Der LesePeter
des Monats
September 2003

 
     

geht an Marjaleena Lembcke

 
      für das Kinderbuch  
      In Afrika war er nie  
         
         
         
         
     

Marjaleena Lembcke: In Afrika war er nie
Zürich: Nagel & Kimche 2003
112 Seiten, geb., 9,90 €
 

 
 

 

Die 1945 geborene finnisch-deutsche Schriftstellerin Marjaleena Lembcke, bereits bekannt durch Bücher wie Zeit der Geheimnisse (1995), Der Sommer, als alle verliebt waren (1997), Und dahinter das Meer (1999), Abschied vom roten Haus (2000), Als die Steine noch Vögel waren (2000) u.v.a., erzählt einfühlsam und leise eine anrührende Geschichte ohne Sentimentalität und doch voller Emotion. Juhani, die Hauptfigur dieses Romans, hält ständig Ausschau nach schweren Motorrädern. Ist doch sein Vater vor Jahren auf einer Harley-Davidson davongebraust, ohne je wiederzukehren, die Familie zurücklassend, um seiner „Berufung“ als Tangosänger zu folgen und durch Afrika zu tingeln. Das Geräusch der schweren Maschine wird für Juhani zum Symbol des Vaters, auf dessen Rückkehr er Jahre wartet.
Juhani gibt die Hoffnung nicht auf, doch nun, als 13-Jähriger, beginnt sich sein Leben zu ändern; in einem herrlichen finnischen Sommer bei den Großeltern verbringt er unbeschwerte Tage und verliebt sich in Milja. Das Bild des Vaters beginnt zu verblassen. Da taucht unvermittelt die Harley-Davidson auf und der Vater kommt zurück, tritt so selbstverständlich in Juhanis Leben, als sei er nie weg gewesen. Das Buch endet mit der Erkenntnis des Vaters, „Brüche gibt es“ und Juhani nickt. Er hat verstanden.

Wofür andere dicke Wälzer benötigen, das packt Marjaleena Lembcke in ein schmales Bändchen, doch nie hat man das Gefühl, da sei etwa alles nur kurz abgehandelt. Wo andere vor Betroffenheit zerfließen, da wird ihr Sprachgebrauch lockerer und leichter, je schwerer die kleinen und großen Schläge des Lebens die Akteure treffen. Doch gerade so entwickelt sich innere Anteilnahme ohne äußere Scheingefühle. Je komplizierter Gefühle und Situationen werden, desto unkom­plizierter und eingängiger werden Lembckes Sprache und Stil. Wo andere Verwicklungen dramatisieren und künstlich hoch puschen, da wiegelt sie ab und lässt menschliche Katastrophen wie Tod (Juhanis Mutter hat ein Beerdigungsunternehmen), Alkoholismus, zerrüttete Ehen und psychische Folgen des Krieges (Miljas Vater hat angeblich einen „Granatensplitter im Kopf“, die Erzählung spielt um 1960) fast im Nebensatz aufleuchten, ohne sie deswegen abzutun oder in ihrer Bedeutung zu missachten, aber gerade die subtile Wirkung geht am stärksten unter die Haut.
Alles ist ein bisschen anders als gewohnt, ohne unrealistisch zu sein, es ist auch nicht idealisiert - das Happy End ist eigentlich kein solches, die Beziehung zu Milja bleibt zunächst noch vage und unsicher, die Freundschaft zu Pentti leidet an der Neuorientierung und doch wünschte man sich, die Personen kennen zu lernen.

Eine atmosphärisch sehr dichte Erzählung in dem für Marjaleena Lembcke so typischen Erzählstil, schlicht, hintergründig, direkt. Eine Erzählung über Liebe und Treue, über Erwachsenwerden und das Ende von Kindheit.
Trotz der an sich ernsten Thematik ist das Buch über weite Strecken hinweg auch unbeschwert und unterhaltsam; sehr empfehlenswert bereits ab 10 Jahren, mit Gewinn aber auch von älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu lesen.
Auch als Lektüre in den Klassen 5-7 ist ein Einsatz denkbar durch die im Buch vorhandenen, wenn auch nie deutlich zur Schau gestellten pädagogischen Hilfestellungen, mit denen Marjaleena Lembcke dem jugendlichen Leser einen die eigenen Fähigkeiten erweiternden Zugang zu den oben genannten Problemfeldern ermöglicht. Seien es Totenkulte und Begräbnisrituale oder der Umgang mit „schwarzen Schafen“ in Familien, seien es Streitigkeiten oder gescheiterte Lebensplanungen obwohl dem ersten Anschein nach gar nicht Themen des Buches, findet sich Stoff zu solchen Bereichen, der für längere Abhandlungen reichte. Vermittelt wird dies aber nie in klugen Einschüben eines allwissenden Autors, sondern aus dem Mund der handelnden Personen, die solche Themen einfach besprechen und dem Leser aus ihrer Perspektive so gleichzeitig die Erfahrung vermitteln, dass man derartiges besprechen kann und auch zu Erkenntnissen gelangt. Und weit und breit ist kein erhobener pädagogischer Zeigefinger sichtbar oder fühlbar.

Könnten das doch mehr Kinder- und Jugendbuchautoren!

(avn für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

       

 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

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