Der LesePeter
des Monats
Januar 2005

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Roddy Doyle

 
      für das Kinderbuch  
      Rover rettet Weihnachten  
         
         
         
         
     

Roddy Doyle: Rover rettet Weihnachten
mit Illustrationen von Brian Ajhar
Deutsch von Andreas Steinhöfel
München: Omnibus  2004
157 Seiten, 5,90 €
 

 
 

 

Weihnachten steht vor der Tür, und Rentier Rudolf mit der roten Nase liegt mit einer Gefühlskrise krank zu Bett.  Noch nie war seine Nase so rot wie dieses Jahr, und Rudolf fühlt, er muss einmal ein Weihnachtsfest ausfallen lassen. Und Santa, der Weihnachtsmann, steckt fest, am äußersten Zipfel Lapplands, tausende Meilen von Neuseeland entfernt, wo die Kinder auf ihre Bescherung warten. Nur ein Einziger kann Rudolf ersetzen, und das ist Rover. Ein Hund!

 Was für ein wundervolles Buch in der Reihe der Weihnachtsbücher, heiter, frech, urkomisch, ironisch, spöttisch, melancholisch zugleich, verrückt und turbulent, wie auch die vielen Schwarzweiß-Illustrationen. An keiner Stelle kann sich der Leser in der Sicherheit wiegen zu wissen, wie die Geschichte weitergehen wird. Pausenlos brechen die absurden Ideen des Autors mit ungeahnter Turbulenz über ihn herein, während ein paar Kinder und der Hund Rover sich aufmachen, Weihnachten in der Welt zu retten.
Dabei ist Rover dem Leser schon gut bekannt aus dem „Großen Giggler-Geheimnis“, wo er geschäftstüchtig seine Hundehaufen an die Giggler verkaufte, die dafür sorgten, dass fiese Erwachsene zur Strafe in Hundehaufen treten. Und nun also ein weiteres Abenteuer mit Rover, der sich von dem neuen Auftrag keineswegs überfordert fühlt: „Nur keine Sorge“, sagte Rover. „Mein Name ist Bond. Rover Bond.“ Und zusammen mit ein paar Kindern (in Notfällen muss man immer ein Kind dabei haben) macht er sich auf den Weg einmal rund um die Welt, immer ein bisschen schneller als die Sonne. Und so jagen sie am Himmelszelt entlang, ein paar Kinder mit Rover, der den Schlitten zieht. 

Sie sahen die Welt unter sich, den glitzernden Schnee Nordfinnlands, die Bauernhäuser, das aus den Küchenfenstern fallende, den Schnee erleuchtende Licht. … Sie sahen schneebedeckte Bäume und die Lichter des SPAR-Supermarktes in einer kleinen Stadt namens Muonio. .. Sie sahen die Lichter von Helsinki, der größten Stadt Finnlands. Und funkelnde Eisberge, die wie riesige dahinkullernde Diamanten im Golf von Finnland lagen. Auf, auf in die Wolken, und davon. 

Der Leser muss sich einlassen auf Chaos, Geistesblitz und eine Rasanz in Worten, die denen der hektischsten Comicfilme in nichts nachsteht. Eine schier unbändige Situationskomik (die sich auch wunderbar in den Illustrationen von Brian Ajhar widspiegelt und sogar noch übertroffen wird), verbunden mit dem trockenen Humor des Engländers, treibt das Geschehen von Gag zu Gag, und oft genug fragt man sich, „was hat der Autor nun eigentlich gemeint“ oder „was hat das alles nun mit Weihnachten zu tun“.
Und immer, wenn die Ratlosigkeit groß ist, dann kommt ein liebevoller Einschub, der mit seiner Sanftheit und Milde so gar nicht zu passen scheint: 

Der Schlitten, und damit auch Rover, konnte fliegen, weil Kinder aus der ganzen Welt daran glaubten, dass er es konnte. Sie glaubten, dass es möglich war, also war es möglich … Wenn die Kinder nicht mehr daran glaubten, dann würden weder Rover noch der Schlitten fliegen können … Keine Magie mehr, kein Weihnachten mehr, und nie wieder Santa. 

Oft genug macht Roddy Doyle sich lustig über Dinge, Menschen und Geschehnisse, vor allem immer wieder darüber, wie wichtig sich Erwachsene nehmen, wie ernsthaft und bedeutend sie sich fühlen, und so schiebt er z.B. - scheinbar auf der gleichen Schiene fahrend - kleine Kästchen ein, „Nützliche Informationen“, und die sehen dann etwa so aus: 

„Nasu“ ist das finnische Wort für Ferkel. Und wo wir schon dabei sind: „Nalle Puh“ ist das finnische Wort für „Puh der Bär“, und „kakki“ ist das finnische Wort für „Puh, das stinkt“.

 Sie fahren und fliegen einmal rund über die Welt, die Kinder und Rover, und vor ihnen lag die Nacht und hinter ihnen der Morgen, und von jedem Land sehen sie etwas anderes. 

Sie sahen schlafende Löwenrudel und von Partys nach Hause eilende Menschenstrudel. Kamerun, Italien, Schweden. Sie sahen Milchmänner, die die Milch ausliefern und wahnsinnige Rinder, die im Mondschein tanzten. 

Ein fantastischer Einfall jagt den anderen, und sie dienen nichts als dem Zweck klarzulegen, dass alle Kinder dieser Welt gleich sind und mit ihrem Glauben an Weihnachten das Leben aufrechterhalten, dass ohne diese Kinder und ihre Fantasie unsere Welt ärmer wäre und kälter. Und es sind die Kinder, die Licht und Freude in das Dasein der Erwachsenen bringen - so wie die kleine Victoria, die aus dem Schlitten von oben das Haus ihrer unbekannten schlafenden Großeltern in Lagos erkennt: 

Sie schliefen und träumten. So viel konnte Victoria erkennen: Es waren traurige Träume. All ihre Kinder lebten weit fort von Nigeria und sie hatten ihre Enkel noch nie in den Armen gehalten und geknuddelt. In ihren Träumen sahen sie leere Zimmer und hörten die Stimmen von unsichtbaren Kindern. 

Und Victoria versteht die Einsamkeit der Alten und steckt ihnen eine Schneekugel unter das Kissen und küsst sie sacht auf die Stirn. 

Sie wachten gleichzeitig auf. Zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren fühlten sie sich glücklich. Der Opapa … hatte geträumt, dass seine Enkelin ihn küsste, und jetzt konnte er diesen Kuss fühlen - mitten auf der Stirn war es noch ganz feucht. (Und so blieb es dort, feucht und wunderbar, für den Rest seines langen Lebens.) Und die Omama fühlte ebenfalls den Kuss auf ihrer Stirn. Sie berührte die Stelle und weinte Freudentränen. (Und der Kuss blieb dort, ein sanftes Kitzeln, für den Rest ihres langen Lebens und sogar darüber hinaus.) 

Und während die beiden Alten in Lagos verwundert die Schneekugel schütteln und glauben, es sei darin Zucker in der Luft, beginnt in Dublin sanft zu schneien: Zucker. Welch eine anrührende Geschichte, die leicht süßlich wirken könnten – wenn der Autor sie nicht sogleich zurücknehmen und sich gleichsam lustig über sich selbst machen würde: Völlig unpassend schiebt er Werbespots ein zu Zahnpastasorten, Zahnofrisch und Dentofrisch, unfaire Werbung wie im Fernsehen, die die Konkurrenz schlecht macht, und der Leser fühlt sich an einen politischen Wahlkampf erinnert. Und wenn er den Zauber des bezuckerten Irland beschreibt, klingt es dann so: 

Der Zucker fiel über ganz Irland. Er fiel auf jeden Teil der dunklen Zentralebene, auf die baumlosen Hügel, sanft fiel er in den Bog of Allen. Er fiel auch auf die Glatzköpfe kleiner irischer Männer und Frauen und auf die wahnsinnigen Rinder, die das neue, verbesserte Minzofrisch benutzten. 

Unverhofft ist das Ende des Buches schön und poetisch. Während die Kinder, wieder zu Hause, einen Schneemann aus Zucker bauen, fragt sich der Leser, wie sie mit dem Erlebnis der magischen Nacht umgehen werden. Aber: 

Als Santa sie umarmte, hatte er ihnen dabei die Erinnerung an diese Nacht genommen. Manchmal fiel sie ihnen wieder ein, aber nur in ihren Träumen. … Und vielleicht lag es an dieser magischen Nacht, dass sie, als sie älter und zu Teenagern wurden, immer noch kindische Dinge taten, selbst als sie sehr, sehr alt geworden waren. 

Und für Leser, die das kitschig finden, schließt sich das Kapitel „Ein anderes Ende“ an und dahinter folgt „Noch eins“  - und da schließt sich der Kreis, denn das Buch hat auch ein paar Anfänge zur Auswahl. 

Ein großes Lob sei an dieser Stelle dem Übersetzer Andreas Steinhöfel gewidmet; dieser Text war nicht einfach zu übersetzen, und doch gelingt es ihm mit seinem Erzähltalent, das er oft genug in eigenen Romanen unter Beweis gestellt hat, all die vielen Wortspielereien aufzugreifen und umzusetzen und dabei die rasch umschlagende Stimmung jeweils einzufangen.
Sehr schön fügen sich in diese turbulent komische Geschichte die Illustrationen von Brian Ajhar, jeweils der Atmosphäre des Erzählten angepasst: Von (fast) idyllisch über nahezu kitschig bis hin zu spöttisch-boshaft ist alles vertreten, und oft genug überwiegen auch hier die skurrilen Elemente. Passend übrigens auch die Seitenrahmungen, die nur manchmal von den Illustrationen durchbrochen werden.
Ein sehr ungewöhnliches Buch, das Weihnachten nicht ernst zu nehmen scheint und doch nur den Konsumrausch der Menschen anprangert und zeigt, dass dieses Fest nur mit dem Herzen und Glauben eines Kindes verstanden werden kann.
Aufgrund der oft rhythmisierenden Sprache ist das Buch besonders zum lauten, betonten Vorlesen geeignet, doch auch das Selberlesen macht Spaß, wegen der deutlichen Schrift oder den vielen Abbildungen, die den Text gliedern. Die Geschichte ist auf vielen Ebenen lesbar, und je nach Alter wird man sich an der einen oder anderen erfreuen und darüber lachen, so dass als Altersempfehlung gelten kann: Von 8 bis 88. Mindestens!

 Der Autor:
 Roddy Doyle, geb. 1958 in Dublin/Irland. Veröffentlichte Romane (z.B. The Commitments, 1987; The Van, 1991; A Star called Henry, 1999;), Experimente (z.B. Yeats is dead! 2002), Theaterstücke (z.B. War, 1989), Memoiren (Rory and Ita, 202), „Hodge-Podge“ (‘Mischmasch’, The Barrytown Trilogy, 1992) und schließlich zwei Kinderbücher, von denen sein erstes kurz nach Erscheinen 2001 ins Deutsche Übersetzt wurde: Das große Giggler-Geheimnis (Original The Giggler Treatment, 2000) .  Für sein belletristisches Werk erhielt er den Booker Prize.

 

Der Übersetzer:
Andreas Steinhöfel, geb. 1962 in Battenberg geboren. Arbeitet als Übersetzer und Drehbuchschreiber, rezensiert auch Jugend­bücher für die FAZ und ist in erster Linie selbst Autor zahlreicher Kinderbücher, die bei Carlsen erschienen sind. Zu seinen eigenen bedeutenden Büchern gehören Es ist ein Elch entsprungen  (1999), Die Mitte der Welt (2000) und Defender (2003), Der mechanische Prinz (2003).
© für das Bild: Brigitte Friedrich

 

Der Illustrator:
Brian Ajhar, geb. 1957 in Easton, Pennsylvania. Arbeitet seit über 20 Jahren als Illustrator für Magazine, Buchpublikationen und Werbe­agenturen. Seine akademische Ausbildung erhielt er an der Parsons School of Design in New York. Seine Illustrationen in Wasserfarben und Tusche sind bekannt für seine launische Satire.

 

(avn für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

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Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
     

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