Der LesePeter
des Monats
August 2004

 
 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.

 

geht an Sabine Wiemers und Heinz Hanisch

 
      für das Bilderbuch  
      Ein ganz gewöhnlicher Montag  
         
         
         
         
     

Sabine Wiemers & Heinz Janisch:
Ein ganz gewöhnlicher Montag.

Wien-München: Annette Betz bei Ueberreuter  2004
24 Seiten, geb., 12,95 €
 

 
 

 

Alfred ist ein phantasievolles Kind. Er denkt sich seine Welt. Seine Mutter kennt das offensichtlich längst und benimmt sich entsprechend: "Mach keine Faxen", sagt sie. Nur seinem Lehrer sind Alfreds Ausflüge in die Welt des Möglichen nicht recht: „Du bist und bleibst ein alter Geschichten-Erfinder“ sagt er.

Heinz Janisch erzählt chronologisch und geradlinig vom Aufstehen über Waschen, Schultasche packen, Schulweg, Ankommen bei der Schule, auf dem Schulhof bis zur Rückgabe der Aufsätze im Klassenraum. Ein Montag halt? Aber: Alfred schwebt, sein Spiegelbild steht auf dem Kopf wie die Bäume auf dem Weg, ein Raumschiff an der Ampel auf dem Gehsteig landet dort wie später auf dem Kopf vom Lehrer Obermann (witziges Wortspiel zu Oberlehrer Mann): Auch wenn Alfred all die Besonderheiten, die ihm widerfahren, seiner Mutter je mitteilt, für sie ist es ein ganz normaler Montag: "Zeit zum Gehen. Ich muss ins Büro." "Komm. Wir haben es eilig." "Du wirst noch Kopfweh kriegen. Morgen nehmen wir eine Mütze.", ist alles, was ihr dazu einfällt, wenn er ihr erzählt, dass der Apfel durchs Zimmer schwebt, Indianer um die Ecke flitzen, eine Frau aus einem Raumschiff nach dem Weg fragt, er einen Salto in Zeitlupe machen kann.

Eine noch größere Geschichten-Erfinderin als Alfred ist Sabine Wiemers. Die Text-Geschichte ist schon merkwürdig genug für uns Normal-Fantasierende. Die Bilder greifen diesen Text nicht nur auf, illustrieren ihn zwar, erfinden aber auch zum Teil völlig Absurdes hinzu: Eine Katze mit Taucherbrille, aufgereihte Kühe, die sich absaugen lassen wollen, einem Vorhang entflogene Vögel, Alfred in einer antik anmutenden Schubkarre mit einem Eimer Popkorn vor sich und einer Schlange als Schal um sich, Dübel und Schraube fliegen auf ihrem Weg in das Loch in der Wand - das Bild folgt bereits, flacher Holz-Clown im Toaster, Koffer-Schallplattenspieler für Singles, zudem noch für linkshändige Menschen (der Abspielarm ist auf der falschen Seite!), Meerkatze, vermenschlichter Hund im frei beweglichen Jahrmarkt-Autoscooter, ein Bus als Roller (51 Stadttor) - der Fahrer rollert, die Mitfahrer stehen steif, auf dem Anhänger steht ein Storch auf einem Bein, Mutter führt ein Seepferdchen an einer Leine spazieren, welches mit seinen Flossen fliegt und und und.
Man kann sich gegenseitig schnell übertreffen im Finden von Merkwürdigkeiten – und auch eigene Geschichten daneben erfinden.
Vielleicht fällt dabei auch auf, dass Sabine Wiemers jedes ihrer zehn doppelseitigen Bilder mit einer versteckten laufenden Nummer versehen hat.

Der Text, der wie handgeschrieben ausschaut, beginnt jeweils mit einer Initiale (ein Kamm mit fehlenden Zinken wird da schon mal zu einem E), zunächst oft mit einem A (Als, Alfred, Auf) und greift dann in das Bild mit ein: Ein roter Faden aus einem Wollknäuel wird zu einem V, auf dem Fußboden im Klassenzimmer liegen Buchstaben (sowie ein Krokodil, eine Gans, merkwürdige Blüten) herum. Wahrscheinlich sehr zufällig liegt ein D da, mit dem man gut ein „Du“ beginnen kann.

Toll, dass man sich als erwachsener Mensch derart in die Phantasiewelt eines Kindes hineindenken kann! Schön für uns, dass wir das betrachten (und vorlesen) dürfen. Durch die Vielfalt und Verschiedenheit des schier überquellenden Erfindungsreichtums hat dies Buch den LesePeter August 2004 verdient.

Ausgangspunkt für eine über das bloße (Vor-) Lesen weitere Behandlung des Buches kann im Kindergarten oder in der Grundschule ein gegenseitiges Übertreffen im Finden sein. Das erfordert genaues Schauen, Abgleich mit der Wirklichkeit, Geduld, sprachliche Kompetenz: „Ich sehe zwei Fische. Einer kann fliegen.“ - „An einen Seifenblasenring kann man auch ein Netz knüpfen. Damit kann man ein Tier fangen, nämlich …“ – „Ein Turm ist sehr bestrickt und hat als Dach … (ein Schneckenhaus).“ „Alle Kühe stehen in einer Reihe, nur eine hat sich versteckt.“, usw.
Anschließend ist die Herstellung von Collagen ein gutes Mittel, die eigene Phantasie schießen zu lassen. Ob wir dazu auch eine Geschichte erfinden können? Vielleicht sollte die Erzieherin eine Figur vorgeben?

Man muss aber nicht mit dem Buch arbeiten, man darf sich auch einfach mit ihm vergnügen. Und beim zweiten Lesen ebenfalls. Und beim dritten…

 

 

Sabine Wiemers wurde 1965 geboren und studierte Visuelle Kommunikation an der FH Düsseldorf. Sie arbeitet als Illustratorin für verschiedene Verlage: Küssen nicht erlaubt / Wochenende bei Papa / Geh mit niemandem mit, Lena! / Hexentanz und Zauberkraut ...  Auch etliche Lachgeschichten für die Sendung mit der Maus hat sie gezeichnet.

 

Heinz Janisch ist Jahrgang 1960, Österreicher. Nach dem Abitur studierte er zunächst Germanistik und Publizistik, arbeitete daneben aber bereits für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften, bald auch für den ORF (Hörfunk: Menschenbilder). Er veröffentlichte für die Kinder- und Jugendliteratur seit 1989 und wurde u.a. dabei illustrierend begleitet von Lisbeth Zwerger (Till Eulenspiegel, Die Arche Noah) oder Bernhard Oberdieck (Sarah und der Wundervogel).

 

(uhb für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch    

(01/05/09)

  (avn)
Jugendbuch     (02/06/10)   (pfn)
Sachbuch     (03/07/11)   (gas)
Bilderbuch     (04/08/12)   (uhb)
         
 
         
         
         
         
      Die Auswahl der Auszeichnung fällt nicht immer ganz leicht. Aus der Frühjahrsproduktion boten sich einige Titel an, mit dem LesePeter ausgezeichnet zu werden. Neben "Ein ganz gewöhnlicher Montag" kamen vier weitere Bücher in die engere Auswahl.
Diese Rezensionen können in der Datenbank der AJuM der GEW aufgerufen werden oder per Klick auf den entsprechenden Titel.
 
         
      Willi Glassauer & Hermann Löns:
Mümmelmann.
Berlin: Aufbau 2004
 
         
      Peter Schössow & Johann Wolfgang von Goethe:
Meeres Stille und Glückliche Fahrt.
München: Hanser, 2004
 
         
      Bernhard Lins & Alenka Sottler:
Willi wünscht sich einen Bruder.
Zürich: bohem press 2004
 
         
      Sandra Luchsinger: Paolos Glück.
Eine Geschichte zum Weinen.
Zürich: Atlantis bei Orell Füssli 2004
 
         
         
         
         
     

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