

Ein Spaß, an diesem Lebensabschnitt der Jugendlichen aus der sicheren Position des Lesers teilzunehmen. Es wirkt alles so komisch, so absurd, erinnert ein wenig an eigene Erfahrung und lässt mitfühlen. Und man möchte fast ein wenig neidisch sein, da gibt es so enge Freundschaften, man sorgt sich umeinander und man redet, redet, redet miteinander.  

Selbstverständlich ist dies Buch nicht als Klassenlektüre zu empfehlen! Das wäre Grenzüberschreitung von der Erwachsenenseite her. Aber Erwachsene mit Jugendkontakten sollten es vielleicht kennen. Und sie sollten es Jugendlichen unaufdringlich zugänglich machen. Vielleicht in die Schulbücherei stellen, versehentlich irgendwo liegen lassen, weitergeben mit dem Hinweis: Also, das geht mir zu weit! Jugendliche werden immer ein wenig von sich wieder erkennen und damit Gelegenheit haben, ihre Situation, ihre Wünsche und Handlungen mit Abstand zu betrachten, zu überdenken.

 (pfn für die AJuM der GEW)

 

 

Melvin Burgess, geboren 1954 in London. Er hat als Journalist gearbeitet und sich dann ganz auf das Schreiben konzentriert. Viele seiner Bücher sind preisgekrönt. Sein Roman Billy Elliot, I will dance wurde verfilmt und hat auch in Deutschland Zuschauer zu Tränen gerührt. Unter anderen sind die Titel Schlachten, Hundsfrau, Das Geheimnis im Schacht, Im Bann der Hexenkräfte, Verdammt nah dran auch auf Deutsch erschienen.

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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