Der LesePeter
des Monats
Januar 2004

 
     

geht an Kate DiCamillo

 
      für das Kinderbuch  
      Winn-Dixie.  
         
         
         
         
     

Kate Dicamillo: Winn-Dixie
München: dtv junior 2003
139 Seiten, 5,50 €
 

 
 

 

Winn-Dixie ist nicht einfach nur ein Hund, sondern ein ganz besonders hässlicher, herrenloser, räudiger Straßenköter, mit einer panischen Angst vor Gewittern, aber einem bezaubernden Lächeln auf den Lefzen, das die Herzen berührt, und India Opal ist die Tochter eines Missionspredigers, im Alter von drei Jahren von der Mutter verlassen.
Nach sieben Jahren eher eine Fremde, lässt sich Opal vom Vater die Mutter in 10 Punkten, die sie auswendig lernt, beschreiben, damit sie sie erkennt, wenn sie wieder kommt, und sie sammelt Geschichten, die sie der Mutter eines Tages erzählen will. „Ich dachte an meine Mama. An sie zu denken war das gleiche Gefühl, als wenn man mit der Zunge das Loch fühlt, nachdem man einen Zahn verloren hat. Immer wieder ging ich in Gedanken zu dieser leeren Stelle, der Stelle, wo sie eigentlich hätte sein müssen.“ (102)
In diesem Sommer ist Opal mit dem Vater nach Florida gezogen. Hier empfindet sie ihre Einsamkeit besonders stark. Als sie im Kaufhaus „Winn-Dixie“ Zeuge der mittleren Katastrophe wird, die der Hund schwanzwedelnd anrichtet, erkennt sie intuitiv seine Einsamkeit und beschließt spontan, dieses hässliche Wesen zu adoptieren. Er bekommt seinen Namen nach dem Ort ihrer Begegnung, wird ihr treuer Gefährte, mit dem sie ihre Ängste und Hoffnungen, ihre Freude und ihr Verletztsein teilen kann.
Trotz ihrer Einsamkeit ist Opal ein aufgeschlossenes Kind, das vorurteilsfrei an Menschen und Leben herantritt. So ist es kein Wunder, dass sie nun – mit Hilfe von Winn-Dixie – gerade die kennen lernt, die ein wenig am Rande der Gesellschaft leben oder von dieser zumindest etwas schief und misstrauisch betrachtet werden; alle ein bisschen kindlich, ein bisschen naiv, gleichzeitig sehr lebensklug, warmherzig, nur darauf wartend, dass ihnen jemand seine Tür öffnet: Gloria Dump, als alte Hexe verschrien, die fast schon blind ist und in den Baum im Garten leere Flaschen hängt, um die eigenen bösen (Flaschen-) Geister zu bannen; Otis, der Zoogeschäftverkäufer, der im Gefängnis war und besser durch seine Gitarre als mit dem Mund sprechen kann und eine Musik wie Orpheus macht, die die Tiere zum Stillesein und Zuhören zwingt; Miss Franny, die Bibliothekarin, die manchmal zittert, wenn sie Geschichten von früher erzählt. Und es sind grundlegende, wichtige Dinge, die Opal gerade von diesen Erwachsenen lernt und die ihr den Weg weisen: „Aber bis dahin musst du immer daran denken, Leute nie nach dem zu beurteilen, was sie mal gemacht haben. Du musst sie nach dem beurteilen, was sie jetzt tun.“ (74).
Als sie von Miss Franny ein Tütchen Bonbons geschenkt bekommt, entdeckt Opal die verborgene Traurigkeit auch im Leben anderer, denn diese Bonbons, die im Mund erblühen „wie eine Blume, süß und traurig zugleich“ (139), lassen sie erkennen, dass das Leben den Lutschbonbons gleicht, die Miss Frannys Großvater vor Jahrzehnten nach dem Bürgerkrieg in einer eigenen Bonbonfabrik anfertigen ließ, um seine Kriegserlebnisse zu verarbeiten und das Leben zu versüßen: „Ich lag da und dachte, dass das Leben wie ein Littmus-Lutschbonbon war, wie sich darin das Süße und das Traurige vermischten und man sie nur schwer voneinander trennen konnte.“ (97) Das erinnert an Forrest Gump’s „das Leben ist wie eine Pralinenschachtel, man weiß vorher nie, was drin ist.“ Und so wird Opal für die kleinen Tragödien anderer Menschen sensibilisiert und beginnt zu verstehen, warum diese gerade so geworden sind und nicht anders. Der Keim zu Freundschaften auch zu anderen Kindern, z.B. Amanda mit dem Kneifzangengesicht, ist gelegt, sie fangen an die Lücke zu füllen, die der Verlust der Mutter in Opals Leben hinterlassen hat. Die Zeit der Einsamkeit ist vorbei.
Über all diese Erlebnisse hinweg begleitet der getreue Winn-Dixie das Mädchen. Er bricht das Eis, das sie umgeben hat, und ermöglicht erst die Begegnung mit all diesen Menschen. Die beiden lieben einander bedingungslos, können über Schwächen und Äußerlichkeiten hinwegsehen, weil sie dahinter die Seele des anderen erkennen.

Kate DiCamillo hat eine wunderbar tröstlich-melancholische Geschichte über Freundschaft, Liebe und Verständnis geschrieben, aus der Sicht eines Kindes, in einer seltsam poetischen Sprache, die zu Herzen geht, kurz und prägnant, einfach und schnörkellos. Ein Buch, nach dessen Lektüre man ein wenig weinen möchte ohne genau zu wissen, warum.

 

Das Buch wurde 2002 für den Deutschen Jugendliteraturpreis (Kinderbuch) nominiert und erhielt eine Reihe weiterer Auszeichnungen: Newbery Honor Book, 2001; A New York Times Bestseller; An ALA Notable Children’s Book; A Bulletin of the Center for Children’s Books Blue Ribbon; A New York Public Library 100 Books for Reading and Sharing; A Parents’ Choice Gold Award Winner; A Publishers Weekly Best book of the Year; A School Library Journal Best Book of the Year; A Smithsonian Best Book; Josette Frank Award from the Children’s Book Committee at Bank Street College of Education.

 

Kate DiCamillo ist in Philadelphia, Pennsylvania geboren und zog im Alter von fünf Jahren nach Florida; nach Abschluss ihres Studiums arbeitete sie bei dem Buchvertrieb The Bookman in Minneapolis, Minn. In dieser Zeit begann sie Kurzgeschichten zu schreiben und debütierte 2000 mit ihrem ersten Roman „Because of Winn-Dixie“ (deutsch September 2003). Vor kurzem erschien in den USA ihr zweiter Roman, „The Tiger Rising“.

 

Sabine Ludwig übersetzt nicht nur Bücher aus dem Englischen, sie schreibt auch selbst Kinderbücher (Mops und Molly Mendelssohn, Weihnachtsmänner küsst man nicht u.a. bei Dressler). Die Berlinerin ist 1954 geboren und war vor ihrem jetzigen Beruf Lehrerin.

 

 

(avn für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

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