Der LesePeter
des Monats
Dezember 2004

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Anthony Browne

 
      für das Bilderbuch  
      In den Wald hinein  
         
     

Anthony Browne: In den Wald hinein.
Aus dem Englischen von Peter Baumann
Oldenburg: Lappan  2004
32 Seiten, geb., 12,95 €
für alle, die Märchen kennen

 
 

 

 

Ja, die Geschichte hat kleine logische Brüche. Ja, die ersten „Cliffhanger“ (sagt man wohl heute) sind übertrieben. Aber was ist das alles bereits gegen das Titelbild: Da geht ein Junge, folgt dem Wegweiser aus grober Holzplatte mit geritztem „In den Wald hinein“, hat selbst rote Schuhe, blassblaue Hose und quer gestreiften Pullover (Anthony Browne liebt es, Personen mit quer gestreiften Pullovern zu zeichnen) während der Wald mit den ausgelegten Blättern SEHR GRAU bleibt. Die Astlöcher sind bereits hier sehr fordernd, ein Baumstumpf erscheint als Turm, die Zinnen sind Spitzen einer Krone. Und der Schatten des Jungen? Ist es nicht ein Hase, der sich da auf dem gewundenen Weg bildet? Und dann entdecken wir auch noch einen Apfel. Und sehen die toten, kurzen, spitzen Äste der Bäume nicht aus, als wären sie Dornen, die sich schützend vor ein Schloss stellen?
Browne spielt mit dem Genre „Märchen“. Er fordert zum genauen Schauen, zum Mitleben, zum Zurückschauen, er nimmt gefangen, zwingt den Blick zur Suche nach Verborgenem.

Die Buchdeckel sind (blut-) rot wie auf der nächsten Seite Mamas Jacke. Aber Mama sitzt sehr merkwürdig da, direkt vor uns an dem quer stehenden Tisch. Ihr Blick ist starr, sie schaut links an uns vorbei. Rechts sitzt der Junge, er hat wohl gerade gefrühstückt, einige Krümel auf dem Teller, eine Dose Margarine, ein Glas Marmelade, ein orange farbener Becher. Über allem eine fast kahle Lampe. Links steht auch ein Stuhl. Er wirft einen harten Schatten und er ist leer. Papa ist nicht da.
Papa soll aber da sein! Mama weiß nicht, wann er wieder kommen wird.

Die Kommunikation zwischen Mama und Sohn scheint nicht zu klappen. Mama ist bedrückt, der Sohn auch. Es wird nicht klar, ob der Grund der gleiche ist, denn der Junge schreibt Zettel, die er überall im Haus verteilt: „Komm nach Hause, Papa.“ Mutter dagegen gibt dem Sohn einen Auftrag: „Bring diesen Korb der Oma. Geh aber nicht durch den Wald, geh außen herum.“

Halt, gab es da nicht ein Mädchen mit roter Mütze und Korb, das dereinst ebenfalls durch einen Wald ging? Ein Wolf kam ihr entgegen und...
Dem Jungen kommt erst ein anderer Junge mit einer Kuh entgegen (Hans im Glück); getauscht wird aber nicht. Auch dem Mädchen mit den langen Zöpfen kann er so recht nicht dienen und auch nicht den beiden Geschwistern, die vor einem Holzfeuer sitzen und mit dem Hexenhäuschen im Hintergrund nichts im Sinn haben. Auch der rote Mantel (booaah, sagen wir, wenn wir den schwarzen Wolf mit den glänzenden Augen im Hintergrund entdecken, also doch!) scheint dem Jungen überhaupt keine Angst zu machen – er strebt vorwärts zum Haus seiner Großmutter. Und wie seine innere Spannung sich steigert, seine Gedanken immer schneller zu rasen scheinen, so verbiegen sich die zunächst sehr geraden Bäume immer mehr, umschlingen sich, wird der Wald dichter, bis er kaum noch Durchlässe bietet.
Auf der nächsten Seite fällt dann dichter Schnee, wird es kalt und ruhig.

Wie oft im Märchen, geht auch hier alles gut aus. Da darf man auch den logischen Bruch der Geschichte verzeihen: Warum hat Mutter ihrem Sohn das Fehlen des Vaters nicht einfach erklärt? Vielleicht hat sie es ja, aber hier wird aus der Sicht des Jungen berichtet, und Kinder verstehen nicht immer alles gleich, legen sich auch schon mal eine eigene Wirklichkeit zurecht. Nicht umsonst lässt Browne den Jungen selbst erzählen.
Bleibt die Frage, ob man Märchen missbrauchen darf, indem man sie für seine eigenen Ideen benutzt? Antwort: Man muss sie benutzen! Was sonst sollten Märchen heutzutage bedeuten für Kinder in einer Zeit der Schnelllebigkeit, in der alles gezeigt werden muss, Phantasie zugedeckt, und die dennoch lechzt nach Werten und Dingen, die den Tag überdauern.

Dieses Buch überdauert, wenn wir bereit sind, es so zu nehmen, wie es ist. Die Gemeinschaft im Kleinen ist die Familie. Da gehört das Kind zur Mutter und zum Vater, aber auch zu den Großeltern (Schade, dass der Großvater nicht vorkommt).  
Die Bilder leben ganz stark von den vielen versteckten Märchenandeutungen: Wir fanden zusammen mit einigen Kindern mehr als 20, die wir zuordnen konnten; einige andere waren uns unklar, aber deutlich sichtbar, also ergänzbar. Der großen Grauheit steht die kleine Farbigkeit entgegen, die sich am kuscheligen Ende, das wir kaum noch zu erhoffen wagten, ausleben darf.

 Wir sollten Kinder mit dem Buch nicht überfordern. Es bedarf gewisser Vorkenntnisse in Sachen Märchen, aber auch in Sachen Bilder-Buch. Und es sollte unbedingt nicht einfach verschenkt werden. Bitte, nehmt euch die Zeit, mit den Kindern zu fiebern, so schauen, Gefundenes zu erzählen und zu interpretieren, Vergleichbares zu benennen. Dann erschließt sich eine im Ganzen tolle Geschichte mit ganz vielen ebensolchen Bildern.
Allein das letzte Bild mit dem kurzen Text („Und Mama kam lächelnd auf mich zu.“) und der mehr als seitengroßen Mutter mit der roten Jacke , dem blauen Hemd und dem breiten Lächeln unter den freundlichen Augen, lohnt das Buch. Es ließe sich trefflich viel sagen, über die Verteilung auf der Doppelseite, über das Ausstrecken, den Haarfall der Mutter, den leicht verschobenen  Blick, den sehr breiten Mund, den Lichtfall, den Übergang zur Buchdeckelseite, den Strick-Hinweis – man möchte, wie man der Rezension wohl anmerkt, gar nicht aufhören, zu „erzählen“.

  

Anthony Browne,
geboren 1946 in Sheffield, verbrachte seine Jugend in der Nähe von Halifax, Yorkshire. Er besuchte die Kunstschule in Leeds und arbeitete dann als anatomischer Zeichner. Heute lebt er mit Frau und Kindern in Kent. Er gehört zu den innovativsten und anerkanntesten Bilderbuchkünstlern unserer Zeit. Seine Bilderbücher wurden mehrfach ausgezeichnet. (Stimmen im Park, Gorilla, Das Formenspiel, Zoo u.a.)

 

(uhb für die AJuM der GEW)

 
         
         
   

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (avn)
Jugendbuch     (02/06/10)   (pfn)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
     

Impressum: AJuM der GEW  *  c/o    Ulrich H. Baselau  * Osterstr. 30  * 26409 Wittmund * ulrich.baselau [ad] ajum.de * 04462 -- 943611
Zur Datenschutzerklärung