| Beurteilungstext:
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Erst nach und nach tun sich einige besonders absurde Details des 2. Weltkriegs auf. FĂ€hrmann beschreibt hier die Odyssee eines kompletten MĂ€dchengymnasiums inclusive LehrerInnen durch das chaotisch zerfallende Deutsche Reich. Dabei charakterisiert er die MĂ€dchen im Alter von 9 bis 16 Jahren als schnell erwachsener werdende Menschen, die sich und ihre Situation zunehmend besser in die Hand bekommen und in den erwachsenen Begleitern vorwiegend gute Freunde und Vorbilder sehen. FĂ€hrmann ist vorsichtig mit der Beschreibung der GrĂ€uel des Dritten Reiches, die Kinder lebten auf einer âInsel der Seeligkeitâ, sie bekamen von nichts etwas mit. Ihre LehrerInnen sind zwar ideologisch der Naziideologie verhaftet, wirklich fanatisch aber ist keineR. Besonders weltfremd erscheint der Schulleiter und Organist Dr. Scholten (der zum Schulleiter erst auf der Flucht ernannt wird; die BĂŒrokratie treibt seltsame BlĂŒten), der gleichzeitig funktionierender Nazi und praktizierender Humanist ist, sich den Obrigkeitsforderungen nicht anpassen will und es dennoch immer wieder tut. Wirkliche Nazis, das was man heute darunter versteht, tauchen nur am Rande auf, in kurzen Episoden. Alle Hauptpersonen gehören mehr oder weniger zu der Kategorie der Deutschen, die vieles gehört und geahnt, aber ânichts gewusstâ haben. So ist dieser Roman eigentlich völlig unpolitisch. Eine ungewöhnlich groĂe Rolle spielt die katholische Kirche: Die rheinischen Katholiken sind in das katholische Ăsterreich gezogen und die Parteihörigen unter den Lehrerinnen versuchen vergeblich, die MĂ€dchen von der Kirche des Dorfes fern zu halten. Die Pfarrer und Nonnen, die im Laufe der Handlung auftauchen, sind durchweg positive Figuren, von einer mindestens schweigenden MitlĂ€uferschaft der katholischen Kirche, wie es der Nuntius in Berlin, der spĂ€tere Papst Pius, vormachte, ist hier nicht die Rede. Wohl aber erfahren die MĂ€dchen, dass Behinderte, die von Nonnen betreut wurden, im Rahmen der Euthanasie ermordet wurden. Auch die Verlogenheiten der Parteibonzen, die Mordkommandos der SS in den letzten Kriegsmomenten und anderes werden nicht verschwiegen. Aber eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Nazi-Ideologie findet praktisch nicht statt. Eine Entnazifizierung der handelnden Personen wĂ€re ĂŒberflĂŒssig gewesen. Aber das ist doch genau das Problem: Die Deutschen haben sich darauf berufen, dass sie nichts gewusst haben. Sie haben nichts gewusst, weil sie nichts wissen wollten, sie haben die Informationen, die sie erreichten, nicht wahr genommen, selbst im Nachhinein nicht. Dass Kinder von den gesamten Negativerscheinungen des Nazismus fern gehalten werden konnten, ist nicht verwunderlich - FĂ€hrmann zeigt hier auch deutlich, an wie vielen Punkten den MĂ€dchen wĂ€hrend der Flucht die Wahrheit vor Augen gefĂŒhrt wird, wie sich ihnen das Grauen einer Welt öffnet, die sie vorher nie so wahrnehmen konnten. Aber dass die erwachsenen Lehrerinnen, ob Parteimitglied oder nicht, keine wirklich kritische Sicht der Welt haben, finde ich problematisch. Die einzige uneingeschrĂ€nkt positive Figur ist die Krankenschwester, die der Schule zugeteilt wurde und eine selbstĂ€ndige, unabhĂ€ngige Frau ist, die mutig und mit klarem Blick ausgestattet gegen die gröĂten Ungerechtigkeiten vorgeht, deswegen aber noch lange keine Antifaschistin ist.
So sehe ich in diesem Roman auch die Rechtfertigung der Deutschen, die âeinfach nicht wussten, was passiert warâ. Der Schritt zum âwenn das der FĂŒhrer wĂŒssteâ ist nicht weit. Zu leicht fĂ€llt es meiner Ansicht nach, derlei Berichte als Rechtfertigung dafĂŒr zu benutzen, dass doch nicht alle Verbrecher gewesen wĂ€ren. NatĂŒrlich waren nicht alle Verbrecher, aber sechs Millionen Juden wurden nicht von nur wenigen Menschen zusammengetrieben, transportiert, bewacht, ermordet. Justizmorde fanden in der Ăffentlichkeit statt. Verfolgungen waren allgegenwĂ€rtig. Diskriminierungen alltĂ€glich. Das alles schrĂ€nkt nicht die WertschĂ€tzung derer ein, die verantwortungsbewusst und auch erfolgreich dafĂŒr sorgten, dass MĂ€dchen wie diese Oberhausener den Krieg heil ĂŒberstanden.
FĂ€hrmann schreibt spannend und selbst in Kleinigkeiten so empathisch, dass die LektĂŒre unbedingt schon deshalb empfehlenswert ist! Diese Empathie ist Kennzeichen des Autors. Keine der genauer beschriebenen Personen könnte per se als unsympathisch gelten. Wirkliche Antipathien kann der Leser nur gegen Personen entwickeln, die FĂ€hrmann nicht vollstĂ€ndig zeigt: die SS-Mörder, die nur indirekt und als mordend vorĂŒberziehend beschrieben werden, ein Parteibonze, der sich keifend durch ein winziges Fenster zeigt. Wirkliche Menschen, solche, die man genauer kennen lernt, sind eben nie in GĂ€nze unsympathisch; ein guter Kern steckt in Jedem.
Mir ist ĂŒbrigens eine noch absurder erscheinende dreijĂ€hrige Flucht eines berliner MĂ€dchengymnasiums von Oberschlesien nach Berlin bekannt. Aber diese Geschichte mĂŒsste noch beschrieben werden.
[cjh Berlin] |